28.04.2008 · Das Deutsche Turnfest in Frankfurt wird viel teurer als erwartet. Gut fünfmal soviel wie zuerst geplant soll es kosten. Doch im Mai 2009 ist alles vergessen. Dann grassiert der Bazillus wieder.
Von Christiane MoravetzEs muss was Wunderbares sein: Schlafen auf Luftmatratzen, Anstehen zum Duschen, Essen in Kolonne; Zigtausende, fähnchenbewehrt, in Ballonseidenanzügen; Erwachsene, die eine Festkarte am Band um den Hals wie Schlüsselkinder aussehen lässt; Jung und Alt mit Rucksäcken, an denen kleine Kuscheltierchen baumeln. Selbst Menschen, die im Alltag gern mal ausbrechen, die nichts vom Herdentrieb wissen wollen, gönnen sich alle paar Jahre ein Gemeinschaftsgefühl der besonderen Art: frisch, fromm, fröhlich, frei. Turnfest-Zeit ist Zeit des „Wir“.
Das Deutsche Turnfest kommt einfach nicht aus der Mode. Wenn auch derzeit das Jahnsche „Turner, auf zum Streite“ ein wenig zu wörtlich genommen wird – am 30. Mai kommenden Jahres wird in Frankfurt aller Ärger vergessen sein und eingehen, untergehen in einer Woche der Harmonie, des Miteinander. Der Zuspruch ist auf jeden Fall ungebrochen. Rund 75.000 Turner, so rechnen die Organisatoren, werden anreisen aus allen Teilen Deutschlands, ein paar tausend aus aller Welt: Seit Berlin 2005 hat das Turnfest, das schon lange nicht mehr nur deutsch war, „international“ sogar im Namen. 33 Nationen waren in Berlin vertreten, Frankfurt wird sich nicht lumpen lassen.
„Nichts trägt mehr zur Vereinsbildung bei als das Turnfest“
Viele der Gäste werden ihre deutschen Wurzeln zeigen – was vermittelt schließlich in Texas mehr Heimat als der Turnverein? Dieser Inbegriff deutschen Vereinswesens ist das Bindeglied. Und niemand fühlt sich auf der weltweit größten Messe des Breitensports fremd oder ausgegrenzt. „Nichts trägt mehr zur Vereinsbildung bei als das Turnfest“, sagt Hans-Peter Wullenweber, der Generalsekretär des Deutschen Turner-Bundes und Präsidiumsmitglied im Organisationskomitee des Frankfurter Turnfestes.
Einmal Turnfest, immer wieder Turnfest: Wer sich hat infizieren lassen, gibt den Bazillus weiter an Kind und Kindeskind. Turner kennen deshalb keinen Generationenkonflikt, und ihr Fest altert nicht. In Berlin war schon mehr als die Hälfte aller Teilnehmer unter 29, Tendenz sinkend. „Für alle, die auf gute Musik, mitreißende Live-Acts und lange Nächte stehen“ heißt es in der Werbung der Turnerjugend, und das klingt alles andere als verstaubt. Veranstaltungen wie die „Tuju-Party“ scheinen im Tausender-Pack noch mal so schön zu sein. Die Jugendlichen genießen das Gemeinschaftsgefühl auf etwas lautere Art und werden dabei subtil gesteuert in rauchfreien Zonen oder beim Kampf gegen Alkohol und Drogen und für Toleranz, eingebettet in Spiel, Sport und Spaß.
Das Turnfest dient nicht zuletzt als Bindeglied zwischen Enkeln und Großeltern. Alternden Turnbrüdern und Turnschwestern – die sind mit zwei Dritteln aller Teilnehmer in der Mehrzahl – bieten sich eine Fülle speziell auf sie zugeschnittener Angebote. Sie fühlen sich oft zurückversetzt in ihre Jugend, wenn sie die Wettkämpfe bestreiten, die wichtiger Bestandteil des Turnfestes sind. Dabei gibt es kaum etwas, in dem sich Turner nicht messen können. Wahl- oder Gruppenwettkämpfe heißen sie; Schwimmen, Tanzen, Fechten, Singen, Schießen, Tauchen, Weitspringen, Laufen und vieles mehr gilt es neben den klassischen Turnübungen zu absolvieren. Korbball und Korfball, Indiaca und Faustball, Aerobic, Akrobatik, Rope Skipping und Orientierungslauf bieten einen kleinen Ausschnitt aus der breiten Palette an Leibesübungen.
Wem die urdeutschen Faustball, Völkerball, Prellball, Ringtennis oder Schleuderball nicht mehr zeitgemäß erscheinen, der versuche sich im Beach-Volleyball – oder darf es die Meisterschaft im Gummistiefel-Weitwurf sein? Selbst Musizieren ist guten Turnern nicht wertfrei, im Wettmusizieren treten Spielmanns- oder Hörnerzüge, Schalmeien- oder Blasorchester gegeneinander an. Und schließlich kann man „richtigen“ deutschen Meistern beim Turnfest zusehen – vielleicht ist im Kunstturnen oder auf dem Trampolin ja im kommenden Jahr ein olympischer Medaillengewinner von Peking dabei.
30.000 Trainer, Übungsleiter, Funktionsträger erwartet
Immer breiteren Raum nimmt die Wissenschaft ein. Die Turnfest-Akademie mit unzähligen Weiterbildungsmöglichkeiten, Seminaren, Vorträgen, praktischen Übungseinheiten stößt schon an ihre Kapazitätsgrenzen. Was bei den vorangegangenen Turnfesten als Nebenschauplatz aufgebaut wurde, erfährt einen unerwarteten Zuspruch. 25.000 bis 30.000 Trainer, Übungsleiter, Funktionsträger werden erwartet. Sie tragen ihr neugewonnenes Wissen zurück in die Vereine.
Diese Arbeit darzustellen, sich zu präsentieren in den verschiedenen Show-Programmen, auch landsmannschaftliche Besonderheiten vorzuführen ist eines der Hauptanliegen der meisten Turnfest-Teilnehmer. Kaum einer kommt allein. Sie reisen als Gruppe an, erleben die Woche gemeinsam mit anderen Gruppen – Treffpunkt Turnfest, alle paar Jahre wieder. Erstaunlicherweise muss es wohl doch nicht mehr die Pritsche in der leergeräumten Schule sein: Der Trend geht zu mehr Komfort, die Buchungszahlen bei Gemeinschaftsunterkünften sind rückläufig, überproportional steigt die Nachfrage nach Hotels und Pensionen. Obwohl die meisten Teilnehmer Rundumverpflegung buchen, profitieren am Ende auch Stadt und Region. Doch Vorsicht: Überzeugte Nichtturner können vielleicht noch die vielen Mitmach-Stationen überall in der Stadt umgehen – in puncto Feiern besteht allerdings beim Deutschen Turnfest akute Ansteckungsgefahr.