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Snooker-WM : Das wunderbare Leicester-Double

Was für ein Abend für Leicester: Mark Selby wird Snooker-Weltmeister – und die Fußballer holen den Titel in England. Bild: AP

Erst werden die Fußballer sensationell Meister, dann holt Mark Selby aus Leicester den Titel bei der Snooker-WM. Sein Erfolg ist auch die Rückkehr zu alten Tugenden.

          Natürlich durfte die Fahne von Leicester City nicht fehlen im Reigen der Siegerfotos. Und so stand Mark Selby kurz nach seinem Sieg bei der Snooker-WM mit der Flagge seines Lieblingsvereins in der Hand, der wenige Minuten zuvor erstmals in seiner Geschichte englischer Meister geworden ist. In den Tagen im Crucible Theatre zu Sheffield, der rund 80 Kilometer von Leicester entfernten mystisch verklärten Pilgerstätte des Snooker, hatte Selby immer wieder damit kokettiert, dass es zu einem wunderbaren, interdisziplinären Double kommen könnte.

          „Das ist ein großer Tag für unsere kleine Stadt“, sagte Selby, der den Titel der Fußballer als noch größere Leistung einordnete – er hatte den WM-Titel schließlich schon 2014 gewonnen und war Turnierfavorit. Der besondere sportliche Doppelpass, in England als „Manic Monday Double“ gefeiert, ist Wirklichkeit geworden, weil Selby den Chinesen Ding Junhui nach rund 13, auf zwei Tage verteilten Stunden Spielzeit im Finale mit 18:14 besiegte.

          Selby hatte von Beginn an die Führung inne, Ding kam aber immer wieder mit großem Kampfgeist nach einem 0:6-Rückstand auf 7:8 oder auch später nach dem 11:16 auf 14:16 heran. Einen Lauf wie noch im Halbfinale beim überlegenen Sieg über den Schotten Alan McManus mit sieben Centuries, also Aufnahmen mit mindestens hundert Punkten in Serie, hatte der erste chinesische WM-Finalist in der Geschichte des Sports aber zu keinem Zeitpunkt. Das lag naturgemäß auch an Selby, der Ding immer wieder mit seinem taktisch geprägten Spiel störte.

          Auch Tochter Sofia Maria und Ehefrau Vikki feiern mit Mark Selby.

          Selby ist derzeit der kompletteste Spieler, weil er wie kein anderer das moderne, offensive Snooker mit dem defensiven, strategischen aus alten Tagen verbindet.  Während der extrovertierte Superstar Ronnie O’Sullivan, in diesem Jahr bereits im Achtelfinale bei seinem Angriff auf den sechsten Weltmeistertitel gescheitert, stets voller Ungeduld die nächste einzulochende Kugel anvisiert, ist Selby der Meister des strategischen Spiels.

          Anders als Darts, die andere Sportart, die es dank des Fernsehens aus den Hinterzimmern der Pubs in die Wohnzimmer des Vereinigten Königreichs geschafft hat, ist Snooker viel mehr von Strategie beeinflusst. Während es beim Pfeilewerfen, wo zwei Spieler nebeneinander her spielen, stets um den möglichst kurzen Weg ans Ziel des Herunterspielens von 501 Punkten geht, ist beim Snooker der Umweg auf der Jagd nach den maximal 147 Punkten, die ein Abräumen des Tisches ergeben, oft die erfolgreichere Variante.

          Der Weltranglistenerste hat triumphiert: Mark Selby

          Ein mutiger Stoß kann im Fall des Scheiterns nämlich gerne einmal dem Gegner die Vorlage liefern, um den Rest des Tischs abzuräumen und ein Spiel trotz hohen Rückstands zu drehen. Selby unterliegt dieser Versuchung eines riskanten Stoßes deshalb in der Regel nie und gibt lieber dem Gegner Rätsel auf. Diesen Weg musste er bei der WM sowieso beschreiten, da er fast durchgängig unzufrieden war mit seinem Offensivspiel. „Ich habe in den zwei Wochen eigentlich nur zwei gute Sessions gespielt“, sagte er. „Aber glücklicherweise ist mein Defensivspiel ziemlich gut.“

          Mark Selbys Dominanz der vergangenen Jahre mit zwei WM-Erfolgen und fünf Jahren als Nummer eins der Weltrangliste mag deshalb schon als ein Trend der Rückkehr zu alten Tugenden bezeichnet werden. Bis in die neunziger Jahre und den Erfolgen von Rekordweltmeister Stephen Hendry, der Geburt des bislang größten Snooker-Helden aus dem Geiste des offensiven Spiels, war Snooker viel stärker ein destruktives Verhinderungsspiel als ein Feuerwerk des spektakulären Einlochens schier unmöglicher Kugeln.

          Im Finale war nun womöglich gar ein Frame spielentscheidend, den Selby gar nicht gewonnen hat. Im fünfzehnten der letztlich 32 gespielten Frames – die einzelnen Spiele verdanken ihren Namen dem dreieckigen Rahmen, in dem die 15 roten Billardkugeln zu Beginn eines jeden Spiels auf dem Feld aufgebaut werden – zwang er Ding in ein über eine Stunde langes Geduldsspiel. Der 32 Jahre alte Selby gab selbst bei einem eigentlich zu deutlichen Rückstand nicht klein bei, um seinen Gegner durch Foulversuche wenn schon nicht um den Frame-Gewinn, so doch aus der Konzentration zu bringen. Ding bewahrte zwar die Nerven und kam auf 7:8 heran, die folgenden beiden Frames zum Abschluss des ersten Finaltags am Montag verlor er jedoch sichtlich erschöpft wohl auch wegen dieses Kraftaktes.

          Selby trägt wegen solcher Grabenkämpfe auf dem Tisch den Beinamen „The Torturer“ (Der Folterer), weil er seine Gegner regelrecht quälen kann mit seinen bösartigen Positionsspielchen aus der Stille des stets fast lautlosen Raums vor den 980 Zuschauern in der Snooker-Pilgerstätte Crucible Theatre.  Dabei geht es darum, dem Gegner eine Spielsituation auf dem 3,36 mal 1,78 Meter großen Tisch zu hinterlassen, in der er die den Regeln gemäß zwingend anzuspielende Kugel nicht anvisieren kann. Unterläuft dann ein Fehler, bringt ein solches Foul dem Gegner Punkte. Ein bisschen wenigstens entspricht dieser Stil der unangenehmen Spielweise, mit der Leicester City die Premier League in diesem Jahr die Spitzenteams

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