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Interview „Ich lege für niemanden mehr die Hand ins Feuer"

27.02.2007 ·  Der Präsident des Internationalen Skiverbandes, Gianfranco Kasper, im F.A.Z.-Interview über ausbleibende Zuschauer bei der WM in Japan, seine Angst vor Dopingskandalen und die ungewisse Zukunft des Wintersports.

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Der Präsident des Internationalen Skiverbandes, Gianfranco Kasper, im F.A.Z.-Interview über die wenigen Zuschauer bei der Nordischen Weltmeisterschaft in Japan, seine ständige Angst vor Dopingskandalen und die ungewisse Zukunft seines Sports.

Bei den ersten nordischen Ski-Weltmeisterschaften in Asien ist Halbzeit. Wie lautet ihr vorläufiges Fazit?

Ich glaube, dass es wert war, auf den asiatischen Kontinent zu gehen. Vornehmlich natürlich im Langlauf, im Langlauf und Springen hat Japan die Erfahrung gehabt, mit hervorragenden Athleten in beiden Disziplinen. Ich hätte etwas mehr Zuschauerinteresse erwartet, vornehmlich im Langlauf. Wir sind schließlich in einer Großstadt und nicht in einem kleinen Ort. Das hat mich ein bisschen enttäuscht. Man hat in meinen, in unseren europäischen Augen zu wenig getan in der Stadt selbst. Vielleicht ist es auch die Kultur, dass man nicht die ganze Stadt dekoriert. Aber schon am Flugplatz merkt man nicht, dass wir Weltmeisterschaften haben. Ich hätte mir, zum Beispiel, ein volles Haus im Sapporo Dome bei den Sprints vorgestellt, bei etwas Speziellem, das hier neu ist. Es ist aber auch möglich, dass einfach die Helden, die Champions in Japan fehlen im Moment. Beim Mannschaftsspringen war es eindeutig besser. Ich hoffe, dass diese Bronzemedaille sich auswirkt auf das Interesse an der kleinen Schanze.

Sind Sie zufrieden mit der Organisation?

Organisatorisch haben sie es sehr gut vorbereitet, auf japanische Art, natürlich. Es sind allein 6200 Mitarbeiter des Organisationskomitees akkreditiert worden. Übertrieben heißt das: jede Position ist zwanzigmal besetzt. Solche Zahlen irritieren und zeigen, dass enorm viel Geld in die ganze Angelegenheit gesteckt wurde. Allerdings wird sich erst nachher zeigen, wie die Wirkung im Volk war, über ganz Japan oder ganz Asien verteilt. Ich hoffe, dass es ein erster Schritt in die richtige Richtung war.

Was verspricht sich der Internationale Skiverband von nordischen Weltmeisterschaften in Asien?

Unsere Hauptaufgabe ist die Promotion des Skisports ganz generell. Wir nennen uns einen Weltsport, und wenn wir das sein wollen, sollten wir überall auf der Welt sein. Wir müssen versuchen, das Publikum für den normalen Skilauf, sei es Langlauf oder alpin, auf den Schnee zu bekommen. Und eigentlich sind auch die Weltmeisterschaften, genau wie der Weltcup, nur ein Werbeinstrument, um die Leute anzustacheln.

Welche Rolle spielt das Fernsehen bei diesen Weltmeisterschaften?

Eine größere als bei den meisten anderen Weltmeisterschaften. Wir brauchen das Fernsehen und haben auch keine Versuche großer Einflussnahme wegen Fernsehzeiten, wenn wir in Mitteleuropa sind. In einer anderen Zeitzone macht das Fernsehen natürlich Druck, das ist auch in unserem eigenen Interesse. Die wollen nicht in Deutschland um drei Uhr morgens die Wettkämpfe haben. Also müssen wir nach hinten gehen mit den Startzeiten. Ich finde zum Beispiel das Springen am Abend sehr gut.

Es hat hier bislang Schutzsperren für neun Athleten wegen erhöhter Hämoglobinwerte gegeben, darunter Langlauf-Olympiasieger Jewgeni Dementiew. Überrascht Sie das?

Nein, wir rechnen immer mit Schutzsperren, dafür haben wir sie ja. Man muss die Umstände anschauen. Die lange Flugreise löst einiges aus bei Athleten, es gibt auch die üblichen Ursachen mit Höhentraining vorher. Aber ich verstehe es nicht von den nationalen Verbänden, dass sie Ihre Athleten nicht vorher kontrollieren. Wenn es die Mongolei oder Senegal ist, die haben keine ärztliche Betreuung, da kann man sagen, arme Kerle, die fallen einfach rein.

Klingt da unterschwellig mit, dass „kleine“ Nationen vielleicht nicht clever genug arbeiten, um Doping zu verschleiern?

Wenn ein Mongole etwa aus der Höhe kommt, kommt er nicht auf die Idee, dass er sich testen lassen muss. Er weiß auch gar nicht, was der Hämoglobintest überhaupt soll und will. Er stellt sich wahrscheinlich auch gar nicht vor, dass er hier mit allen Mitteln eine Medaille holen muss. Ich erinnere an den einzig positiven Dopingfall, den wir in Sarajevo 1984 hatten. Es war der weitaus Letzte, ein Mongole, rund zwanzig Minuten nach dem Vorletzten im Ziel, der hatte alles geschluckt, was es überhaupt gab, von Beta-Blockern bis zu Schlafpillen. Er hatte während zwei Jahren überall, jeden gefragt: hast du eine Pille, und hat sie geschluckt, aber alle auf einmal. Im Labor haben sie nur gelacht: da können wir alles nachweisen, aber nichts, was ihn vorwärts bringt. Solche Sachen passieren immer. Aber mein Verständnis ist nicht vorhanden für Nationen, die durchorganisiert sind.

Sie haben kürzlich gesagt, dass sie bei Langläufern immer ...

...eine gewisse Angst haben. Erstens bin ich ein gebranntes Kind, ich lege für niemanden mehr die Hand ins Feuer. Wir wissen, dass zuviel auf dem Spiel steht. Das sehen sie in anderen Sportarten genauso: Es wird immer Betrüger geben. Wir haben die Anzahl schon etwas reduziert mit pädagogischen Maßnahmen, aber auch mit Angst einflößen. Was bewusst geschah. Aber was hinter geschlossenen Türen vor sich geht, wissen wir nicht. Eine Ausdauersportart wie Langlauf ist natürlich verführerisch. Aber ich glaube anhand der Verdachtsmomente und dem, was wir recht gut kennen im Verlauf der Jahre: die Anzahl hat stark abgenommen. Dass alle sauber sind, würde ich nie behaupten. Sie haben in Deutschland auch Geschwindigkeitslimit auf der Straße und es halten sie nie alle dran. Wir müssen es trotzdem mit allen Mitteln versuchen.

Wie können Sie eine Annäherung an den Idealzustand erreichen?

Die FIS gibt rund eine Million Schweizer Franken aus in diesem Jahr für Anti-Doping-Kontrollen, um zu zeigen, wir sind sehr hart. Viele Leute sagen uns, ihr macht zu wenig Kontrollen, das glaube ich nicht. Die Qualität der Kontrollen macht es, man muss auf die richtigen Zielgruppen losgehen, auf die Leute, von denen man es vermuten muss. Machen wir eine Kontrolle beim Wasa-Lauf, dann haben wir mehr Kontrollen als irgendeine andere Sportart - aber es bringt der Sache nichts. Und dann brauchen wir vor allem eine absolut kompromisslose Härte, null Toleranz gegenüber denen, die wir erwischt haben. Und dann müssen wir sofort jeden Fall, den wir haben, nach außen geben. Wir müssen den Athleten in der Gesellschaft mehr oder weniger ächten, nur das wird die Leute erziehen. Wenn in gewissen Sportarten - und ich sage da ganz offen: Rad - jede Woche eine Liste herauskommt von heute gesperrten Athleten, interessiert das nach zwei Jahren niemanden mehr.

Glauben Sie an eine Art Fairness bei Dopingkontrollen?

Nein. Wir haben keine Probleme in Ländern, die eine sehr gut ausgebildete nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) haben wie zum Beispiel Deutschland, mit der wir sehr gut zusammenarbeiten. Den Deutschen können wir trauen. Ich glaube nicht, dass die Nada rumspielt, nur weil es ein Deutscher ist und etwas verheimlicht. Aber in gewissen Ländern müssen Sie damit rechnen. Wenn die Deutschen kontrollieren, müssen wir nicht am selben Tag auch noch mit einer Kontrolle kommen, das wäre dann schon lächerlich. Wenn aber, zum Beispiel, in Tschetschenien eine tschetschenische Kontrolle gemacht wird, dann ist die sowieso negativ, und der trauen wir dann nicht.

Von Ihnen stammt die Einschätzung, Sie könnten die meisten Schlachten gewinnen, aber nie den Krieg. Ist das nicht frustrierend?

Ja, aber was ist das Gegenteil: wir geben einfach auf, wir resignieren? Dann würde ich als Eltern kein Kind mehr in irgendeinen Sport stecken, weil es eine chemische Bombe werden würde über kurz oder lang und seine Gesundheit kaputt machen würde. Wir haben eine Verpflichtung im Sinne der Vorbildfunktion, die wir erfüllen müssen. Und einfach freigeben: Dann sollte man auch die Medaillen nicht den Athleten verleihen sondern einfach Chemikern und Ärzten. Dann kann man den künstlichen Athleten züchten, und der soll die Medaille bekommen, der ihn züchtet.

Sie haben Wachstumshormon-Kontrollen angekündigt, für die es noch kein anerkanntes Verfahren gibt. Wie wertvoll sind dann diese Kontrollen?

Wir sind einer der Verbände, der gemeinsam mit der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) dieses Verfahren aufbaut. Wir wollen ein Monitoring haben, wollen wissen, was geht. Wir kontrollieren auch andere Sachen, die noch nicht auf der Liste stehen. Das Verfahren ist noch nicht juristisch anerkannt, wir könnten Athleten heute also nicht sanktionieren. Aber es gibt die Möglichkeit, Urinproben einzufrieren, das ist vom Internationalen Olympischen Komitee auch legalisiert. Also könnte man theoretisch - und ich betone das - auch erst in ein, zwei Jahren darauf zurückkommen. Meine Äußerungen während der alpinen WM in Are waren auch eine Warnung an alle Athleten: passt auf, die wissenschaftlich-juristische Nachweisbarkeit wird eventuell in ein paar Tagen, vielleicht auch erst in ein paar Wochen oder Monaten so weit sein. Ich finde, es ist besser, die Leute vorzuwarnen als sie in eine Falle laufen zu lassen, auch um einen Skandal zu vermeiden. Ich habe die Reaktion in Are gesehen, wie viele Athleten furchtbar erschrocken sind.

Rechnen Sie in Sapporo mit einem Dopingfall?

Wir rechnen nie damit, aber wir schließen ihn auch nie aus. Aber wir haben bisher nicht die geringsten Anzeichen. Die bisherigen Laboruntersuchungen haben auch absolut nichts ergeben.

Hatten die Vorfälle in Turin 2006, als die italienische Polizei in österreichischen Olympia-Quartieren eine Razzia abhielt, abschreckende Wirkung?

Das war sicher ein Warnschuss. Allerdings muss sich jetzt erst zeigen, was dabei herauskommt. Die Unterlagen der Italiener liegen jetzt endlich vor beim IOC, es werden jetzt Anhörungen abgehalten, und ich hoffe, dass wir spätestens im Sommer dann auch ein Urteil haben. Aber es hat gezeigt: man kann nie sicher sein, man kann auch um Mitternacht einen rausholen. Es gibt Leute, vor allem in Österreich, die sich dagegen wehren. Aber wer zwingt uns, so vorzugehen? Die Athleten selber. Wenn sie nicht auf dreckige Tricks gekommen wären, wären weder wir noch die Wada noch das IOC auf die Idee gekommen, sie aus dem Bett zu holen. Man darf das natürlich nicht zur Manipulation verwenden, Athleten mitten in der Nacht rausholen, damit sie am kommenden Tag müde sind. Aber bei Verdachtsmomenten ist es wichtig, dass man wie in kriminellen Fällen mit aller Wucht zuschlägt.

Das Gespräch führte Christiane Moravetz, Sapporo

Quelle: F.A.Z.
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