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Interview : „Alle anderen haben Defizite, die Ullrich nicht hat“

  • Aktualisiert am

Er verausgabte sich wie kaum ein Kollege Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Der ehemalige Radprofi Rolf Aldag spricht im Interview mit der Sonntagszeitung über seine Ironman-Pläne, den Tour-Sieger 2006 und den Weg zu einem dopingfreien Radsport.

          Der ehemalige Radprofi Rolf Aldag spricht im Interview mit der Sonntagszeitung über seine Ironman-Pläne, den Tour-Sieger 2006 und den Weg zu einem dopingfreien Radsport.

          Kaum sind Sie nicht mehr als Radprofi aktiv, wollen Sie sich im Triathlon versuchen: Sie haben für den Ironman im Mai auf Lanzarote gemeldet. Kommen Sie vom Sport nicht los?

          Doch, eigentlich schon. Ich wollte jetzt Sport weiter nur für die Gesundheit treiben. Ich bin überrascht, welche Wellen das schlägt, daß die Leute anfangen, einen Trainingstag von mir zu verfolgen. Es war nicht Sinn der Sache, daß nun Homestorys zum Thema Laufen, Schwimmen, Radfahren gemacht werden.

          Gezeichnet von der „Höllentour”
          Gezeichnet von der „Höllentour” : Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

          Immerhin streben Sie den Ironman auf Hawaii an.

          Ja, ja, aber die Devise für meinen Ironman ist: möglichst früh anreisen, möglichst spät abreisen. Das ist meine Ambition. Ich will das schon vernünftig machen, aber auch unter dem Aspekt Lebenserfahrung. Und unter dem Aspekt: Ich war noch niemals auf Hawaii.

          Es wird also nur eine kleine Episode sein?

          Es ist auch eine Sache, mit der ich kein Geld verdienen will. Wenn ich weiter den Druck des Berufssports hätte haben wollen, wäre es viel einfacher gewesen, weiter Radsportler zu bleiben. Das hätte ich auch noch eine Weile auf vernünftigem Niveau machen können.

          T-Mobile hatte Ihnen ja eine neue Offerte gemacht - auch das Team Milram wollte Sie verpflichten. Warum haben Sie abgelehnt?

          Da waren sogar noch andere, die sehr interessiert waren. 13 Jahre lang waren keine wirklichen Anfragen gekommen, weil wahrscheinlich jeder davon ausgegangen ist: Der wechselt sowieso nicht. Als ich gesagt habe, ich höre auf, hatte ich Angebote von vier ProTour-Teams. Aber meine Entscheidung, die Karriere zu beenden, war sehr gut durchdacht.

          Lag ihr auch die Angst zugrunde, möglicherweise doch ein Jahr zu lang im Sattel zu sitzen und damit dem eigenen Ruf zu schaden?

          Als Helfer, wie ich es war, kriegt man dieses eine Jahr zuviel nicht wirklich aufgebrummt von den Fans, von der Öffentlichkeit, vom Sponsor. Meine Arbeit ist schließlich nicht so meßbar wie die eines Erik Zabel oder eines Jan Ullrich.

          Vermissen Sie Zabel, der lange Ihr Zimmergenosse war, sehr?

          Es gibt schon viele Situationen, in denen man denkt: Was macht er jetzt wohl, wo ist er? Aber vermissen? Das ist natürlich insofern nicht der Fall, daß ich sage, dafür müßte ich viel wieder aufgeben von dem, was ich jetzt an Plus habe. Das ist meine Freiheit, die Familie. Ich würde nicht wieder tauschen wollen.

          Sind Sie auch schon so weit, daß Sie Frühjahrsklassikern wie der Flandern-Rundfahrt oder Paris-Roubaix, für die Sie eine späte Liebe entdeckt hatten, ohne große Wehmut entgegenblicken können?

          Flandern und Roubaix waren die einzigen Rennen, die es mir schwergemacht haben, Abschied vom Radsport zu nehmen. Das war sicherlich keine Tour de France, da war ich schon letztes Jahr drüber weg. Ich hatte auch darum gebeten, nicht fahren zu müssen. Flandern und Roubaix waren schon Herzenssachen, obwohl das widersinnig klingt wegen der ganz engen Straßen und des Kopfsteinpflasters, wo man seine Gesundheit riskiert. Das hatte für mich auch noch einen sportlichen Reiz gehabt, weil ich glaube, bei beiden Rennen nicht das erreicht zu haben, was ich hätte ich erreichen können.

          Sie galten generell als Prototyp des aufopferungsvollen, loyalen Helfers. Gibt es zu wenige Aldags im Peloton?

          Im gesamten Peloton, ja. Aber es hängt natürlich auch immer davon ab, wie die Leute in den Mannschaften geführt und gesteuert werden. Ein Aldag hat immer auch den Vorteil gehabt, zu wissen, es geht sowieso weiter. Ich hätte mir selbst mal ein komplett schlechtes Jahr erlauben können. Diese Sicherheit muß man Helfern geben: Auch wenn du Allerletzter wirst, aber der Kapitän ist zufrieden mit deiner Arbeit, dann bist du weiter mit dabei.

          Bei T-Mobile haben Sie eine neue Aufgabe in der Kommunikationsabteilung erhalten. Wie werden Sie dort eingebunden?

          Das findet sich noch. Momentan sehe ich 2006 als Übergangsjahr, wo ich viele Sachen ausprobiere.

          Reden wir über Jan Ullrich: Um wieviel besser sind nach dem Rücktritt von Lance Armstrong seine Chancen auf den zweiten Sieg bei der Tour de France?

          Die sind natürlich gestiegen. Der Nachteil ist, daß jeder erwartet, daß Jan die Tour gewinnt. Vom Talent her ist es ohne Zweifel so, daß ihn keiner schlagen kann. Man kann bei allen anderen Fahrern Defizite aufdecken, die Jan nicht hat.

          Nun wird, nicht zuletzt von Kapitän Ullrich, der neue Teamgeist bei T-Mobile hoch gepriesen. Merken auch Sie etwas von dieser Aufbruchstimmung?

          Dieses „Wir wollen es noch mal packen“ ist schon spürbar. Vieles ist auf die Tour ausgerichtet. Das birgt auch ein gewisses Risiko. Das aber muß man auch eingehen, um Erfolge haben zu können.

          Wie haben Sie als Sportler mit Weitsicht das System Profiradsport empfunden? Teilen Sie beispielsweise die weitverbreitete Meinung, daß die Branche dopingverseucht und gar nicht mehr zu retten sei?

          Das wäre bitterböse und traurig und der Zusammenbruch aller meiner Illusionen. Im Rad- und Skisport oder in der Leichtathletik kann man mit Medizin wahrscheinlich mehr erreichen als im Schach. Und mittlerweile geht es auch um viel Geld. Da ist bestimmt die Versuchung größer, wenn man auf der Kippe steht: Werde ich ein ganz Großer und in zwei Jahren Multimillionär, oder krebse ich da irgendwo rum? Die langen Karrieren sind aber sicherlich nicht machbar mit dem Griff in die Trickkiste. Ich mache auch nicht Sport, um mich umzubringen.

          Fänden Sie es gut, wenn ein Mann wie Danilo Hondo, der vorerst nur per einstweiliger Verfügung wieder radfahren kann, gleich wieder bei einem Rennstall unterkäme?

          Der Fall Hondo ist mir von den Fakten noch nicht ganz klar. Wenn man davon ausgeht, daß es eine positive A- und B-Probe gibt, und das nicht angezweifelt wird, dann würde ich es kritisch sehen, ihn wieder fahren zu lassen. Der Weg, den Radsport sauber zu kriegen, muß derjenige sein, sehr, sehr harte Strafen auszusprechen.

          Das Gespräch führte Rainer Seele.

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.03.2006, Nr. 12 / Seite 23

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