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Donnerstag, 16. Februar 2012
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Im Gespräch: Fechterin Britta Heidemann „Glaube nicht, dass ich der große Oberstar bin“

22.12.2008 ·  Die Fechterin hat „in ihrer Stadt“ Olympia-Gold gewonnen, denn sie lebte schon als Schülerin in Peking, spricht die Sprache und kennt das Land wie keine Zweite: Britta Heidemann im Gespräch über „Ziele“.

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Britta Heidemann hat bei den Olympischen Spielen 2008 die Goldmedaille im Degenfechten gewonnen, bei der Wahl zur Sportlerin des Jahres landete sie hinter Schwimmerin Britta Steffen auf Platz zwei. Schon weit vor Beginn der Spiele war sie eine gefragte Frau, da sie als Schülerin in Peking gelebt hatte, die chinesische Sprache beherrscht und das Land wie keine zweite deutsche Sportlerin kennt. FAZ.NET hatte die Studentin der chinesischen Regionalwissenschaften im Sommer 2007 (siehe: Vorolympischer Besuch: Blond in Beijing) und im Frühjahr 2008 (siehe: 100 Tage vor Olympia: Vorfreude als Schwerstarbeit) auf Reisen nach Peking begleitet. Das Gespräch mit der Olympiasiegerin über „Ziele“ ist der Auftakt der Interview-Reihe, mit der FAZ.NET auf das Sportjahr 2008 zurückblickt. In den kommenden Tagen wird es stets ein Gespräch zu einem Thema mit einem Sportler geben, der dieses Jahr geprägt hat.

Sie sind mit dem festen Vorhaben „Olympiasieger in meiner Stadt werden“ nach Peking gefahren. War das nicht ein Risiko, das Ziel so hoch zu stecken?

Ich habe ja nie von mir aus gesagt: „Ich fahre jetzt da hin und werde Olympiasiegerin“. Nur bin ich eben im Vorfeld oft nach meinen Zielen gefragt worden, und da kann ich als Weltranglisten-Erste schlecht sagen: „Ich will Zehnte werden“. Da sagst Du natürlich, dass Du eine Medaille gewinnen möchtest, und am liebsten die Goldene.

Und wenn's nicht geklappt hätte, wären Sie dann die große Verliererin gewesen?

Ich war nicht so vermessen, zu glauben, dass ich auf alle Fälle gewinne. Dazu bin ich viel zu sehr in meinem Sportlerdenken verwurzelt und realistisch genug, um zu wissen, dass ich auch früh hätte ausscheiden können.

Trotzdem war der Druck doch sicher sehr hoch für die „China-Expertin“?

Das Leben wäre auch weiter gegangen, wenn ich nicht Olympiasiegerin geworden wäre. Ich hatte mich mental so vorbereitet, dass ich das Ergebnis genommen hätte, wie's gekommen wäre. Jeder Sportler weiß, dass man auch verlieren kann. Aber es ist natürlich tausend Mal besser, Olympia zu gewinnen, als früh rauszufliegen.

Sie waren vor den Spielen sehr präsent in den Medien, haben sich auch bewusst nicht nur als Sportlerin positioniert, sondern auch zu politischen und wirtschaftlichen Fragen Stellung bezogen. Gab es die Gefahr, dass es zu viel wird und vom eigentlichen Ziel ablenkt?

Ich habe mich schon sehr viel damit auseinandergesetzt und mich immer gefragt, wie schaffe ich die Gratwanderung? Im Grunde genommen habe ich stets auf mein Inneres gehört und wenn das sagte: „Jetzt passt noch ein Interview“, dann habe ich das gemacht. Und wenn ich mich nicht danach fühlte, habe ich den Sport in den Vordergrund geschoben.

Bestand für Sie die Gefahr, sich zu verzetteln?

Nein, ich kann mich in der Regel gut konzentrieren auf das, was ich gerade mache. Das liegt auch an meinem Sport: Fechten ist ja eine Disziplin, bei der die mentale Komponente sehr wichtig ist. Wenn ich früh ausgeschieden wäre, hätte es auf jeden Fall nicht an den Interviews gelegen.

Gab es trotzdem mal einen Punkt, an dem Sie gedacht haben, jetzt wird's mir zuviel?

Es gab ein Schlüsselerlebnis. Am Tag der Eröffnungsfeier hatte ich noch einen Auftritt und da hat irgendwas nicht geklappt. Da kam mir der Gedanke: jetzt musst du dich konzentrieren, sonst geht's schief.

Und wie haben Sie dann die letzten Tage vor dem Wettkampf verbracht?

Ich habe mich konsequent auf die mentale Wettkampfvorbereitung konzentriert, gemeinsam mit unserem Sportpsychologen. Das Ziel dabei ist, sich in den perfekten Wettkampf-Modus hineinzuversetzen.

Wie muss man sich das vorstellen?

Ich weiß, wie ich mich fühlen muss, um richtig gut fechten zu können. Und in den Tagen vor dem Wettkampf war ich oft völlig anders drauf. Mal panisch, dann wieder weinerlich, dann einfach nur müde, manchmal auch euphorisch, überdreht.

Und dann?

Dann habe ich den Zustand bewusst verändert - mit Hilfe der selbstgesteuerten mentalen Prävention. Als ich Angst hatte, habe ich meine Trainingspartnerin angerufen und ihr gesagt: „Bau mich auf“. Und die wusste dann, was sie sagen musste, um mich aufzubauen.

Und wenn sie was Falsches gesagt hätte?

Hätte sie nicht. In einer anderen Situation hätte ich mit jemand anderem gesprochen. Es gibt mehrere Personen in meinem Umfeld, von denen ich wusste, die vermitteln mir genau das, was ich brauche, und befreien mich zielsicher aus der Lage, in der ich mich gerade befinde.

Wer gehört alles zu diesem Kreis?

Mein Freund, mein Bruder, der ja auch in Peking war, meine Eltern, der Bundestrainer, meine Trainingspartnerin.

Im Turnier selbst gibt es dann keinen mehr, den Sie anrufen können. Wie haben Sie Ihre Psyche während der Gefechte im Griff?

Im olympischen Turnier gelten die gleichen Tricks wie bei allen Turnieren. Man kann seine Psyche ja lenken. Als es im Halbfinale gegen die Chinesin Li Na knapp wurde, als ich mit zwei Treffern zurück lag, hatte ich natürlich Bedenken, das liegt ja nah. Aber ich habe einfach konsequent meine Aktionen durchgezogen, in der Hoffnung, dass sie nervös wird. Ich habe meine Stärken perfektioniert. Und so hab ich dann auch gewonnen.

Wie bewerten Sie das, was danach kam?

Ich finde es unglaublich, was passiert ist und immer noch passiert. Ich hatte im Vorfeld von Olympia ja schon sehr viel Aufmerksamkeit bekommen, weil ich mich eben mit China auskenne. Aber seit dem Olympiasieg ist es wirklich der absolute Wahnsinn.

Nach den Spielen sind Sie ziemlich rumgereicht worden, waren bei „Wetten dass…“, tanzten hier auf einem Ball, nahmen da eine Ehrung entgegen. Wie gehen Sie damit um?

Ich freue mich, dass ich gefragt bin. Auch, weil damit meine Sportart Fechten, die ja sonst immer am Rande steht, mehr in den Vordergrund gerät, und die verdiente Anerkennung bekommt.

Was sagt Ihr Umfeld dazu?

Mein Umfeld hat auch was davon, weil bei allen Veranstaltungen auch eine Begleitperson eingeladen ist, und so bekommen mein Freund, mein Bruder und meine Eltern auch ein Stückchen ab von dem ganzen Trubel.

Und die halten Sie auch am Boden?

Also, ich kann sehr sicher sagen, dass ich die Gleiche geblieben bin. Ich bin auch so erzogen worden, dass ich Leistung bringe, und Spaß dabei habe. Ich denke nicht, dass ich jetzt der große Oberstar bin, „nur“ weil ich Olympiasiegerin bin. Und ich bin deshalb auch kein besserer Mensch. Trotzdem genieße ich die vielen Erlebnisse, die ich durch meinen Erfolg habe, und freue mich über die Glückwünsche. Dieses Jahr ist sicherlich das Eindrucksvollste in meinem bisherigen Leben.

Und wie geht's weiter mit Britta Heidemann?

Ich habe 2008 nicht nur sportlich alles erreicht, sondern auch im Studium. Meine letzte Klausur hatte ich am 30. Juli. Und ich definiere mich genauso darüber, dass ich mein Studium gut absolviere und danach in einen guten Job einsteige. Momentan bin ich in der Such- und Findungsphase für meine Diplomarbeit und das ist auch spannend und macht mir Spaß.

Welches Thema?

Es geht um „Windkraft in China“, die rechtlichen Rahmenbedingungen und auch die Chancen für deutsche Unternehmen.

Guter Ansatz, um mal wieder nach China zu reisen

Nein, ich mach das von zu Hause aus. Ende März will ich die Arbeit abgeben, das ist meine selbstgesetzte Zielvorgabe. Ich brauche immer einen festen Termin, um die nötige Spannung aufzubauen. Das ist wie im Sport. Ich habe ja auch sonst genug zu tun, und da ist es tausendmal effizienter, wenn ich weiß, wann was fertig sein muss.

Waren Sie nach den Spielen nicht noch mal in Peking?

Ich war bisher noch nicht wieder in China - wahrscheinlich wird es aber im Frühjahr wieder in Richtung Peking gehen, dann kann ich mir mal einen Eindruck davon machen, was von Olympia bei den Leuten vor Ort hängengeblieben ist und ob die Olympischen Spiele für die Chinesen tatsächlich eine Art motivatorische Sprungfeder bedeutet und ihr Selbstbewusstsein gesteigert hat.

Wie beurteilen Sie im Nachhinein die emotionale geführte Diskussion über China und Tibet?

Die Diskussion ist mit Ende der Spiele wie erwartet wieder verebbt und ich weiß nicht, ob das China-“Bashing“ in dieser vorolympischen Zeit neben den negativen Auswirkungen auf uns Sportler etwas positives bewirkt hat - ob tatsächlich einer Einzelperson in dieser Debatte damit geholfen werden konnte. Gestern diskutiert jeder über Tibet, heute über die Finanzkrise, morgen ein neues Thema.

Und wie geht's weiter mit dem Fechten?

Wir hatten jetzt unsere natürliche Wettkampfpause wie jedes Jahr, und im Januar geht's dann weiter. Ich steige zwei Wochen später ein als die anderen, aber sonst läuft alles normal. Ich bin auch schon total motiviert Es ist ein gutes Gefühl, wieder einen Degen in der Hand zu haben.

Als Olympiasiegerin können Sie 2009 nur verlieren?

Gar nicht, es ist für mich das erste Jahr, in dem ich mal so richtig durchatmen kann, und im Vergleich zum vergangenen Jahr keinen Druck spüre. Ich freue mich riesig, weiß aber noch nicht, wie ich emotional und körperlich reagiere, wenn es wieder los geht. Natürlich will ich so oft wie möglich gewinnen, aber mein Ziel ist es erst mal, unter den Top 16 der Weltrangliste zu bleiben, dann bin ich nämlich für die WM qualifiziert.

Und da wollen Sie dann nur dabei sein?

Nein, natürlich nicht: Eine Goldmedaille mit der Mannschaft wäre schön. Die fehlt mir nämlich noch.

Das Gespräch führte Achim Dreis

Quelle: FAZ.NET
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