21.10.2008 · David J. Stern führt seit bald einem Vierteljahrhundert als Commissioner die National Basketball Association. Sie umfasst dreißig Teams und hat einen Jahresumsatz von drei Milliarden Dollar. Im F.A.Z.-Interview spricht Stern über sein Bild vom Sport, die Vermarktung und den Anti-Doping-Kampf.
David J. Stern, der 66 Jahre alte Jurist aus New York, führt seit bald einem Vierteljahrhundert als Commissioner die National Basketball League (NBA). Sie umfasst mittlerweile dreißig Teams und hat einen Jahresumsatz von drei Milliarden Dollar. Am Dienstag kommender Woche beginnt die neue Saison.
Sie verkaufen eines der erfolgreichsten Produkte im Sport. Was würden Sie dem Internationalen Olympischen Komitee unter dem Aspekt des Marketings raten: Soll es die Dopingproben von Peking noch einmal testen oder nicht?
Aber sicher. Das hilft dem Produkt, das man wachsen lassen will. Man präsentiert der Öffentlichkeit eine Marke, die verschiedene Attribute hat. Eines davon ist Glaubwürdigkeit; dass man das tut, was man sagt; dass man dem folgt, vom dem man sagt, dass es die eigenen Werte sind. Einer der Werte der Olympischen Bewegung ist, die Leistungen so weit wie möglich dopingfrei zu erzielen. Ich glaube, sie haben keine andere Möglichkeit, als das zu tun, was sie angekündigt haben. Dafür haben sie meinen Beifall.
Ist das Image der Spiele durch Doping und Dopingverdacht beschädigt?
Nein. Fans wissen, dass der Lohn für Athleten so riesig und der Druck auf sie so enorm ist, dass sie Risiken eingehen. Sie verstehen, dass sie langfristig ihre Gesundheit riskieren, weil die kurzfristige Belohnung für Siege so groß ist. Ich glaube nicht, dass dies der Fehler des IOC ist.
Sie haben die Salary Cap, eine Obergrenze für Spielergehälter, durchgesetzt . . .
Wir haben sie nicht angeordnet, sondern hart für sie gekämpft und viel für sie gezahlt. Auch wenn sich leicht sagt, dass es eine Obergrenze gebe: Unsere Spieler erhalten 57 Prozent der Bruttoeinnahmen der NBA.
Zwei Milliarden Dollar.
Die Salary Cap schreibt keine Summe fest. Sie ist eher ein Mechanismus, das Geld zu verteilen.
Ist der Lohn nicht zu hoch und zu verführerisch?
Ich will kein Kritiker oder Philosoph sein. In unserem Fall bekommen die Spieler nur deshalb so viel Geld, weil wir so viel Geld erzielen. Und wir erzielen so viel Geld, weil die Spieler so gut sind. Sie sind das Spiel. Die Olympischen Spiele machen auch viel Geld, riesige Mengen. Regierungen belohnen Goldmedaillen mit Stipendien. Der Amateurgedanke wurde vor langer Zeit aufgegeben.
Die NBA ist für viele Sportarten ein Vorbild. Welches ist der Schlüssel, eine Sportart erfolgreich zu verkaufen?
Vieles, was zum Wachstum unseres Sports beigetragen hat, haben wir gar nicht initiiert. Unsere Leistung war, Veränderungen zu unserem Vorteil zu nutzen. Ich vergleiche unser Management mit einem Schlepper in einem Kanal. Man macht keine großen Schläge, aber man zieht den Dampfer.
Geben Sie uns bitte ein Beispiel.
Als ich anfing, gab es drei Fernsehsender. Ein Achtzehnjähriger von heute kann sich das gar nicht vorstellen. Wir haben eine unersättliche Nachfrage nach Programminhalten bekommen. Die Erlöse für die Fernsehrechte an den beliebtesten Sportarten stiegen immer weiter. Sport schafft Publikum. Dazu kommen die neuen Hallen unserer Teams und das Sportmarketing. Als ich in den siebziger Jahren anfing, haben Sportartikelmarken noch nicht mit Athleten geworben. Nike hat Michael Jordan 1984 verpflichtet. Das hat viel verändert.
Sie haben Ihr Bild vom Basketball durchgesetzt.
Wir haben, und da sind wir bei Ihrer Frage nach dem IOC, hart darum gekämpft, unsere Marke zu schützen: Was im Fernsehen kommt, was der Sprecher sagt, wie sie uns behandeln. Wir hatten uns gesagt: Niemand schützt uns und niemand entwickelt uns, also tun wir es.
Deshalb hat die NBA eine eigene TV-Produktionsgesellschaft. Welche Rolle hat das Fernsehen: Journalismus oder Promotion?
In erster Linie ist das Promotion. Journalismus ist, was jemand anderes tut, indem er über uns berichtet. Wir und unsere Spieler sind für Journalisten sehr zugänglich. Aus Europa höre ich: Wenn wir so über Fußball und Fußballspieler berichten könnten!
Als Sie anfingen, hatte die NBA ein Drogenproblem. Wie haben Sie das geändert?
Es war nie so schlimm, wie die Leute behaupteten. Es gab Drogen, aber es gab Drogen nur, weil die Spieler zu viel verdienten. Wir haben freie Spielertransfers ausgehandelt, die Gehaltsobergrenzen und eine Anti-Drogen-Vereinbarung. Wir haben aufgeklärt und gesagt: Wenn ihr euch meldet, helfen wir euch, auch mit Rehabilitation. Wenn ihr euch nicht meldet und wir euch kriegen, fliegt ihr raus. Seit 1983 haben wir ein Testprogramm.
Sie unterscheiden nicht zwischen Drogen und leistungssteigernden Mitteln . . .
Kokain, Crack et cetera. Wir haben nie geglaubt, dass wir eine Kultur der Leistungssteigerung hatten. Unsere Altersgruppe sind junge Männer von 18 bis 35. Jeder von ihnen wird viermal im Jahr zu einer Urinprobe gebeten. Unsere Liste ist nicht so umfangreich wie die des IOC. Wir glauben nicht, dass zum Beispiel die zusätzlichen Kosten für Epo-Tests gerechtfertigt sind. Aber wir testen auf alles andere, einschließlich Marihuana.
Wie viele Fälle haben Sie im Jahr?
Ich weiß es nicht. Ich kriege nicht die Ergebnisse. Ich erfahre nur von den Fällen, in denen es Disziplinarmaßnahmen geben muss; zwei oder drei. Wir machen die Gründe nicht bekannt. Um leistungssteigernde Mittel geht es im Schnitt bei weniger als einem Fall pro Jahr.
Hat dieses Drogenprogramm Basketball davor bewahrt, Teil des Balco-Skandals zu werden?
Ich glaube: Ja. Die Spielergewerkschaft im Baseball versteht die Tests als Einmischung. Unsere Spielergewerkschaft versteht sie als Aussage. Die Spieler wollen Vorbilder sein.
Die Baseball-League veranstaltet im November einen Kongress zu Doping mit Wachstumshormon. Sind Sie dabei?
Unsere Experten und Rechtsanwälte informieren sich. Wir haben einen Beirat, der sagt, was wir unserer Liste hinzufügen sollen. Wir beschäftigen ein Wada-akkreditiertes Labor; eine unabhängige Firma bestimmt, wann Test genommen werden. Wir sind da sehr kenntnisreich, auch wenn ich persönlich es nicht bin.
Glauben Sie nicht, dass Doping verbreitet ist?
Überführte Athleten verteidigen sich, indem sie sagen: Alle dopen. Ich glaube das nicht. Es dopen nicht alle. Wo war das noch, dass sie aus den Fenstern gesprungen sind, als die Polizei kam? Bei den Winterspielen in Turin? Das wird ja fast ein großes Spiel. In einigen Jahrzehnten, davon bin ich überzeugt, werden sie aufhören mit den Kontrollen. Es wird viel zu schwierig werden, etwas nachzuweisen, wenn man dafür Gene spalten muss.
Wäre das nicht das Ende des Sports?
Ich glaube nicht. Die Leute werden immer vom Sport angezogen werden. Vielleicht wird es dann zwei Olympische Spiele geben: die mit und die ohne. Tennisturniere mit modernen und mit Holzschlägern. Oder Kontaktlinsen: Warum Kontaktlinsen? Um die Sehfähigkeit von Athleten zu verbessern? Zu Brillen sagt man okay. Aber soll man Laseroperationen erlauben, wenn ein Pistolenschütze dadurch besser sieht? Man kann sich viele Gedanken darüber machen, aber ich tue das eigentlich nicht.
Haben Sie sich je persönlich betrogen gefühlt von einem dopenden Sportler?
Ja. Als im Baseball so viele Home Runs geschlagen wurden, dass die Leute sagten: Das ist so viel besser als Babe Ruth und Roger Maris. Und dann realisierten – niemand hat gestanden, aber es gibt eine ganz große Wahrscheinlichkeit . . .
Barry Bonds hat nicht gestanden, aber es gibt schon Bücher über seine Rolle im Balco-Skandal.
. . . dass all diese Home Runs das Ergebnis von Doping sind. Das verursacht schon ein Gefühl, dass man dazu gebracht wurde, das eine zu glauben, während das andere wahr ist.
Gehören Doper ins Gefängnis?
Wenn der Besitz der Mittel strafbar ist, soll das Gesetz angewendet werden.
Sollte der Besitz von Testosteron unter Strafe stehen?
Ja. Wenn es einen gesellschaftlichen Konsens gibt, dass die Einnahme von solchen Mitteln schädlich ist, sollten sie verboten werden. Wie soll man Kindern sagen, dass sie keine Drogen nehmen dürfen, wenn man Sportlern Doping erlaubt? Und Steroide sind etwas, das Jugendliche nicht nehmen sollten. – Fragen Sie mich nach der NBA!
Was erwarten Sie von Dirk Nowitzki?
Er soll dafür sorgen, dass die deutschen Kids weiter den Ball dribbeln.