25.04.2009 · Einst galt die Sportart als schrullig und langatmig. In Indien entstand die teuerste und kurioseste Liga der Welt. Wegen der Terrorgefahr muss jetzt in Südafrika gespielt werden - doch die Nation sitzt vor den Fernsehern.
Von Michael Ashelm, DelhiShilpa Shetty ist eine begehrte Bollywood-Schönheit - mit einem Riecher für spektakuläre Auftritte. Die Kuss-Affäre mit ihrem amerikanischen Schauspielerkollegen Richard Gere ging um die Welt und brachte beide fast in ein indisches Gefängnis, nachdem ein Richter die allzu zärtliche Annäherung während einer öffentlichen Veranstaltung als obszöne Handlung hatte bewerten wollen. Politische Verwicklungen löste auch ihr Auftritt in der englischen Big-Brother-Staffel aus, als die attraktive Inderin von einer Rivalin rassistisch beschimpft wurde und sich sogar das britische Parlament des Falles annahm. Das alles ist zwei Jahre her. Doch schon wieder sorgt das Glamour-Girl für Schlagzeilen - diesmal im heiligsten Sport der Inder.
Shilpa Shetty hat sich mit 16 Millionen Dollar in die teuerste und kurioseste Cricket-Liga der Welt eingekauft. Ein Geschenk ihres schwerreichen Freundes Raj Kundra, eines in England lebenden Geschäftsmannes, und zugleich nur eine weitere Bestätigung, wie rasant die indische Revolution des einst von den britischen Kolonialherren geprägten, schrulligen und langatmigen Spiels voranschreitet. Der neue, bunte Mix des Spektakels: Milliardäre, Großindustrielle und Kinostars als Klubbesitzer, die besten Spieler der Welt, statt ausgedehnter Langeweile ein Drama in wenigen Stunden, gefeierte Helden auf dem ovalen Grün und bildhübsche Frauen in den Logen. Herzrasen à la Bollywood. Die Indian Premier League (IPL) soll zu einer der lukrativsten Sportmarken Asiens aufgebaut werden, und sie orientiert sich an globalen Vorbildern wie der amerikanischen NBA (Basketball), NFL (American Football) oder der englischen Premier League im Fußball.
Vision vom Boom der Liga
In diesem Jahr allerdings findet Cricket-Bollywood in Südafrika statt. Wider Willen musste die sechswöchige Saison ins Ausweichquartier am Kap verlegt werden. Der Mordanschlag auf die Nationalmannschaft Sri Lankas in Pakistan, bei dem zuletzt acht Menschen ums Leben kamen, und letztlich auch der Terrorangriff auf Bombay im vergangenen Jahr hatten die Behörden alarmiert. Indien befindet sich in einer labilen Phase. Niemand wollte am Ende mehr eine Sicherheitsgarantie leisten für die Menschenaufläufe in den voll gepackten Arenen, zumal parallel zur der an diesem Wochenende startenden Liga Parlamentswahlen in Indien stattfinden und Extremisten mit gefährlichen Hintergedanken oder gar Attentäter angezogen werden könnten. Die Geheimpolizei warnte. Zu Recht, wie die blutigen Anschläge dieser Tage beweisen.
Der Vision vom Boom der Liga soll der kurzfristige Ortswechsel unter die herbstliche Sonne der südlichen Hemisphäre aber nichts anhaben. Südafrika ist ja schließlich auch eine Cricket-Nation und ein Markt, den es nebenbei zu bearbeiten gilt. Und für die meisten Fans in Indien ändert sich sowieso nicht viel - sie sitzen am Abend zur besten Sendezeit vor den Fernsehern und folgen gebannt den Inszenierungen der Seifenoper aus den ovalen Schauspielhäusern des Cricket.
Traumzahlen für TV-Sender
Zopfmuster, cremefarbene Pullover mit V-Ausschnitt, Tea-Time-Pause und snobistisches Vereinsgehabe wie vor 100 Jahren - das war einmal. Indien ist Ausgangspunkt einer kommerziellen Massenbewegung. Die größte Demokratie der Welt ist direkt oder indirekt für 60 bis 80 Prozent des Gesamtumsatzes in der Cricket-Welt verantwortlich. Australische Spieler oder solche aus der Karibik haben indische Sponsoren, fanatische Fans vom Subkontinent verwetten 30 Milliarden Dollar im Jahr auf ihren Lieblingssport. Die besten Klubs der IPL haben in der Premierensaison 2008 bis zu 250 Millionen Menschen vor die Fernseher gebracht - und das innerhalb von sechs Wochen.
Traumzahlen für TV-Sender, Werbewirtschaft und die Verkäufer des Konsums. Und das im Armenhaus Indien. Die IPL ist nicht zuletzt ein Zeichen des neuen Reichtums einer wachsenden Mittelschicht, auch wenn der Glanz des wirtschaftlichen Aufschwungs derzeit etwas verblasst. Hinzu kommt die Vergnügungssucht der Schönen und Reichen, die zwar ebenso betroffen sind von den Auswirkungen der Rezession, aber wie Shilpa Shetty und viele andere weiterhin eine Bühne für ihren exzentrischen Lebensstil brauchen. Nach Jahrzehnten sozialistischer Gleichmacherei strebt das junge Indien nach Erfolg und individueller Orientierung. „Die Liga ist nur eine Antwort auf die gesellschaftliche Entwicklung“, sagt Vidur Naik, Marketingmanager des Klubs aus Delhi, den Daredevils (Draufgänger).
Bunte Trikots statt weißer Schurwolle
Und so funktioniert das Geschäft: Die Liga hat für 700 Millionen Dollar Franchise-Lizenzen verkauft, der Handel der Fernsehrechte brachte mehr als eine Milliarde Dollar ein. Die Spieler kommen aus allen wichtigen Cricket-Nationen und verdienen so viel wie noch nie zuvor. Statt weißer Schurwolle tragen sie nun bunte Kunstfasertrikots wie die Kakas, Ronaldos oder Messis des Weltfußballs und treten auf wie Popstars. Sachin Tendulkar, Indiens Schlagmann-Ikone, wird von Sicherheitsleuten geschützt wie Spitzenpolitiker des Landes.
Die Liga hat ihre eigenen Regeln, das tagefüllende Spiel wurde zusammengestutzt auf drei Stunden. Zur guten Unterhaltung gehören Lasershows, Zirkusnummern, Feuerwerk und spärlich bekleidete Cheerleader. Die durchtrainierten Damen werden eigens aus den Vereinigten Staaten eingeflogen. In der ganzen Welt wurden insgesamt acht Mannschaften zusammengekauft, die Klubs gehören zu Stahl-, Medien- oder Baukonzernen. Auch der schillerndste Unternehmer Indiens, Vijay Mallya, besitzt neben dem Formel-1-Rennstall Force India eines der Cricket-Teams. Und selbst Adidas mischt mit - als Sponsor der Mannschaften von Delhi und Bombay. Indien-Chef Andreas Gellner sieht in der Inszenierung der Liga eine perfekte Kombination, die Konsumfreude des Milliardenvolkes zu stimulieren. „Die Inder bewegen zwei Themen - Bollywood und Cricket.“ Beide Leidenschaften werden durch die Liga zusammengeführt.
Aufgebrachte Traditionalisten
Noch aufsehenerregender als Shilpa Shettys Verbindung zu den Rajasthan Royals war der Einstieg von Shah Rukh Khan bei den Kalkutta Knight Riders. Der Schönling ist der ungekrönte König von Bollywood. Der Personenkult und die Kommerzialisierung stoßen aber nicht nur auf ungeteilte Freude. Für aufgebrachte Traditionalisten wird der Sport inzwischen zu sehr in den Hintergrund gedrängt. Zu einer ungewöhnlichen politischen Allianz kam es, als hindunationalistische, muslimisch-orthodoxe und linksextreme Gruppen gemeinsam gegen die „aufreizenden“ Tänzerinnen Sturm liefen.
In Bombay wurden die Cheerleader in ihren knappen Röckchen gezwungen, Trainingsanzüge überzustreifen. In Kalkutta durften sie nach einer Debatte im Landesparlament ebenfalls nur noch in „verhüllender“ Kleidung auftreten. In diesem Punkt eint das grenzenlose Spiel die sozial gespaltene und in Glaubensfragen aufgesplitterte Nation nicht.