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Deutschland bei EM : Zukunft gesichert, Gegenwart ungewiss

  • Aktualisiert am

Fokussiert: Dennis Schröder. Bild: dpa

Im Achtelfinale der Europameisterschaft wollen die deutschen Basketballspieler Frankreich schlagen. Trainer Chris Fleming hat sich dafür etwas ganz besonderes ausgedacht.

          Die Übertreibung gehört unter leidenschaftlichen Athleten mit einer Mission offenbar dazu: „Die Jungs stärken mir den Rücken“, schrieb Dennis Schröder auf Instagram: „Wir ziehen zusammen in den Krieg.“ So eine martialische Botschaft passt selten zum Sport, noch weniger zu einem Achtelfinalspiel einer Basketball-EM gegen Frankreich (Samstag 14.15 Uhr/Telekom Sport). Zumal zwischen der extremen Erbfeindgeneration und der Schröder-Ära einige Dekaden deutsch-französischer Freundschaftspakte liegen.

          Aber der NBA-Profi versteht diese ins Schaufenster gestellte Ansage vor allem als Hinweis für das Innenleben seines Teams. Schröder, der Aufbauspieler, in seiner Diktion also der Schlachtstratege oder Feldherr, verweist auf die unbedingte Loyalität im Team und dessen volle Einsatzbereitschaft. Das ist auch nötig beim ersten K.-o.-Spiel in Istanbul. Frankreich steht auf Rang vier der Weltrangliste, zumindest nominell. Die Position verdienten sich die Franzosen vor allem dank der Führung von Tony Parker.

          Aber der NBA-Star ist nach den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro zurückgetreten. Frankreichs Auswahl hat an Glanz, an Leichtigkeit in der Kreativabteilung verloren, unterlag 84:86 nach Verlängerung gegen (starke) Finnen unter Leitung des ehemaligen Bundestrainers Henrik Dettmann, ehe das Ensemble um Boris Diaw zu seiner Form fand. Und nun als Favorit gilt. Wenn auch nicht im Kreis der deutschen Nationalmannschaft: „Wir können jeden schlagen“, sagt Kapitän Robin Benzing: „Die Tagesform ist wichtig. Wir dürfen uns keine Fehler erlauben.“

          Benzing ist mit 28 Jahren der erfahrenste Spieler im Team von Trainer Chris Fleming. Er hat sich in Spanien etabliert. Und so muss man die Wortmeldung des 2,08 Meter langen Hessen wenigstens zu zwei Dritteln besonders ernst nehmen: Die Bedeutung der „Tagesform“ lässt sich mühelos auf die Schwankungen der Deutschen im Turnier beziehen. In jedem der fünf Vorrundenbegegnungen gegen die Ukraine (75:63), Georgien (67:57), Israel (80:82), Italien (61:55) und Litauen (72:89) lösten äußerst starke ziemlich schwache Phasen ab. Gegen Israel ging ein sicher gewonnen geglaubtes Spiel (16 Punkte Vorsprung) noch verloren.

          Das passiert Teams mit geringer Erfahrung oder Mannschaften, die sich zu viele Fehler leisten. Die Quote ist relativ hoch bei den Deutschen, besonders bei ihrem Besten, Schröder. Der Schnellste, der Erfolgreichste (Punkte), der Raffinierteste, der Spektakulärste, ja auch der Hilfreichste – schaut man auf seine brillanten Zuspiele unmittelbar vor einem Korberfolg (Assists) – verliert zu oft den Ball bei seinen Attacken. Diese Verluste mögen Ausdruck von Schröders Sturm-und-Drang-Phase sein. Er ist erst 23 Jahre alt.

          Aber sie sind auch die Folge einer großen Wertschätzung: Um den ersten Spielmacher der Atlanta Hawks „kümmern“ sich die Gegner der Deutschen so fürsorglich wie zupackend. In der Regel stürzen sich im Moment der größten Gefahr zwei Verteidiger auf den Braunschweiger, um ihn aus dem Spiel zu nehmen. Das werden die Franzosen auch versuchen und – falls einmal alles zusammenpasst – vielleicht feststellen, dass die Deutschen die Bewachung ihres Stars zu nutzen verstehen. Es gibt (bislang) mit einer Ausnahme keinen Spieler im Kader von Fleming, der nicht einmal auf EM-Niveau gespielt hätte. Das ist die eigentliche Überraschung. Die Differenz zwischen der ersten und der zweiten Fünf ist wesentlich geringer als angenommen. Selbst der 19 Jahre alte Isiah Hartenstein spielt so, als sei er kein Novize im europäischen Männerbasketball, klug und unerschrocken: allein zehn Punkte gegen Litauen.

          Die Deutschen haben eine Zukunft. Sie könnten schon einiges in der Gegenwart von diesem Versprechen einlösen, wenn es gelänge, die Teilleistungen der einzelnen Profis zu bündeln in einem Spiel. „Wir sind in der Zeit deutlich gewachsen als Team“, sagt Chefcoach Fleming und deutete auf das eigentliche Problem zum Beginn der K.-o.-Runde hin: Seine Mannschaft hat die Findungsphase noch nicht abgeschlossen und könnte mit einer Niederlage an diesem Samstag vor der Reife „gepflückt“ werden wie ein kleiner Mann beim Korbleger vom Center. Das wäre dann das (verabredete) Ende für Fleming als Cheftrainer der Deutschen.

          Aber auch das viel zu frühe Finale für eine Mannschaft, von der niemand weiß, ob sie noch einmal in dieser Besetzung zusammenfindet. „Die Jungs wissen, dass es um die Wurst geht“, sagt der Präsident des Deutschen Basketball-Bundes, Ingo Weiss. Und sie ahnen wohl auch, dass sie „jeden schlagen“ können – nur die Spanier als möglicher Gegner im Viertelfinale nicht. Vorausgesetzt, die famosen Spieler um Pau Gasol erleben in ihrem Achtelfinale am Sonntag keinen rabenschwarzen Tag. Dann stünde in Istanbul ein Gegner gegenüber, dessen Fangemeinde Schröders Kriegszugsphantasie, ohne nachzudenken, annimmt: die Türkei.

          Quelle: F.A.Z.

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