24.02.2006 · IOC-Vizepräsident Thomas Bach spricht vor dem Schlußwochenende der Olympischen Winterspiele in einem Interview mit der F.A.Z. über Athleten, die ihre Betreuer decken, und seine eigene Rolle im Österreich-Skandal.
IOC-Vizepräsident Thomas Bach spricht vor dem Schlußwochenende der Olympischen Winterspiele in einem Interview mit der F.A.Z. über Athleten, die ihre Betreuer decken, und seine eigene Rolle im Österreich-Skandal.
Sie sind gerne zum Biathlon gegangen. Gefällt Ihnen auch die Erweiterung dieser Disziplin um die österreichische Variante „Sportler und Gendarm“?
Nein, das kann niemandem gefallen. Aber man darf deshalb nicht Biathlon oder die österreichische Mannschaft unter Generalverdacht stellen.
Der Österreichische Skiverband behauptet, der vor den italienischen Verfolgungsbehörden geflüchtete Trainer Walter Mayer sei privat bei den Spielen gewesen. Dabei ist Mayer trotz seiner Sperre durch das Internationale Olympische Komitee (IOC) wegen Dopings offizieller Betreuer der österreichischen Biathleten und Trainer der Langläufer. Er hatte Kontakt zu der Mannschaft und schlief im österreichischen Quartier. Ist das nicht allein schon ein Verstoß gegen den olympischen Geist?
Da ich mit dem Fall in absehbarer Zeit beschäftigt sein werde, sei es in der Disziplinarkommission oder in der Exekutive, will ich mich nicht sehr detailliert äußern. Aber die Präsenz von Mayer hatte schon etwas Provokatives.
Ist es richtig, daß die IOC-Exekutive über eine Sperre für das österreichische NOK abgestimmt hat?
Nein. Das stimmt nicht.
Im Spitzensport sind Privatisierungstendenzen auffällig. Halten Sie das für einen Versuch, sich dem Zugriff des Sportrechts zu entziehen?
Das ist ein ganz wichtiger Punkt. In manchen Sportarten hat sich das schon etabliert. Nehmen Sie Tennis, wo es die ATP (Vereinigung der Tennisprofis) und den Internationalen Tennisverband gibt mit teilweise unterschiedlichen Interessen. Da hat es das IOC schwer zuzugreifen. Schauen Sie auf die Verselbständigung der NHL (amerikanische Eishockey-Profiliga), auf die vielen individuellen Trainingsgruppen im Wintersport.
Sind das Abspaltungen, die Doping erleichtern?
Sie sind zumindest eine Herausforderung für das IOC. Allerdings hatten wir immer schon nur beschränkte Zugriffsmöglichkeiten auf das Umfeld der Athleten. Als ich in Salt Lake City die Anti-Doping-Disziplinarkommission geleitet habe, habe ich mich bemüht, die Untersuchung nicht auf den Athleten allein zu beschränken, sondern herauszufinden, wer im Umfeld mitgewirkt hat. Da ist das Phänomen aufgetaucht, daß die Athleten fast immer das Umfeld total geschützt und abgeschottet haben. Generell kam die Aussage: Nein, nein, niemand hat es gewußt, ich war es allein.
Das Gespräch führte Anno Hecker.