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Samstag, 18. Februar 2012
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Im Gespräch: Michael Gross „Das geht an den Kern des Schwimmsports“

23.07.2009 ·  Michael Gross, 45 Jahre alt, war der „Albatros“ des deutschen Schwimmens. Im F.A.Z.-Interview spricht er über Los Angeles 1984, die Anzugdebatte, fehlenden Teamgeist und übersteigerte Qualifikationsnormen.

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Michael Gross, 45 Jahre alt, war der „Albatros“ des deutschen Schwimmens. Er gewann vor 25 Jahren zwei Mal Gold bei den Spielen in Los Angeles. Vier Jahre später wurde er noch einmal Olympiasieger. Heute arbeitet er als Unternehmensberater. Im F.A.Z.-Interview spricht er über Los Angeles 1984, die Anzugdebatte, fehlenden Teamgeist und übersteigerte Qualifikationsnormen.

Wann waren Sie zuletzt in Los Angeles?

Vor zwei Jahren im Urlaub. Ich war nach 1984 öfters mal da. Das Schwimmstadion aber war komplett temporär, inklusive Umkleidekabinen. Wir waren damals ein halbes Jahr vor den Spielen da, zum Testen, und mussten uns am Beckenrand umziehen, da gab es keine Dusche, nichts. Eine völlig desillusionierende Atmosphäre. Ein halbes Jahr später haben die Amerikaner, Hollywood ist ja nahe, eine 18.000-Mann-Kulissenstadt hingebaut, mit allem Drum und Dran. Im Februar 1985 war ich das nächste Mal in Los Angeles, und es war alles wieder weg.

Sie haben innerhalb von 24 Stunden zweimal Gold gewonnen. Waren das die zwei intensivsten Tage ihres Lebens?

Nein. Was intensiv war, war der 30. Juli. Da habe ich die 100 Meter Delfin mit Weltrekord gewonnen, relativ überraschend, es war ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem damaligen Weltrekordhalter Pablo Morales. Wenn ich ein Rennen nennen sollte, das nahezu perfekt gelaufen ist in meinem Leben, dann ist es dieses. Dann war eineinviertel Stunden später die 4×200-Meter-Kraulstaffel. Da sind wir viereinhalb Sekunden unter dem Weltrekord gewesen, ein traumhaftes Rennen, es hat eigentlich alles gepasst. Und trotzdem sind wir nur Zweiter geworden, hinter den Amerikanern. Das hat mich bis heute insofern geprägt, weil ich den Unterschied zwischen Leistung und Erfolg gelernt habe. Du kannst die höchste Leistung bringen und trotzdem nicht erfolgreich sein.

Ist da eher Freude über das perfekte Rennen geblieben oder Enttäuschung über den zweiten Platz?

Das Rennen ist ja um vier Hundertstelsekunden verlorengegangen, in einer 4×200-Meter-Staffel, das ist gar nicht mehr rational erfassbar. Alles unter zwei Zehntel ist im Schwimmen Glückssache. Deshalb ist die 4×200-Meter-Kraulstaffel in Los Angeles nach wie vor die größte Niederlage meines Lebens.

Der Schwimmsport hat eine enorme Professionalisierung durchgemacht. Lässt sich heute überhaupt noch – wie bei Ihnen – ein Studium mit dem Anspruch vereinbaren, in der Weltspitze zu schwimmen?

Das ist sicher schwieriger für die Athleten. Vor allem in einem deutschen Sport, der teilweise unerreichbare Ziele setzt und in dem die Sportler leicht Zweifel bekommen können, ob man die Dopingbekämpfung und Prävention ernst meint. Da stellt sich der DOSB-Generaldirektor Herr Vesper hin und sagt, wir wollen bei den Winterspielen in Vancouver im Medaillenspiegel Platz eins, zwei oder drei haben. Ein völlig falsches Signal an die Sportler! Ihr müsst zusehen, dass ihr die Medaillen einheimst. In Klammern: Koste es, was es wolle. Das zweite Beispiel sind die Normen für die Schwimm-WM. Es ist doch völlig absurd, dass ein Paul Biedermann über 100 und 400 Meter Kraul deutschen Rekord schwimmt, aber die WM-Norm nicht schafft. Letztlich müsste die Exportnation Nummer eins, Deutschland, sagen: So weit wie möglich fährt jeder deutsche Meister zu Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen. Das wäre ein Signal an die Sportler: Wir vertrauen euch, wir nehmen unser Anti-Doping-System ernst und orientieren uns nicht an zweifelhaften Ranglisten. Das würde auch den nationalen Wettbewerb fördern. Das beste Beispiel sind die 200 Meter Delfin. Da halte ich immer noch den deutschen Rekord. Wenn ich als Schwimmer weiß, ich bin so weit weg von der Norm, warum soll ich dann noch was tun? Oder, wenn ich was tue, tue ich eben alles, inklusive vielleicht betrügen. Ganz anders das Signal: Wir nehmen den besten 200-Meter-Delfinschwimmer mit. Dann würden sich alle sofort auf die Marktlücken stürzen. Es entstehen automatisch neuer Wettbewerb und bessere Leistungen – auch ohne Doping.

Das Hauptargument des DSV für die Normen war: Wir müssen uns am internationalen Leistungsniveau orientieren.

Klar, aber für einen jungen Menschen mit 14, 15 Jahren entsteht da ein Zielkonflikt: Entweder ich muss alles tun, um das zu erreichen, den besten Anzug tragen oder irgendein Mittelchen nehmen, oder ich lass’ es ganz. Psychologisch der völlig falsche Effekt. Auch der nationale Wettbewerb in Deutschland ist desaströs. Ich muss doch als Verband den Wettbewerb fördern, um eine höhere Talentdichte zu bekommen, und das geht nur über die Mannschaftswettkämpfe. In den Vereinen definiert man sich nicht über einzelne Stars, sondern über die Mannschaftsergebnisse, bei Staffel-Meisterschaften, in der Schwimm-Bundesliga. Für einen Individualsport spielt das eine extrem große Rolle. Kein Schwimmer kann allein trainieren, er braucht ein Team. Für mich war es wichtig, dass ich Teammitglieder hatte, die mit mir mithalten konnten. Ich wäre niemals so weit gekommen, hätte ich nicht Trainingspartner gehabt. Das sind alles Binsenweisheiten. Aber es wird einfach elementar dagegen verstoßen.

Warum?

Das sind ganz klar Nachwirkungen der DDR. Dieses System hat sehr stark den Wettbewerbsgedanken, von dem wir hier leben, unterlaufen. Die Zentralisierung auf wenige Stützpunkte und die Inszenierung der Leistung, indem man sagt, Leute, ihr müsst an die wenigen Stützpunkte kommen, widerspricht dem gewachsenen deutschen Sportsystem der Vereine.

Ist das neue Stützpunktsystem des DSV also der falsche Weg?

Dadurch wird doch jeder Vereinsmensch demotiviert. Die Talente laufen ja nicht in den sechs Stützpunkten herum, sondern in jedem Winkel der Rebublik. Für junge Menschen in der i-Phone- und SchülerVZ-Generation, in Zeiten, in denen man billig in jeden Winkel der Welt fliegen kann, sind die Anreize, die wir damals hatten, andere Menschen, andere Länder kennenlernen, alle weg. In Zeiten von DSDS kann man ein Star werden, ohne dreißig Stunden die Woche zu trainieren. In dieser Zeit müssen Sie erst recht vor Ort in den Vereinen den Enthusiasmus bei den Kindern wecken, bei Zwölf-, Vierzehnjährigen, die sagen: Die anderen sitzen zwei Stunden vor SchülerVZ, ich gehe zwei Stunden trainieren. Das machen Sie nicht über sechs Stützpunkte. Das machen Sie nur über Leute in den Vereinen, die den Kindern und Jugendlichen diese Faszination mitgeben, die Anerkennung bekommen in den lokalen Medien, die Unterstützung bekommen von lokalen Sponsoren.

Bei den deutschen Meisterschaften in Berlin, zugleich WM-Qualifikation, gab es eine Reihe starker Leistungen – wie schon bei den Titelkämpfen vor Peking. Wieder nur ein Strohfeuer?

Weiß ich nicht. Es hat den Schwimmern in Peking selbst am meisten weh getan, dass sie mit den Leistungen aus Berlin bei Olympia um eine Medaille geschwommen wären. Das lag vielleicht auch an der psychologischen Komponente. Einen Teamspirit gibt es nur sehr rudimentär bei den Schwimmern. Dass Britta Steffen etwa in Peking die 4×200-Meter-Staffel nicht geschwommen ist, ist für mich undenkbar. Da schraube ich mir doch erst recht einen raus. Sie wäre hundertprozentig die 100 Meter Freistil nicht langsamer geschwommen, wenn sie die Staffel geschwommen wäre, davon bin ich felsenfest überzeugt. Es gibt eigentlich nichts Schöneres, als als Einzelkämpfer in der Staffel schwimmen zu können, da tut man alles für. Diese Einstellung ist offensichtlich nicht da. Das ist schade, denn diese Einstellung hilft einem, sich gegenseitig in solchen Tiefs wieder hochzureißen. Kein Mensch ist in der Lage, sich selber am Schopf aus dem Dreck zu ziehen. Er braucht dafür andere, insbesondere als Einzelsportler ist das wichtig, dieses „teaming up“, wie es die Amerikaner auch brauchen, um zur richtigen Zeit ihre Höchstleistung zu zeigen. Das fehlt zur- zeit im deutschen Schwimmen.

Die Diskussion über die Anzüge frustriert viele Athleten. Wundern Sie sich heute manchmal über Ihren Sport?

Klar ist das total frustrierend. Letztlich geht diese Diskussion gegen den Kern des Schwimmsports. Früher haben wir über Renntaktik und Formzuspitzung diskutiert. Da ging es darum, ob ich die zweiten 100 Meter schneller als die ersten 100 schwimme, dass ich langsam angegangen bin und nach der Wende den Turbo eingeschaltet habe, solche Sachen. Und nicht um die Anzüge.

Was kann man dagegen tun?

Es ist vielleicht naiv, aber letztlich ist die einzige Chance, aus dieser Nummer rauszukommen: Zurück zur Badehose. Eine andere Chance gibt’s nicht. Wenn man sagt, dieser Anzug ist verboten, jener erlaubt, dann sind selbst in der Formel 1 die Regeln simpler. Da gibt’s klare Größen und Maße. Das Problem mit den Reifen haben sie durch die Einheitsreifen gelöst, was beim Schwimmen bedeuten würde, es gibt den Einheitsanzug. Aber den Einheitsanzug gibt es schon immer: die menschliche Haut. Dagegen stehen natürlich die Funktionäre und ihre Interessen. Im Schwimmsport sind die Top-Anzughersteller die Top-Sponsoren. Also sind die Funktionäre auf die Anzughersteller angewiesen. Sie haben zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder die Möglichkeit gehabt, über ihr Produkt etwas erzielen zu können. Auch wenn das mit dem menschlichen Schwimmalltag gar nichts zu tun hat. Da ist wirklich ein materielles Interesse hinter dem Anzugthema.

Das heißt, die Chancen sind gering, dass bald wieder in der Badehose geschwommen wird?

Wenn sich Athleten, Trainer und Beobachter so einhellig äußern wie zuletzt, müssen sich die Funktionäre darüber im Klaren sein: Diese Geschichte geht an den Kern des Schwimmsports. Dieser Sport ist gerade wegen des Puristischen so attraktiv, weil da Leute sind ohne technischen Firlefanz, die ohne direkten Körperkontakt und nach einem ultimativen Maßstab, der Zeit, unterwegs sind. Da gibt es nur ein Fragezeichen, das Thema Doping, aber das gibt es in allen Sportarten. Aber wir machen uns nun ein eigenes großes Fragezeichen mit dem Anzugthema. Das macht den Schwimmern keinen Spaß, den Ehemaligen keinen Spaß und den Zuschauern keinen Spaß. Irgendwann sagen die Leute, da guck' ich lieber Formel 1. Da ist die Technik seit der ersten Sekunde Teil des Sports, wie etwa auch im Skisport. Im Schwimmen ist das nicht so. Da ist es genau umgekehrt: Es ist Teil des Sports, dass es keine technische Ausstattung gibt.

Viele befürchten schon, dass die WM in Rom zur Farce wird...

Man muss sich mal die Konsequenzen überlegen in Richtung Medien, in Richtung Zuschauer. Die fragen sich nur noch: Wer hat welchen Anzug? Und, viel schlimmer: Was sind das für Signale an den Nachwuchs? Da gibt es die Dopingdiskussion, die ist latent, die wird auch niemals aufhören, aber der kann man mit verschiedenen Maßnahmen begegnen. Und es gibt diese Anzugdiskussion. Irgendwann gibt es vielleicht mal Anzüge, die kosten 10.000 Euro, wer weiß. Im Schwimmen, wo die Eigenmotivation die entscheidende Rolle spielt, ist das tödlich. Die Leistungssportler machen das ja, weil es ihnen was gibt, innere Erfüllung, Spaß. Kein Helge Meeuw, keine Britta Steffen, keine Franziska van Almsick und kein Michael Gross haben, als sie klein waren, mit dem Schwimmen angefangen, um Olympiasieger zu werden, sondern, um sich mit anderen zu messen. Weil das Schwimmen zum Beispiel mich mehr fasziniert hat als Basketball. Ich habe festgestellt, das ist mein Sport. Das war mit 13. Da habe ich nicht dran gedacht, dass ich sieben Jahre später Olympiasieger bin. Dieser Antrieb, diese Faszination gehen verloren. Und: Das Schwimmen ist eine ziemliche Fron im Alltag, es hat wenig Spielerisches wie etwa Basketball. Das ist zum Teil Meter-Schrubben, bei mir insgesamt 38.000 Kilometer. Und dabei ist man im Training ziemlich alleine. Wenn Sie das nicht wollen, wenn Sie das nicht wirklich toll finden, dann lassen Sie’s.

Das Gespräch führte Bernd Steinle.

Quelle: F.A.Z.
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