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Holger Glandorf Der lange Kampf zurück in den Alltag

Vier Monate lang war Handball-Nationalspieler Glandorf verletzt. Nach drei Operationen kehrt der beste deutsche Linkshänder zurück. Mehr als „dreißig Minuten Vollgas“ ist aber noch nicht drin.

© dpa Vergrößern Eine Wucht: Holger Glandorf legt sich für Flensburg wieder ins Zeug

Er ist längst noch nicht der Alte. Akribisch arbeitet Holger Glandorf deshalb an den Fähigkeiten, die vor seiner schweren Verletzung vor mehr als vier Monaten sein Spiel wie selbstverständlich prägten: die Dynamik beim Sprungwurf, die schnellen Bewegungen im Eins gegen Eins, das blinde Verständnis für Pässe und Finten des Mitspielers. Glandorf, der Mann, der mit seinen Toren einen wesentlichen Anteil am Titelgewinn der deutschen Handball-Nationalmannschaft bei der Heim-WM 2007 hatte, muss sich wieder an die Kurzzeitbelastungen eines Spiels herantasten. An die Herausforderung, in der knappen Spanne zwischen zwei Spielunterbrechungen die richtigen Entscheidungen zu treffen, Kraft und Adrenalin so zu kontrollieren, um dann im richtigen Moment mit seiner Wurfgewalt zuzuschlagen. „Den Wettkampfcharakter wieder zu spüren“, wie er es nennt, „der vor der Verletzung schon zum Alltag geworden war.“

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Auf die Entdeckungsreise nach seinem handballerischen Selbstverständnis begab sich der Rückraumspieler Mitte Juni im Urlaub mit der Familie. Er erholte sich von einer hartnäckigen Verletzung, die die Fortsetzung seiner Karriere bedrohte. Seine Achillessehne hatte sich vermutlich infolge einer Kortison-Injektion bei einem Lehrgang der Nationalmannschaft im April entzündet. Was unspektakulär klingt, wurde für Glandorf zur Tortur. Großflächig mussten Ärzte in drei Operationen entzündetes Gewebe und Knochensubstanz abschaben, so dass er anfangs nicht einmal beschwerdefrei auftreten konnte.

“Dass es dann so schnell ging, hat alle sehr überrascht“, sagt er heute. Glandorf hatte viel Glück. Er bewies aber auch die richtige Einstellung - gegenüber sich und seinem Körper. Er wusste, was ihm gut tut und worauf er während der Reha achten musste. Vernunft sei oberstes Gebot gewesen, erzählt er. Erste Schritte in der Gang-Schule, behutsames Jogging im Wald, Pass-Übungen ohne Körperkontakt - langsam steigerte er die Belastung, die physiotherapeutische Behandlung immer abgestimmt auf die Reaktionen seines Körpers. „Wenn ich Schmerzen an der operierten Stelle hatte, habe ich den Fuß wieder weniger beansprucht.“

Bild Glandorf 1 © dapd Vergrößern Kann auch zupacken: Glandorf (im Foto links) bei der „Abwehrarbeit“

Nicht nur Disziplin, sondern auch eine ihm von vielen Seiten bescheinigte mentale Stärke waren schließlich Voraussetzung für seine schnelle Genesung. Ohne den Kontakt zu den Mannschaftskollegen, sagt er, hätte er zwischenzeitlich das Gefühl verloren, dazuzugehören. Trotz Verletzung fuhr er deshalb mit ins Trainingslager nach Schweden, „um etwa Laufübungen nicht alleine absolvieren zu müssen“.

Er braucht ein familiäres Umfeld. Eine Zuneigung, die er sich in Flensburg durch seine Attribute verdient. „Wer Holger kennt, der weiß, wie professionell und zäh er an einem Comeback arbeitet“, schildert Dirk Schmäschke, der Geschäftsführer der SG Flensburg-Handewitt, sein Vertrauen in den Spieler. Dass er sich zurückkämpfen kann, das hatte dieser bereits bewiesen: Im Dezember 2010 verletzte er sich am Innenmeniskus des linken Knies - und spielte nach seiner Rückkehr einen starken Part im Rückraum der Flensburger.

Er hat keine Schmerzen mehr

Nun steht er wieder vor der Herausforderung, Spielsituationen neu einzustudieren, „die Tempowechsel vor dem gegnerischen Kreis, das Timing, wann ich aufs Tor setze, wieder reinzukriegen“. Erst kurz vor dem Supercup Ende August gegen den THW Kiel, bei dem er prompt sechs Tore erzielte, konnte er voll ins Mannschaftstraining einsteigen. Ihm fehle mitunter die Bindung zum Spiel seiner Mannschaft, sagt er. „Und mehr als dreißig Minuten Vollgas ist nicht drin - noch nicht.“ Wichtiger sei aber, dass er keine Schmerzen in der operierten Ferse spüre.

Eine Nachricht, die auch den Bundestrainer freuen dürfte. Martin Heuberger telefonierte regelmäßig mit dem Flensburger während dessen Leidenszeit. Er weiß, wie wertvoll Glandorf als Linkshänder auf der „Königsposition“ im rechten Rückraum nicht nur für seinen Verein ist. Doch Einsätze in den Testländerspielen gegen Serbien an diesem Wochenende in Schwerin und in Rostock kämen für den Routinier zu früh. Glandorf hat sich gemeinsam mit dem Bundestrainer dagegen entschieden. „Wenn ich zur Nationalmannschaft fahre, dann nur topfit.“

Bild Glandorf 2 © AFP Vergrößern Gewaltiger Wurf, behutsamer Aufbau: Nur topfit will der Flensburger wieder im DHB-Dress auflaufen

Dass er, wenn er topfit ist, zur Weltklasse zählt, bewies er in der Vergangenheit oft genug. Doch daraus leitet er keine großspurigen Ansprüche ab: Er müsse sich erst wieder empfehlen - für den Verein und die Nationalmannschaft. „Dass ich Weltklasse gewesen sein soll, hilft mir nicht weiter. Mein Ziel ist es, mich an mehr Einsatzzeiten heranzuarbeiten.“ Einsatzzeiten, die er vor allem in der Königsklasse des Handballs genießen will. „Mit der Teilnahme an der Champions League in dieser Saison ist für mich ein Traum in Erfüllung gegangen“, sagt er. Ein Traum, für den er sich mit viel Vernunft und Akribie auch dieser Tage peu à peu zurückkämpft.

Quelle: F.A.Z.

 
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