11.10.2009 · Pat McQuaid ist seit 2005 Präsident des Internationalen Radsport-Verbandes UCI. In Kopenhagen erreichten ihn die Nachrichten von den Doping-Nachtests der Tour de France 2008. McQuaid über inhumane Doping-Tests, verführbare Sportler und Lance Armstrong als Verkaufsargument.
Der sechzig Jahre alte Ire Pat McQuaid ist seit 2005 Präsident des Internationalen Radsport-Verbandes UCI. Während er die olympischen Sitzungen in Kopenhagen verfolgte, erreichten ihn auf seinem Mobiltelefon die Nachrichten von einem angeblichen Skandal, der keiner war - alle Doping-Nachtests der Tour de France 2008 waren negativ. Allerdings erhob die französische Anti-Doping-Behörde AFLD schwere Vorwürfe gegen die UCI. In einer Sitzungspause in Kopenhagen erklärte McQuaid, die Franzosen seien selbst an den kritisierten Tests während der diesjährigen Tour de France beteiligt gewesen.
Sie haben als UCI-Präsident wohl nicht so viel Spaß.
Nein.
Glauben Sie denn, dass die Rückkehr von Lance Armstrong wirklich gut für Ihren Sport war?
Das fragen mich Deutsche immer. Er hat überall, wo er angetreten ist, ein größeres Publikum angezogen, sogar bei der Tour de France bekam er einen warmen Empfang. Die Medienresonanz der Tour 2009 war eine der besten, die wir jemals hatten - wegen Armstrong. Er globalisiert den Sport und weckt Sponsoreninteresse.
Das Problem mit Armstrong dürfte aber der Doping-Verdacht gegen ihn sein. In Frankreich wird er immer im Fokus der Anti-Doping-Behörde AFLD stehen. Sie hat erst kürzlich angeprangert, er und sein Astana-Team seien während der Tour bei von Ihrem Verband vorgenommenen Doping-Kontrollen bevorzugt behandelt worden.
Ich sehe das als humanen Akt und nicht als Vorzugsbehandlung. Wir haben den betreffenden Zwischenfall längst untersucht und der AFLD einen Bericht gegeben. An diesem bestimmten Tag, nach einer Bergetappe, kamen die Rennfahrer von Astana sehr spät ins Hotel, sie aßen spät und kamen erst um ein Uhr ins Bett. Um Viertel nach sieben morgens tauchten unsere Kontrolleure im Hotel auf. Sie kamen ins Restaurant, wo der Teamarzt saß, der ihnen erklärte, man wolle die Sportler eigentlich erst um acht fürs Frühstück wecken. Die drei waren die einzigen Leute im Restaurant und sind die ganze Zeit zusammengeblieben, sie tranken eine Tasse Kaffee und haben die Rennfahrer dann um Viertel vor acht für die Kontrolle geweckt. Niemand verließ vorher das Zimmer, die Sportler wurden nicht gewarnt. Die Kontrolleure müssen bei ihren Entscheidungen auch Rücksicht auf die Menschen nehmen und Respekt für die Athleten aufbringen.
Sie sagen, Sie haben einen Bericht an die AFLD geschickt und dachten, damit wäre alles erledigt. Trotzdem hat die französische Agentur bei einer Pressekonferenz letzte Woche wieder den gleichen Vorwurf erhoben. Wieso?
Das weiß ich wirklich nicht. Sie benehmen sich nicht wie ein Partner. Wir haben mit ihnen einen Vertrag unterschrieben vor der diesjährigen Tour. Sie stellten zwei Ärzte und wir zwei Anti-Doping-Inspektoren, die die Kontrollen jeweils paarweise gemacht haben. Die vier Leute haben gemeinsam geplant, wer getestet wird und die Arbeit aufgeteilt, und es hat sehr gut funktioniert. Offenbar haben die Ärzte aber jeden Tag detaillierte Notizen und später einen Report gemacht. In einer normalen Partnerschaft hätten sie den Bericht an die UCI geschickt, dann hätten wir die Sache untersucht und dann wieder mit der AFLD gesprochen. So stelle ich mir vertrauensvolle, professionelle Zusammenarbeit vor. Doch so war es nicht. Ich habe den Report auf meinen Blackberry bekommen, als er bereits in „Le Monde“ stand.
Aber wieso?
Möglicherweise wollen sie erreichen, dass sie wie letztes Jahr die Doping-Kontrollen bei der Tour wieder ohne UCI machen können. Sie hatten letztes Jahr großen Erfolg mit den positiven Fällen.
Was machen Sie also nächstes Jahr?
Laut Wada-Kodex sind die internationalen Verbände für die Doping-Tests bei internationalen Veranstaltungen zuständig. Wir haben das Recht, jedes Labor und jede Agentur dafür einzusetzen, die wir wünschen. Wir werden darüber nachdenken. Wir wären nicht der einzige Weltverband, der es ablehnt, mit der AFLD zusammenzuarbeiten. Sie schicken ihre Proben zur Analyse in ein Land außerhalb von Frankreich. Damit wäre auch das Labor in Chatenay-Malabry raus. Wir sehen uns den Report genau an, dann werden wir weitersehen.
Das deutsche Problem des Radsports zeigt sich wohl am ehesten an der Entscheidung der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender, die Tour de France nicht mehr in altem Stil zu übertragen. Ist das berechtigt?
Wenn die Sender einen Sport wegen Dopings ausschließen, müssen sie konsequent sein und andere Sportarten auch ausschließen. Warum nur Radsport? Die Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Berlin sind in Deutschland ausführlich übertragen worden, und die Leichtathletik hat auch Doping-Skandale.
Fühlt sich der Radsport manchmal als Sündenbock für alle Doping-Probleme dieser Welt?
Ja. Aber das müssen wir akzeptieren, weil wir einige der zentralen Doping-Skandale im Sport hatten. Wir müssen akzeptieren, dass wir mehr als andere tun müssen, um unsere Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen.
Werden die Anti-Doping-Maßnahmen der UCI denn im Feld überhaupt verstanden? Es scheint, als würde niemand mehr durchblicken.
Es ist schwer, klarzusehen, wenn es um Doping geht. Man hat es ständig mit einer mafiaartigen Konstellation außerhalb des Sports zu tun, mit Leuten, die versuchen, Athleten zum Betrug zu verführen. Man muss verstehen, dass die Sportler sehr angreifbare Menschen sind. Sie leben in einem Kokon, sie sind das ganze Jahr auf Reisen, leben aus dem Koffer, wissen nicht, was in der wirklichen Welt passiert, sie lesen keine Zeitungen. Darum geraten sie leicht unter fremden Einfluss und werden auf den falschen Weg gebracht. Wir kämpfen also gegen einen Feind, den wir nicht sehen und nicht kennen.
Begreifen die Profis denn langsam, was auf dem Spiel steht?
Ja. Sie akzeptieren den Anti-Doping-Kampf. Wenn man etwa an die Meldepflicht denkt: Es ist unglaublich, 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche für Tests zur Verfügung zu stehen, drei Monate im Voraus zu sagen, wo man sich aufhält. Doch wir haben 1100 Rennfahrer im Meldesystem und bekommen kaum Klagen.
Fanden Sie die Straßen-Weltmeisterschaft in der Schweiz auch so spannend?
Ja. Großartige Werbung für den Radsport. Und ein großartiger Gewinner. Jeder in der Welt des Radsports weiß, dass man Cadel Evans absolut trauen kann.
Welcher Gedanke ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Alexander Winokurow wenige Runden vor dem Ziel einen Ausreißversuch gestartet hat? Er wurde immerhin bei der Tour de France 2007 des Blut-Dopings überführt.
Ich gebe ehrlich zu: Ich habe gesagt, dies könnte in einem kompletten Desaster für uns enden.
Die Internationale Eislauf-Union (ISU) ist der erste Verband, der versucht, eine Doping-Sperre mit Blutwerten, also einem indirekten Beweis, zu untermauern - betroffen ist Claudia Pechstein. Der Internationale Sportgerichtshof Cas beschäftigt sich demnächst damit. Ärgert Sie das Vorpreschen, wo die UCI doch selbst sechs ähnlich gelagerte Verfahren vorbereitet? Zumal die Beweislage der ISU angreifbar erscheint.
Es ist nicht sicher, dass die ISU gewinnt, doch lassen Sie uns das Cas-Verfahren abwarten. Unabhängig davon muss man unterscheiden zwischen diesem Fall, der auf einzelnen Werten beruht, und dem biologischen Pass, auf den wir uns stützen. Der biologische Pass zeigt mit Hilfe der Statistik, welche Werte für einen bestimmten Sportler normal sind, so dass man die Abweichungen erkennen kann. Dann wird nach Ursachen gesucht, unter anderem durch Zielkontrollen. Wie auch immer der Fall Pechstein ausgeht - er wird kein Präzedenzfall für unsere Verfahren sein.