22.12.2008 · Der eine ist Sportler des Jahres, der andere wurde auf Platz drei gewählt. Für beide war der 19. August 2008 der Tag, der alles veränderte. Die Olympiasieger Matthias Steiner und Jan Frodeno sprechen über den Coup von Peking und das anstrengende Leben danach.
Gewichtheber Matthias Steiner ist Deutschlands Sportler des Jahres,Triathlet Jan Frodeno wurde auf Platz drei gewählt. Für beide war der 19. August 2008 der Tag, der alles veränderte. Die Olympiasieger Steiner und Frodeno sprechen über den Coup von Peking und das anstrengende Leben danach.
Herr Steiner, Jan Frodeno ist am 19. August ein paar Stunden vor Ihnen Olympiasieger geworden. Konnten Sie seinen Wettkampf verfolgen?
Steiner: Ja, ich habe sein Finale im Fernsehen angeschaut, ich war auf meinem Zimmer. Ich kannte Jan vorher nicht und habe gedacht: „Hoppala, da steht ja ,Germany' auf dem Trikot drauf!“ Es steckt an, wenn man sieht, wie einer so kämpft und Gas gibt.
Frodeno: Ich habe Matthias' Sieg abends im Fernsehstudio mitgekriegt. Es war der reine Krimi.
Wie viel Prozent macht der Wille aus an einem solchen Tag?
Steiner: Der Kopf entscheidet. Es gewinnt, wer es sich am meisten zutraut, wer die größte Drecksau ist. Als ich geschafft hatte, was ich wollte, dass ich nämlich mit meinem letzten Versuch alles entscheiden konnte, da habe ich gedacht: Das ist Olympia, wer weiß, ob du noch einmal in deinem Leben dahin kommst. Wenn du dir jetzt alle Knochen brichst und es dir jede Sehne wegfetzt, alles egal, das ist jetzt der letzte Versuch, und was immer passiert, man kann es später operieren oder du hörst auf, alles egal, du hast wahrscheinlich nur einmal diese Chance, da kann es kein Zweifeln geben und kein Taktieren.
Frodeno: Was uns beiden vielleicht fehlt, ist die Überlegung, dass man sich immer absichern muss. Um im Leben so etwas zu erreichen, wie wir es erreicht haben, muss man Risiko eingehen. Wenn ich 400 Meter vor dem Ziel antrete bei 38 Grad, dann ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass ich einen Krampf bekomme oder sonst was passiert. Aber wir haben jahrelang nur für diese eine Chance gelebt, für diesen einen Moment, haben ihn hundertmal im Kopf durchgespielt, und wenn es dann so weit ist, musst du dich einfach trauen. Olympia, das hätte ich vorher nicht gedacht, führt dich in einen anderen Gedankenzyklus, du fühlst dich plötzlich wie ferngesteuert.
Steiner: Ja, gewisse Dinge werden egal, die sind ausgeschaltet. Da erwacht der Killerinstinkt.
Frodeno: Für mich gab es dieses rote olympische Zielband, durch das ich in meinem Kopf schon tausendmal gelaufen war. Für mich war immer klar, dass dieses Zielband das ist, was ich will, dass ich dafür lebe und schufte, jeden Tag. Wenn es regnete und andere saßen vorm Fernseher, dann bin ich noch mal raus und habe trainiert, und zwar für diesen einen Moment.
Steiner: Die Ähnlichkeiten sind verblüffend. Mein Trainer und ich, auch wir haben wochenlang über nichts anderes geredet als über Gold. Du musst dir das jeden Tag einreden, du musst auch jeden Tag den Wettkampf durchgehen.
Was ist passiert seit Olympia?
Frodeno: Ich bin viel unterwegs, habe viele Termine. Ich habe mir relativ viel Zeit gelassen, um eine Agentur zu finden, die meine Interessen vertritt. Das Wunderbare an einem Olympiasieg ist ja, dass er einem immer bleibt, dass er nicht verjährt.
Steiner: Ich habe auch nicht gesagt, ich suche jetzt mal den großen Manager, und der macht mir den großen Vertrag. Mich interessiert auch, was danach kommt, mir geht es auch um langfristige Planung und darum, was ich mal nach der Karriere mache.
Sich selbst zu vermarkten, das ging nicht mehr?
Steiner: Nein, der Hype war zu groß. Und als Athlet weißt du ja nicht einmal, was du wert bist, und irgendwohin zu gehen und zu sagen, das und das will ich, dafür bin ich nicht der Typ.
Frodeno: Ich kann das auch nicht, mich vermarkten. Ich war ja vor ein paar Jahren noch froh, dass mir jemand ein Paar Schuhe gegeben und ein Fahrrad zur Verfügung gestellt hat.
Herr Steiner, der Unfalltod Ihrer Frau war ein tragisches Ereignis, das Sie 2008 ständig begleitet hat. Nun ist der Prozess gegen den Unfallverursacher beendet. Der Mann ist wegen fahrlässiger Tötung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden, aber Sie haben nicht bekommen, was Sie wollten: Klarheit über die Unfallursache. Wie gehen Sie weiter mit dem Thema um?
Steiner: Das alles geht mir schon viel zu lange. Es war das Problem, dass die Gerichtsverhandlung erst so spät im Jahr angesetzt war, das Urteil erst im Dezember gesprochen wurde, das hat mich geärgert, aber es war eben so. Es muss jetzt Schluss sein mit dem Thema. Wenn mich jemand im neuen Jahr noch danach fragt, bekommt er keine Antwort mehr. Was privat ist, ist eine andere Sache, damit habe ich genug zu kämpfen, und darüber möchte ich nicht mehr öffentlich reden, es würde dadurch jeden Tag wieder etwas aufgewühlt. Damit wird jetzt Schluss sein.
Wie kommen Sie mit dem ganzen Medienhype zurecht?
Steiner: Die Medienwelt, das Fernsehen, das ist eine Scheinwelt. Angenehm und schön, aber eben eine Scheinwelt. Als Rückhalt braucht man die Freunde, das ist die reale Welt.
Frodeno: Wir lernen jetzt jede Menge neue Leute kennen, das ist sehr interessant und macht mir auch viel Spaß, aber man sollte nie vergessen, wo man herkommt.
Steiner: Grundsätzlich ist es wichtig, dass du die Freunde behältst, die du schon lange vor deinem Erfolg hattest. Diese Freundschaften musst du immer pflegen.
Wie steht es mit dem Training, blieb dafür überhaupt noch Zeit?
Steiner: Es macht Spaß, wenn das Handy mal aus ist und man sich mal wieder so richtig auspowern kann. Die Lust auf den Sport ist nie verflogen.
Frodeno: Zunächst war nicht die Chance da, überhaupt etwas zu machen. Inzwischen sage ich aber auch Termine ab, auch solche, die ich gern machen würde, einfach deshalb, weil der Sport das ist, was mir am meisten Spaß macht, was mir am meisten gibt.
Steiner: Wir wissen, dass es alles andere als einfach wird, weiterhin zu gewinnen. Die Konkurrenz schläft nicht, sie trainiert. Dazu kommt die Erwartungshaltung, die jetzt sehr groß ist. Aber mir kommt das entgegen, Druck ist genau das, was ich brauche.
Frodeno: Wenn ich dreimal am Tag trainiere, zwei Stunden Mountainbike fahre, anderthalb Stunden schwimme und eine Stunde laufe, dann ist das für diese Jahreszeit gut. Aber Ende des Jahres werde ich wieder ins Trainingslager gehen, dann muss es wieder richtig losgehen.
Steiner: Ich habe nach Olympia fünf Wochen gar nichts gemacht, dann bin ich wieder eingestiegen. Bei uns ist nicht das Problem, dass wir in ein paar Wochen zu viel Muskelmasse verlieren, das Problem ist, dass die Muskelspannung total dahin ist. Deshalb ist in den ersten Wochen der Anspannungsschmerz enorm - da muss man sich durchquälen. Mittlerweile läuft es schon wieder ganz gut. Ab Januar muss ich wieder richtig Gas geben.
Von Ihnen, Herr Frodeno, heißt es, Sie hätten vor Olympia wochenlang nur Reis gegessen. Hört sich nicht sehr appetitlich an.
Frodeno: Ich hatte vor Peking drei Monate strenge Diät gehalten: Reis, Couscous, Obst und Wasser. Im Triathlon gewinnt der Läufer, und ein Läufer muss leicht sein. Bei Olympia hatte ich weniger als vier Prozent Körperfett. Für mich war das immer eine der größten Herausforderungen, denn ich bin ein leidenschaftlicher Esser. Ich koche und esse für mein Leben gern.
Steiner: Das ist mir sehr sympathisch.
Frodeno: Ich habe jetzt sechs Kilo mehr als in Peking.
Steiner: Und ich habe acht Kilo weniger - wir kommen uns näher.
Ihre Ernährung fällt vermutlich ein wenig großzügiger aus.
Steiner: Ja, aber ich kenne die Probleme. Bis Olympia in Athen bin ich in der Klasse bis 105 Kilogramm gestartet, ich hatte damals zehn Prozent Körperfett, damit war ich fürs Gewichtheben zu dünn. Salat essen, nur Putenfleisch, an Kohlehydraten sparen, kein Fett, das war auch für mich damals eine Quälerei. Jetzt, im Superschwergewicht, sieht es natürlich anders aus. Ich esse in der Regel fünfmal am Tag, habe aber keinen genauen Plan. Wenn ich weiß, ich habe in dieser Woche soundso viele Wiederholungen mit der und der Tonnage, dann weiß ich, was ich essen muss. Ich verliere in einem zweistündigen harten Training rund vier Kilogramm Körpergewicht. Ist es eine ruhigere Woche, dann esse ich bewusst, dann fresse ich nicht so weiter, dass ich drei Kilo zunehme.
Wie schwer ist es, sich nach einem triumphalen, vielleicht einmaligen Sieg neu zu motivieren?
Frodeno: Die Definition des Ziels ist das absolut Wichtigste - und die Festlegung des Weges dorthin. Das wird eine spannende Phase für mich, bislang hatte ich einen riesengroßen Traum, und jetzt muss ich ein neues Ziel definieren. Wir haben die Triathlon-WM im nächsten Jahr als Serie, sieben Etappen und ein großes Finale, das ist neu. Mein Ziel ist, die ganze Saison über vorn mitzumischen. Um ehrlich zu sein: Diese ganze Schufterei und Schinderei macht mir zwar Spaß, aber ich mache sie nicht, um Fünfter zu werden oder Zehnter.
Steiner: Mein großes Ziel ist die WM im November in Südkorea. Im März habe ich von Arnold Schwarzenegger eine Einladung zu einem Turnier in den Vereinigten Staaten. Das ist nur ein Show-Wettkampf, aber wenn ich dahin fahre und stoße nur 200 Kilo, dann fragen die Leute: Was ist denn mit dem Steiner los? Ich sollte im März also Weltklasseniveau haben.
Sie haben gesagt, Sie seien überrascht gewesen, dass man Ihnen nach dem Olympiasieg kaum Fragen über Doping stellte. Woran lag das? Traut man Ihnen mehr als anderen, oder wollte man die nationale Freude nicht trüben?
Steiner: Man hat mir in den vergangenen drei Monaten tatsächlich so gut wie keine Frage über Doping gestellt, das hat mich überrascht, auch weil das vor Olympia ganz anders war.
Frodeno: Bei mir war das genauso.
Steiner: Ich glaube, dass unsere schönen Momente in Peking alles überstrahlt haben, sogar das Thema Doping. Vielleicht kommen wir auch ganz ehrlich rüber.
Wie oft sind Sie kontrolliert worden in diesem Jahr?
Steiner: Vierzehnmal.
Frodeno: Bei mir könnte der Kontrolleur eigentlich direkt in die Nachbarschaft ziehen. Ich stehe jetzt bei etwa 25 Kontrollen in diesem Jahr. Es ist nicht immer einfach; die schwarzen Schafe sorgen dafür, dass uns ganz extrem in die Privatsphäre eingegriffen wird. Jede Stunde angeben zu müssen, wo man gerade ist . . .
Steiner: . . . da hätte ich lieber eine elektronische Fußfessel, das sage ich nicht nur so, das ist mein Ernst. Das wäre doch viel einfacher, da weiß der Doping-Kontrolleur immer, wo ich gerade bin, dann kommt er, wann er will, und ich habe keine Sorgen mehr mit der ganzen An- und Abmelderei.
Frodeno: Für mich ist Doping die Pest des Sports. Ich begrüße sehr, dass die Pekinger Proben eingefroren sind und es Nachtests geben wird. Ich habe keine Angst, dass jemand kommt und mir meine Medaille wegnimmt. Vielleicht verkörpern wir beide auch ein wenig diese Sicherheit, und die Leute bekommen das mit.
Herr Frodeno, Sie sind in Südafrika aufgewachsen, Sie, Herr Steiner, in Österreich. Wie kam es, dass Sie mit dem deutschen Sportsystem auf Anhieb so gut klarkamen?
Frodeno: Wir Zugereisten haben einen Vorteil: Wir wissen sehr zu schätzen, was wir hier vorgefunden haben. Ich weiß, was es heißt, jeden Morgen im Schwimmbad Eintritt zu bezahlen und dann in 20 Grad kaltem Wasser zu schwimmen und danach kalt zu duschen, weil es dort kein Geld für Warmwasser gibt. Da weiß man dann so Sachen zu schätzen wie Physiotherapie, ein Wasserbecken, das auf 27,6 Grad geheizt ist - allein, dass es so eine Kommastelle gibt, ist erstaunlich. Dass Essen und Training und Trainingslager organisiert sind, dass man einen Trainer zur Verfügung gestellt bekommt, das sind alles Dinge, die nicht selbstverständlich sind und die einem den Weg nach oben sehr erleichtern.
Steiner: Sauna, Elektrowanne, Masseur, jeden Tag! Das habe ich früher alles selbst organisiert und bezahlt. Ich habe in Wien mit Hobbyathleten trainiert, wo du immer gestört wirst. Irgendwo Mittag gegessen, dann ins Auto, unter die Decke geschlupft, den Motor laufen lassen und eine Stunde geschlafen, dann wieder ins Training rein. So war das, und dann kommst du hierher und hast das Paradies, dann weißt du die Möglichkeiten viel besser zu nutzen - und zu schätzen.
Frodeno: Ich muss immer ein wenig schmunzeln, wenn es bei uns heißt, es müssen mehr Fördergelder reingepumpt werden in den Sport, denn mehr Geld führt nicht zwangsläufig zu mehr Erfolg. Wir sollten erst mal alles ausnutzen, was wir haben. Wir beide haben hier hervorragende Möglichkeiten vorgefunden, und vielleicht können wir sie mehr schätzen, weil wir nicht in diesem System groß geworden sind. Dann betrachtet man das alles mit anderen Augen.