Bei seiner Ankunft in Rom vor einer Woche wurde Roger Federer natürlich noch mal nach der Niederlage im Halbfinale des Turniers von Madrid gegen Rafael Nadal gefragt, und da meinte er, die habe in gewisser Weise auch was Gutes zur Folge gehabt - mehr Zeit zur Regeneration. Zwei Tage später verlor er im Foro Italico, wo die Wege von unzähligen starken Männern in Marmor gesäumt sind, gegen den Franzosen Richard Gasquet. Und was sagte Federer hinterher? Jetzt habe er mehr Zeit, sich intensiv auf das am kommenden Wochenende beginnende Grand-Slam-Turnier in Paris vorzubereiten, und das sei gut. Aus der Pause in die Pause? Irgendwie hörte sich das merkwürdig an.
Mindestens ebenso merkwürdig war die Art der Niederlage im Spiel mit Gasquet, gegen den er zuvor in neun Begegnungen ein einziges Mal verloren hatte, anno 2005. Es gab Momente, in denen er so zauberte wie zur besten Zeit und man dachte: Ah, da ist er ja wieder, der echte Federer. Der Meister, vom Licht der Sonne beschienen an einem traumhaft schönen römischen Tag. Doch aus heiterem Himmel und einer komfortablen Führung entglitt ihm das Spiel. Und vor dem entscheidenden Tiebreak hatte er, wie er hinterher zugab, nicht das Gefühl, dass er noch gewinnen werde.
Die Geschichte kommt einem bekannt vor, denn die aktuelle Situation ähnelt der des Jahres 2009. Damals hatte er bis Anfang Mai keinen Titel gewonnen (diesmal einen, in Doha), es schien so, als sei ihm Rafael Nadal meilenweit enteilt, und es gab hier und da bereits Schwanengesänge zu hören. Aber dann besiegte er den spanischen Rivalen beim Turnier in Madrid auf Sand, gewann den ersehnten ersten Titel im Stade Roland Garros in Paris, triumphierte zum sechsten Mal in Wimbledon, brach damit mit fünfzehn Grand-Slam-Siegen Pete Sampras' Rekord und kehrte danach an die Spitze der Weltrangliste zurück. Im Interview spricht Roger Federer über seine Formschwankungen, sein Ziele und seine Familie.
Wie fühlen Sie sich als Nummer drei der Weltrangliste?
Nicht viel anders als früher. Ich bin ja nicht durch schlechtes Spiel nach unten gefallen. Sicher hätte ich bei den Grand-Slam-Turnieren besser spielen können. Paris und Wimbledon waren nicht das Gelbe vom Ei. Ich habe Ende letzten Jahres extrem stark aufgespielt und sehe mich auf dem rechten Weg. Ich fühle mich nicht unbedingt als Nummer drei, obwohl die Klassifizierung sicherlich die Wahrheit sagt. Aber ich werde bei Turnieren nicht als Nummer drei vorgestellt, sondern als Roger Federer.
Könnten Sie sich damit abfinden, hinter Nadal und Djokovic nur die dritte Geige zu spielen?
Solange ich weiß, dass ich große Turniere gewinnen kann und Freude am Tennis habe, wäre das für mich kein Problem. Aber natürlich bin ich lieber die Nummer eins als die drei. Aber gerade jetzt befinden wir uns in sehr interessanten Phase. Ich habe sehr wenige Punkte zu verteidigen. Wenn ich in Paris und Wimbledon gut spiele, kann ich einen großen Sprung machen. Kurzfristig ist es mein Ziel, wieder die Nummer eins zu werden.
Haben Sie Ihr Niveau gehalten oder haben Sie nachgelassen? Sind die Konkurrenten besser geworden?
Wenn ich mich mit 2005 vergleiche, spiele ich heute sicherlich besser. Wir haben uns alle verbessert. Ganz sicherlich sind die Abstände an der Spitze viel enger geworden, so dass es noch schwieriger ist, die ganze Zeit zu gewinnen. Dass ich nicht mehr so dominant bin, hat auch damit zu tun, dass ich meine Planung umgestellt habe. 2005, 2006 und 2007 habe ich viele Masters 1000 (die nach den vier Grand-Slam-Turnieren größten Turniere) ausgelassen und mehr auf kleinere Turniere gesetzt. Ich habe mir viele Pausen gegönnt, um zu regenerieren.
So wie es jetzt gerade Djokovic mit dem Verzicht auf Monte Carlo getan hat?
Ja, Novak hat dann erst wieder in Belgrad gespielt - und gewonnen. So blieb seine Serie erhalten und er hat weiter Selbstvertrauen getankt. So habe ich es lange Zeit auch gehalten, bis die Kritik von der ATP, den Spielern und von Turnieren so laut wurde. Ich habe mich dann entschieden, möglichst alle Masters 1000 zu spielen oder zumindest sieben oder acht von neun. Ich mache das, weil es gut fürs Tennis ist, obwohl ich jetzt nicht mehr 15 und 16 Finals spiele. Aber ich überlege mir, ob ich nächstes Jahr wieder in Indian Wells und direkt danach in Miami spielen werde.
Gegen Djokovic haben Sie jetzt dreimal nacheinander verloren. Wie stoppen Sie solche Negativserien?
Ich habe ihn ja davor zweimal geschlagen. Aber wir sind beide viel zu gute Spieler, als dass einer von uns beiden zehnmal in Serie verlieren könnte. In Australien war es ganz eng, in Indian Wells war ich noch einmal ganz nah dran. Novak ist jetzt in einer Phase, in der er einfach auf die Bälle draufdreschen kann. Aber klar, ich denke darüber nach, was ich das nächste Mal gegen ihn ändern muss.
Djokovic ist ohne Zweifel der Mann der ersten Jahreshälfte. Hätten Sie ihm zugetraut, in den Zweikampf Nadal - Federer einzugreifen?
Das Zeug dazu hatte er schon lange. Seit einiger Zeit geht es zwischen Nadal, Djokovic, Murray und mir hin und her. Ende letzten Jahres habe ich mehr gegen die top fünf gewonnen, jetzt ist es Djokovic.
Wann sind Sie wieder dran?
Die Chancen stehen natürlich in Wimbledon am besten. Aber auch in Paris rechne ich mir Chancen aus. Sicherlich ist es nicht ganz einfach, die Burg, die Nadal dort erbaut hat, zu knacken. Dort ist er der Ausnahmekönner und hat erst einmal verloren. Aber man darf sich nicht einreden, dass es unmöglich sei, ihn dort zu schlagen.
Nagen Niederlagen an Ihnen?
Heute ist das viel einfacher als früher. Als junger Spieler, der den Durchbruch schaffen wollte, war jede Niederlage ein Schritt zurück und eine Riesenenttäuschung. Heute ist das anders, weil ich weiß, dass ich in jedem Match alles probiert habe, der Gegner gut gespielt hat oder es vielleicht nur an paar Punkten hing. Taktisch hätte ich vielleicht ein paar Dinge ändern können.
Sie spielen immer noch mit einem sehr kleinen Racket. Sampras riet Ihnen, wie er auf der Seniors Tour zu einem größeren Schläger zu greifen. Kommt das für Sie in Frage?
Ich habe ja schon einmal, 2002, vom Sampras-Schläger auf mein jetziges Modell gewechselt. Ich teste immer wieder mal größere Schläger. Das Problem ist, dass mir die Zeit für ausführliche Tests fehlt.
Der junge Bulgare Grigor Dimitrow wird oft mit Ihnen verglichen. Kann es einen zweiten Federer geben?
Dimitrows Spielweise ähnelt meiner technisch extrem. Aber es sollte nicht das Ziel von Spielern sein, andere zu imitieren. Ich sehe jetzt viele Spieler, die versuchen wie Nadal zu spielen, obwohl es gar nicht ihr Spiel ist. Ich habe immer gesagt, du musst deinen eigenen Stil finden. Am Anfang meiner Karriere wurde ich oft mit Sampras verglichen, obwohl er Serv-und-Volley spielte, was ich nie wirklich gemacht habe. Es wird nie eine zweite Martina Hingis, einen zweiten Pete Sampras oder einen zweiten Roger Federer geben.
Sie spielen jetzt gegen junge Leute, die mit Ihnen als Idol aufwuchsen. Wie fühlt sich das an?
Es war eigentlich die schönste Zeit, als ich gegen Leute spielen durfte, die ich noch im Fernsehen bewundert hatte, wie Moya, Henman, Sampras, Agassi oder Chang. Gegen Nadal, Djokovic oder Murray ist es nicht so speziell, das ist einfach die nächste Generation. Ich finde es toll, dass ich jetzt gegen Leute wie den jungen Deutschen Julian Reister spiele, die mit mir als Vorbild aufwuchsen.
Also immer noch keine Tennismüdigkeit, obwohl sie am 8. August 30 Jahre alt werden und in Äthiopien schon auf 45 geschätzt wurden?
Ja, das war wirklich lustig. Beim Essen in Äthiopien fragte mich ein Mädchen, wie alt ich sei, und ich habe sie schätzen lassen. Sie sagte, es falle ihr schwer, bei Weißen das Alter zu bestimmen, und nannte dann diese Zahl. Nein, ich denke nicht ans Aufhören. Ich sehe mich mental in der Lage, noch viele Jahre lang zu spielen. Ich habe bis zu den Olympischen Spielen 2012 in London schon fest geplant, und jetzt fängt die Planung für die Zeit danach an. Für mich ist es einfach wichtig, die Balance zwischen Training, Matchs, Ferien und Familienleben zu halten. Ich habe schon mit Presse- und Sponsorenterminen sowie Promotions für Turniere viel um die Ohren. All das muss man halt gut unter einen Hut bringen.
Können Sie im Urlaub total abschalten?
Ja, ich kann mich da total entspannen. Nach Australien hatten wir einen Superurlaub. Aber ich will nicht mehr wie früher einen schrecklichen Muskelkater bekommen, wenn ich wieder anfange. Deshalb habe ich mit meiner Frau Mirka im letzten Urlaub dreimal Tennis gespielt. Nach zehn Tagen kam mein Konditionstrainer für ein paar Tage. Ich will nicht, dass der Körper total runterfährt.
Sie haben jetzt zwei knapp zwei Jahre alte Zwillingstöchter. Ist das Leben für einen Tennisprofi mit Familie schwieriger? Lenkt das ab?
Die Familie ist sicherlich eine Ablenkung, aber eine gute Ablenkung. Für mich ist die Familie ein Traum, der auch wahr geworden ist. Man muss eben alles gut organisieren. Wir reisen mit einem Kindermädchen, damit Mirka meine Spiele sehen kann. Und die beiden Kleinen gehen, wenn immer möglich, mit auf Reisen. Ich hänge nach den Matchs nicht mehr so lange in der Garderobe herum, und nach dem Training sitze ich schon zehn Minuten nach dem Ende im Auto.
Wissen Ihre Zwillingstöchter schon, dass ihr Vater ein Weltstar ist?
Sie erkennen mich auf Bildern, auf Postern und im Fernsehen. Das ist einfach süß. Meine Kinder haben mir schon ein paar Mal bei Matchs zugesehen. In Basel waren sie bei der Preisverleihung dabei und haben applaudiert. Das sind die kleinen Sachen, die mich freuen, stolz machen und auch motivieren.
Spielen Myla Rose und Charlene Riva schon Tennis?
Wir reisen nicht mit kleinen Schlägern, mit denen sie alle Wände kaputtmachen könnten. Aber es kann sicherlich sein, dass sie eher zum Tennis kommen als zu anderen Sportarten. Das ist nicht unser Ziel. Uns würde es Spaß machen, wenn sie viele Sportarten betreiben würden. Das ist gut für die Gesundheit und fürs Leben. Man lernt, zu verlieren und zu gewinnen. Darum geht es und nicht darum, sie zu Superstars im Tennis zu formen.
Führen Sie ein abgeschottetes Leben?
Nein, ich kann machen, worauf ich Lust habe. Wenn ich zum Essen aus dem Hotel gehen will, kann ich das ohne Probleme. Ich muss mich nur darauf gefasst machen, erkannt zu werden. Darauf hat man manchmal Lust, manchmal eben nicht. Auch meine Kinder werden nicht verfolgt. Ich bin froh, dass mein Privatleben respektiert wird und ich nicht in der Klatschpresse bin. Die wissen wohl, dass wir einfach eine ganz normale Familie sind.
Sie haben Ihr Leben einmal als Traum bezeichnet. Gilt das heute noch immer?
Na klar! Man muss sich manchmal zurück besinnen: Was hätte man unterschrieben, als man acht Jahre alt war? Selbst als ich mit 17 Jahren das Juniorenturnier in Wimbledon gewonnen hatte, hätte ich nie gedacht, dass ich einmal so viel Erfolg haben würde, obwohl damals schon viele sagten, du kannst mal die Nummer eins werden. Schon ein Wimbledonsieg wäre mir damals genug gewesen. Dazu kommt die große Freude am Tennis.
Lesen Sie Zeitung? Lesen Sie, was über Sie geschrieben wird?
Ja, ab und zu, das hängt auch davon ab, ob ich gerade erfolgreich bin oder nicht. Seit Miami, seit der Niederlage gegen Nadal, will ich gar nicht wissen, was über mich geschrieben wurde. Ich lasse dann den Sportteil einfach weg, lese, was in der Schweiz, in der Welt und in der Wirtschaft passiert ist. Damit bin ich immer gut gefahren. Ich will nicht in Pressekonferenzen reinkommen und wissen, dass dieser Journalist geschrieben hat, der Federer kann nicht mehr Tennis spielen und sollte besser aufhören. Ich will ganz normal auf Fragen antworten können und keine Antipathie gegen Journalisten entwickeln. Die machen auch nur ihren Job. Ich habe das mal so erklärt: Die Pressekonferenzen sind eine Waschmaschine. Da wirst du durchgedreht und wieder ausgespuckt. Und am Ende ist nichts passiert.
Das Gespräch führte Wolfgang Scheffler.
Roger Federer zelebriert Tennis.
Simone Hartmann (gedenke_der_zensur)
- 17.05.2011, 21:02 Uhr
Wie soll Federer noch einmal Nr. 1 werden?
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- 18.05.2011, 13:51 Uhr