25.12.2009 · Wie es ist, am Boden liegende Gegner nicht zu schonen und mit einem Zweitleben als Student Spitzensport zu machen: Boxerin Nicole Haustein und Tennisspielerin Andrea Petkovic im Doppelinterview bei FAZ.NET.
Wie es ist, am Boden liegende Gegner nicht zu schonen, mit einem Zweitleben als Student Spitzensport zu machen und von jedermann zu hören, was man gut und schlecht macht - Tennisspielerin Andrea Petkovic und Boxerin Nicole Haustein, die beide aus Darmstadt stammen, im Duett.
Frau Petkovic, haben Sie schon einmal geboxt?
Andrea Petkovic: In der Reha habe ich mal Boxtraining gemacht. Ich hatte Handschuhe an und mein Trainer Pratzen. Aber Sparring habe ich noch nicht gemacht. Will ich auch nicht, glaube ich.
Haben Sie schon mal Tennis gespielt, Frau Haustein?
Nicole Haustein: Ja, als Kind sechs, sieben Jahre lang. Dann hatte ich einen Bänderriss, der mich zu einer längeren Pause zwang, und dann kam die Pubertät, und ich habe gar keinen Sport mehr gemacht. Etwas Volleyball noch zum Spaß. Erst mit 28 Jahren bin ich ins Boxen eingestiegen.
Wie kam es dazu?
Haustein: Ich kam nach Darmstadt an die Uni und kannte keinen. Da dachte ich, durch Sport lernt man immer viele Leute kennen. So bin ich in die Boxgruppe gekommen, und alles hat sich entwickelt.
Für eine Boxerin mag die Frage naiv klingen, aber an Sie: Könnten Sie jemandem ins Gesicht schlagen?
Petkovic: Puh. Also wenn ich mich an einige Situationen auf dem Tennisplatz zurückerinnere, dann würde ich sagen: Ja. Ich habe da so ein paar Russinnen im Kopf.
Die Gegnerin zu schlagen, war das für Sie anfangs ein Problem, Frau Haustein?
Haustein: Nein, da hatte ich keine Skrupel. Es hieß „Mach das“, und ich hab' es gemacht.
Im normalen Leben ist es so, dass man einem am Boden Liegenden aufhilft. Im Sport, gerade im Boxen und Tennis, muss man den Gegner niedermachen. Fällt Ihnen das schwer?
Haustein: Das ist völlig normal. In unserem Sport geht es nur um Verlieren oder Gewinnen. Mitleid oder Zweifel bringen das ganze Gerüst ins Wanken. Ich will gewinnen, ich muss gewinnen. Mehr gibt es da nicht.
Petkovic: Als ich im Januar 2008 meinen Kreuzbandriss bei den Australian Open hatte, stand meine Gegnerin Anna Chakvetadze da und schaute nur. Erst als ich aufgab, zeigte sie Mitgefühl. Aber etwas anderes darf man auch nicht erwarten, das ist okay.
Haustein: Ich hatte auch eine ähnliche Situation. Zum Beginn meiner Karriere hatte ich Sparring gegen einen Kerl. Ich habe ihn ziemlich hart getroffen. Als er kurz benommen war, habe ich mich selbst erschrocken. Als ich deswegen etwas zurückwich, kam von ihm sofort der Konter. Da habe ich gemerkt, wie der Hase läuft.
Ist der Killerinstinkt angeboren, oder kann man sich das antrainieren?
Haustein: Bei uns muss man den haben.
Petkovic: Wenn man ein sehr lieber Mensch ist, kann man sich das nur schwer antrainieren. Bei mir wird das extremer, je höher ich in der Rangliste komme. Desto weniger Mitleid gibt es, man will den Gegner zerstören. Das wird bei mir von Jahr zu Jahr deutlicher.
Beschränkt sich das auf den Sport, oder greift das auch ins Privatleben über?
Petkovic: Auch im Privatleben werde ich teilweise rücksichtsloser, als ich früher war. Ich versuche das zu trennen. Je mehr Matches ich habe, desto schwieriger wird es.
Wie ist das mit der Konzentration vor den Duellen? Als Boxerin hat man drei oder vier Kämpfe im Jahr, als Tennisspieler kommt man auf dieselbe Zahl pro Woche. Wie schafft man es, auf den Punkt topfit sein?
Haustein: Ich habe Glück, ich bin eine Wettkämpferin, eine Rampensau. Bisher hat es immer funktioniert, dass ich in Topform war, wenn es darauf ankam. Man muss sich zusammenreißen, alles abschalten. Egal, wie es dir geht, du musst raus und gewinnen. 45 Minuten vor dem Kampf laufe ich den Gang hoch und runter, und ich muss nur noch raus. Wie ein Tiger.
Petkovic: Das kostet unheimlich viel Energie. Wenn ich pro Woche drei, vier Spiele habe und mich vor jedem einzelnen so konzentrieren würde wie Nicole, dann wäre ich nach spätestens drei Spielen platt. Das geht nicht dreimal die Woche. Ich versuche, mich eine Stunde vorher in ein Match hineinzudenken, um alles aus mir rauszuholen.
Eine Frage der Konzentration?
Petkovic: Ja, das Erste, was nachlässt, ist die Konzentration. In Tokio hatte ich fünf Matches, und da habe ich gemerkt, wie die Gedanken anfangen zu fliegen. Was man vorher unter Kontrolle hatte, endet in Nervosität. Sich aus diesem Kreislauf rauszuholen, das ist eine Fähigkeit, die nur große Champions haben.
Welche Bedeutung hat die Taktik? Den Gegner lesen? Schwächen analysieren?
Haustein: Beim Boxen hat man im Prinzip die Wahl, sich auszutoben oder einfach nur zu kontern. Das ist situationsabhängig. Bin ich überlegen? Werde ich dominiert? Wie reagiere ich? Das sind Fragen, die man im Kampf beantworten muss.
Petkovic: Bei meinem Sieg in Tokio gegen Kuznetsova, die große Favoritin, war es eindeutig die Taktik, die den Ausschlag gab. In Stuttgart hatte ich schon gut gespielt, aber knapp in drei Sätzen gegen sie verloren. Da habe ich immer mit meiner Rückhand in ihre Rückhand gespielt, auch beim zweiten Aufschlag. Diesen Ball liebt sie. Das war der Grund, warum ich verloren habe. Beim zweiten Match habe ich den zweiten Aufschlag auf ihren Körper serviert, da hat sie viele Fehler gemacht. Ich habe ähnlich gut gespielt wie in Stuttgart, sie auch, aber ich habe den dritten Satz 6:3 gewonnen, statt 1:6 zu verlieren. Weil ich die taktischen Dinge, die ich beim ersten Mal falsch gemacht habe, diesmal richtig gemacht habe.
Haustein: Ich höre in den Pausen auch, was mein Trainer sagt. Er sieht Sachen, die ich nicht mitkriege.
Petkovic: Bekommst du da auch taktische Tipps?
Haustein: Ich bekomme fünfzehn Sekunden lang Informationen, kurz und knackig, damit kann ich auch immer was anfangen.
Diese Möglichkeit gibt es im Tennis nicht.
Petkovic: Seit diesem Jahr gibt es die Möglichkeit des „On Court-Coaching“, das heißt, ein Trainer darf pro Satz einmal auf den Platz. Wenn man einen richtigen Abschuss bekommt und nicht kapiert, was gerade passiert, ist es gut, wenn dir jemand sagt, du musst dies und jenes ändern. Manchmal funktioniert auch ein Schlag nicht mehr, warum auch immer. Dann ist der Input von außen gut.
Wenn Sie also immer einen Trainer dabei hätten, Ihren Vater etwa, wäre das für Sie ein Schritt nach vorne?
Petkovic: Ja. Nach einem Match kann ich alles genau analysieren, aber während des Matches, wenn man emotional ist, ist es schwierig, sich selbst aus einem Tief herauszuholen. Wenn ich meinen Vater dabei hätte, könnte er mir auf jeden Fall viel helfen.
Der akademische Hintergrund bei Ihnen beiden ist auffällig. Macht das einen Unterschied, werden Sie zum Beispiel von Ihren Kolleginnnen anders wahrgenommen?
Haustein: Ja, schon - als die studierende Boxerin. Ich selbst sehe es nicht als exotisch an, für mich ist es normal.
Petkovic: Ich bin neben Vera Zvonareva wohl die Einzige in der Profitennisszene, die studiert oder etwas anderes nebenher macht. Ich glaube, dass sich viele einbilden, durch ein Studium ginge einem Energie für das Tennis verloren. Aber das stimmt nicht. Wir haben so viel Zeit, speziell wir Tennisspieler. Wir reisen so viel durch die Gegend und sind nur im Hotel. Ich wüsste gar nicht, wohin mit meiner ganzen Zeit. Natürlich kann ich bei einem Grand Slam nicht so viel lernen wie in der Trainingsphase. Aber man kann das ja dosieren. Ich weiß nicht, ob die anderen sich unterschätzen oder ob der Horizont fehlt.
Was machen denn die anderen Spielerinnen mit der vielen freien Zeit?
Petkovic: Die shoppen. Wir sind in schönen Städten, verdienen gutes Geld - also gehen sie shoppen.
Sie können mit der finanziell lukrativen Tenniskarriere im Rücken studieren, wozu Sie Lust haben. Bei Ihnen ist das anders, Frau Haustein.
Haustein: Das stimmt, ich muss noch hart dafür arbeiten, dass da finanziell was bei rumkommt.
Wie ist die Perspektive?
Haustein: Das können wir jetzt noch nicht beurteilen. Das kommt auf meine Entwicklung an. Ich werde zum Beispiel nicht gegen die Weltmeisterin Ina Menzer antreten, wenn ich weiß, ich liege nach drei Runden am Boden. Bislang ging meine Entwicklung steil nach oben, wenn das so weitergehen sollte, dann schätze ich, dass ich 2011 bereit für sie bin.
Wie viel trainieren Sie?
Haustein: Acht Wochen vor einem Kampf fange ich an und trainiere zweimal täglich. Im Schnitt zwischen drei und fünf Stunden am Tag, in denen ich an die Grenzen gehe. Mir fehlen aber Sparringspartner. Wenn ich richtig Sparring machen könnte, ich glaube, ich könnte der Oberkiller sein.
Wie ist es mit Männern als Sparringspartnern?
Haustein: Das ist schwierig, die boxen anders. Entweder sie wollen nicht so richtig, das merkst du, oder sie sind zu stark. Wir hatten zwei, drei, die waren gut geeignet. Aber die sind jetzt, tja, weg. Und gegen Frauen kann ich die eigenen Fähigkeiten viel besser einschätzen.
Wie sieht es mit Sponsoren und Unterstützung aus?
Haustein: Noch nicht so gut, das muss sich entwickeln.
Petkovic: Im Tennis wäre es die einfachste Möglichkeit, zu IMG oder einer anderen der großen Vermarktungsfirmen zu gehen. Die wollen dann aber Mädels, die sie bestimmen können. Die sagen dir, was du zu tun hast, bekommen 40 Prozent und dulden keine Widerrede. Das will ich nicht. Ich will selbst bestimmen und unabhängig bleiben. Ich will nicht von Sponsoren einen Stempel aufgedrückt bekommen. Ich möchte Sponsoren, die zu mir passen.
Sie sind von Weltranglistenplatz 92 vor Ihrem Kreuzbandriss auf Platz 54 danach geklettert. Das ist ein großer Schritt. Wie kommen Sie mit der neuen Situation zurecht?
Petkovic: Dieser Sprung war schon gewaltig. Anfang des Jahres stand ich schlechter als 450, jetzt bin ich auf Position 54. Ich war es immer gewohnt, gegen Spielerinnen anzutreten, die in der Rangliste vor mir stehen. Da konnte ich schauen, wie es läuft. Jetzt bin ich auf einmal die Gejagte und fühle mich auch ein bisschen gehetzt. Ich mache mir Gedanken darüber, bei einer Niederlage überholt zu werden. Aber ich habe plötzlich auch ganz andere Möglichkeiten. Ich kann nächstes Jahr alle WTA-Turniere spielen - die ITF-Seite schaue ich mir schon gar nicht mehr an, das ist ein Traum. Damit muss ich erst mal zurechtkommen, ich muss auf der WTA-Tour ankommen, das bin ich noch nicht ganz. Aber wenn ich da ankomme, dann werde ich auch wieder den nächsten Schritt machen. Ich brauche Zeit.
Was wäre ohne Kreuzbandriss gewesen?
Petkovic: Ich wäre 2008 abgefallen. Ich war einfach noch nicht so weit, einen Sprung von 90 auf 50 zu machen. Ich habe zu dieser Zeit ja auch trainiert wie ein Tourist. Nach der Verletzung kam ich in eine Phase, in der ich zu mir finden und darüber nachdenken konnte, was willst du, wo willst du hin und wie willst du es erreichen.
Dann erst haben Sie mit ernsthaftem Training begonnen?
Petkovic: Ja, aber ich bin ja immer noch ein halber Tourist und fahre ohne Trainer mit Mutter oder Schwester auf die Turniere.
Kann Intelligenz ein Nachteil sein, weil man im Zweifel zu viel nachdenkt?
Petkovic: Ich glaube, dass es von Vorteil ist, nicht so intelligent zu sein, wenn man nicht ganz, ganz nach oben will. Zwischen Weltranglistenplatz zehn und fünfzig sind die Mädels gut damit bestückt, nicht besonders schlau zu sein. Da läuft alles so, und keiner denkt wirklich darüber nach. Aber wenn man wirklich ganz nach oben will, dann reicht das nicht. Wer dort ist, ist anders. Dementieva liest viel und hat mit dem ganzen Trubel nicht viel zu tun. Kuznetsova auch, Sharapova sowieso. Die Mädels, die es ganz und nachhaltig nach oben schaffen, sind oftmals die, die die Fähigkeit haben, sich selbst zu reflektieren und darüber nachzudenken, wie sie weiterkommen. Die wissen, dass jede Veränderung in ihnen selbst beginnt. Roger Federer zum Beispiel ist ein sehr intelligenter Mann. Dauernd denkt man, jetzt hat er seinen Zenit erreicht. Und dann macht er wieder einen Sprung nach vorn. Und wieder. Und wieder. Er schafft das, weil er sich mit sich selbst auseinandersetzt.
Haustein: Das kann einem aber auch abgenommen werden. Boxer funktionieren manchmal wie Maschinen, sie lassen sich von ihrem Trainer programmieren. Boxer müssen funktionieren.
Früher war Boxen vor allem im Rotlichtmilieu zu finden, heute boxen Leute von der Uni. Im Tennis war früher alles sehr gediegen, heute darf es auch rabiater zugehen, etwa bei den Williams-Schwestern. Warum ist das so?
Petkovic: Die Leute heute wissen nicht mehr, wohin, deshalb wird alles ausprobiert. Dieses strenge Schichtendenken gibt es nicht mehr, die Schubladen sind weg. Jeder will sich neu erfinden. Da will jemand aus der Banker-Familie boxen, und die anderen gehen zum Tennis, weil sie auch mal zur Banker-Familie gehören wollen. Es hat sich vieles vermischt.
Spielt es eine Rolle, vor wem man boxt?
Haustein: Ja. Ich habe schon unter ganz komischen Umständen geboxt. Da sind wir hingekommen, haben uns angesehen und gesagt: Okay, wir boxen und gehen wieder. Aber ich muss kämpfen, ich brauche diesen Kampf. Wenn es sein muss, auch im Hinterhof.
Petkovic: Wie in „Fightclub“?
Haustein: Ja. Da lieferst du deine Show und gehst wieder. Ich habe auch schon im Wald geboxt. Freier Himmel, Regen und Sturm.
Lesen Sie, was über Sie geschrieben wird?
Petkovic: Ich versuche, das so gut wie möglich auszublenden. Es ist nicht immer alles positiv, und wenn man sich das als etwas empfindsamer Mensch zu Herzen nimmt, dann kann das zu sinnlosen Zweifeln führen. Ich zweifele so schon genug an mir, dazu brauche ich keine Journalisten oder Fans. Schwierig ist es, wenn Leute kommen und dir erzählen, was geschrieben wurde. Da sage ich meinen Freunden immer, ich will das nicht wissen. Das ist ein Input an negativer Energie, den ich nicht brauche.
Haustein: Mir macht das nichts aus. Aber beim Boxen ist es ganz extrem. Da kennt sich scheinbar jeder aus, und jeder hat was zu sagen. Aber die wenigsten haben schon mal eine Erfahrung gemacht, wie es ist, eine Gerade zu schlagen. Die würden vermutlich nach zwei Sekunden am Sandsack das Sauerstoffzelt brauchen.
Petkovic: Und das regt dich nicht auf?
Haustein: Als Sportler muss man da einfach auf Durchzug schalten. Wer nicht boxen kann, auf dessen Aussage gebe ich nichts. Ich weiß, wie es ist.
Dürfen sich Zuschauer, wenn sie zahlen, nicht alles erlauben?
Petkovic: Es gibt einen riesigen Kulturunterschied. Ich saß mal bei den US Open im Publikum, da lief das schlechteste Match, das ich in meinem Leben gesehen habe. Irgendein Erstrundenmatch, beide waren aufgeregt. Und die Amis: „Oh, that's awesome, they play great.“ Die schlimmsten Ballwechsel, unglaubliches Glück und als Kommentar: „Oh, he is so clever.“ Im Gegensatz dazu ein Erlebnis vom Hamburger Rothenbaum: Da spielten Rafael Nadal und Novak Djokovic, eines der besten Männer-Matches, die ich jemals live gesehen habe. Die waren so gut, das war unglaublich. Und da sitzen drei Herren vor mir und sagen: „Nee, also der Nadal, der spielt nur mit Kraft, da ist gar nichts dahinter. Der müsste mal einen Stopp spielen, warum kommt der nicht mal ans Netz.“ Da fragt man sich dann schon, was da los ist. In den USA werden zwei Hanswürste über den grünen Klee gelobt, da wirst du zum Helden stilisiert, wenn du dreimal unfallfrei den Müll raus gebracht hast. Deutschland dagegen ist viel zu schnell mit negativer Kritik. Es müsste eine Mitte geben.