21.07.2007 · Er hat sich als Lehrer beurlauben lassen, um am großen Rad mitzudrehen: Hans-Michael Holczer leitet seit fast zehn Jahren das Team Gerolsteiner. Dem Schwaben wird Unternehmergeist nachgesagt - er gilt aber auch als einer der Wortführer im Kampf gegen Doping.
Er hat sich als Lehrer beurlauben lassen, um am großen Rad mitzudrehen: Hans-Michael Holczer leitet seit fast zehn Jahren das Team Gerolsteiner. Seine Mannschaft, für die Markus Fothen im vergangenen Jahr den 15. Platz bei der Tour belegt hatte, bot diesmal bisher nur „Mittelmaß“, wie Holczer sagte. Dem Schwaben wird Unternehmergeist nachgesagt - er gilt auch als einer der Wortführer im Kampf gegen Doping. In Zeiten ständiger Doping-Skandale muss allerdings auch Holczer um seine Zukunft im Radsport bangen.
Sehnen Sie sich wegen des großen Dilemmas, in dem der Radsport steckt, in den Schuldienst zurück?
Diese Sehnsucht nach der Schule begleitet mich die ganze Zeit. Aber den Kollegen geht es auch nicht nur rosig. Die größere Last liegt allerdings bei dem, was ich hier tue.
Steuert der Radsport, national wie international, schnurstracks auf sein Ende zu?
Das ist natürlich eine Sichtweise, wie sie in erster Linie von deutschen Journalisten geäußert wird. Leider muss ich diese Sichtweise durchaus teilen. Der Radsport ruiniert sich gerade seine wirtschaftliche Plattform mit der Entschlossenheit eines Selbstmörders. Wir haben beim Team Gerolsteiner etwas auf die Beine gestellt, was mich mit Stolz erfüllt - aber nicht mit der Freude, wie das eigentlich der Fall sein sollte.
Weil Existenzangst herrscht im Radsport?
Der Radsport selber wird generell nicht scheitern. Den kriegen sie nicht tot. Was jedoch scheitern kann, ist der Radsport in Deutschland. Was auch scheitern kann, ist meine GmbH, die meine Frau und ich leiten. Das nimmt groteske Züge an, weil wir selbst so was von wenig daran beteiligt sind. Wir haben eine Perspektivtruppe, der jetzt entgegensteht, dass wir in Deutschland ein Chaos haben, dass der Radsport zum Synonym des Dopings geworden ist. Die Anstrengungen, die er im Kampf dagegen unternimmt, sind außerordentlich, verglichen mit anderen Sportarten. Aber sie erfahren nicht die Würdigung, die sie eigentlich verdient hätten.
Das Doping-Problem ist damit ja auch offensichtlich nicht zu beseitigen, wie jetzt auch der Fall des T-Mobile-Profis Patrik Sinkewitz zeigt.
Das Problem ist vielleicht größer, als manch einer wahrhaben wollte. Mich erstaunt das nicht. Ich bin zwar der Überzeugung, dass der Festina-Skandal bei der Tour de France 1998 sehr viel verändert hat. Ich glaube, da hat sich sehr viel in den Strukturen der Mannschaften getan. Heute muss man jedoch sagen, dass sich das Problem auf Kreise außerhalb der Teams verlagert hat, auf Ärzte zum Beispiel. Ich war nicht schlecht erstaunt, als ich das Ausmaß der Operación Puerto realisiert hatte.
Ist der Radsport fester denn je mit Doping verbunden?
Ich sehe es nicht so eindeutig. Aber ich gebe natürlich zu, dass das Bild, das er abgibt, sehr stark in diese Richtung geht. Der Kernpunkt ist jetzt: Haben wir noch die Zeit, bekommen wir noch das Geld, um so lange gegen Doping zu kämpfen, bis alle zur Einsicht gekommen sind - oder verlieren wir vorher endgültig den Boden unter den Füßen?
Wir groß ist die Gefahr, dass Ihr Sponsor sich zurückzieht?
Im September wird über die Jahre 2009 und 2010 entschieden. Ich habe, nachdem das positive Testergebnis von Sinkewitz bekannt geworden ist, Rücksprache mit dem Sponsor gehalten - es ist klar, dass sich an unserem Ablauf nichts ändern wird. Im Hause Gerolsteiner wird auf der Basis der Kommunikation entschieden, auf Basis dessen, was das Investment einspielt. Da kann es sogar hilfreich sein, wenn jetzt mehrere Fernsehsender auf ihre Art um die Radsportzuschauer buhlen.
Sollte Ihr Geldgeber in Zeiten des Dopings aber abspringen, würden Sie wohl kaum einen Nachfolger finden. Anderen Teams dürfte es ebenso gehen.
Ich bin der Überzeugung, dass es Kräfte gibt, die sich ganz bewusst diese Krise anschauen - weil sie sich ganz bewusst den Radsport als Investitionsobjekt herausgesucht haben. Die warten darauf, und dieser Punkt kommt immer näher, bis das Ganze nichts mehr wert ist. Nach einer Analyse kostet der Radsport in seiner Gesamtheit heute 350 Millionen Euro pro Jahr. Damit kaufen sie alles: die Mannschaften, die Tour, den Giro, alle großen Veranstaltungen, alles, was den Radsport in der Weltöffentlichkeit ausmacht. Diese finanzielle Kalkulation könnte bereits längst überholt sein, weil der Radsport meiner Schätzung nach mittlerweile ein Viertel oder ein Drittel seines Wertes verloren hat.
Aber wer wollte denn wirklich einen offenbar siechenden Sport übernehmen?
Ich kenne einen möglichen Investor, ich bin mit ihm schon am Tisch gesessen, ich will ihn aber nicht nennen. Ich weiß, dass in diesen Kreisen sehr großes Interesse daran besteht, global in den Radsport einzusteigen. Mit einem Generalsponsor, einer Serie von 60 bis 80 Renntagen und einem scharfen Doping-Kontrollsystem könnte man diesen Sport auf eine glaubwürdige Basis stellen. Interessant und faszinierend scheint er ja allemal zu sein. Wir kriegen ja mit keinem Skandal dieser Erde diese Zuschauer da draußen weg.
Sie sprachen von Einsicht. Davon scheint der Radsport aber doch weit entfernt zu sein, wie jetzt auch die Diskussion um den Dänen Michael Rasmussen verdeutlicht, der vier Doping-Kontrollen verpasst haben soll.
Das Thema scheint doch in einer gewissen Tradition verwurzelt zu sein, obwohl ein Umdenken stattgefunden hat. Endlich kontrollieren sie doch mal. Dieser Sport, da sollte man sich keiner Illusion hingeben, ist nicht sauber. Auf der anderen Seite muss man die Entschlossenheit und den Willen sehen, mit denen dagegen vorgegangen wird. Man muss aber auch etwa in der Operación Puerto an die Blutbeutel herankommen und die DNA-Analysen vornehmen - das ist für uns essentiell wichtig. Aber die spanischen Behörden lassen uns am langen Arm zappeln.
Warum ist Rasmussen nicht sofort vom Internationalen Radsportverband gesperrt worden?
Diesen Fall haben sein Team und Sponsor Rabobank zu entscheiden. Und mit dieser Entscheidung werden die klar Stellung beziehen, wo sie im Kampf gegen Doping stehen. Rein juristisch gesehen kann er bei der Tour fahren. Sehr häufig gab es in solchen Dingen bei der UCI (Internationaler Radsport-Verband) in der Vergangenheit eher wachsweiche Entscheidungen. Sie ist mittlerweile in vielen Fällen zwar sehr konsequent. Die UCI ist jedoch immer darauf bedacht, dass sie sich auch selbst schützt. Der Fall Tyler Hamilton zum Beispiel hat offensichtlich mehrere Millionen gekostet - das kann einen Verband an den Rand des Ruins bringen. Ich habe den Eindruck, dass die UCI tut, was sie kann. Aber sie muss sicherlich noch mehr tun.
Würden Sie eine Generalamnestie für Profis begrüßen, die Doping gestehen und damit zur Aufklärung beitragen?
Dann würde ich morgen aufhören.
Kann es überhaupt einen würdigen Tour-Sieger geben?
Diese Frage muss in aller Ruhe überdacht werden.
Könnten Sie mit gutem Gewissen einen solchen Fahrer nennen?
Da bräuchte ich Bedenkzeit.
Wen würden Sie auf keinen Fall im Gelben Trikot in Paris sehen wollen?
Mir würde jemand nicht gefallen, der in der Operación Puerto hochverdächtig ist.
Können Sie mit Bestimmtheit einen sauberen Rennfahrer nennen?
Ja, ich könnte Ihnen eine ganze Reihe nennen. Obwohl ich auch von meiner Aussage, für niemanden die Hand ins Feuer zu legen, nicht abrücken werde.
Das heißt, dass Sie mit einer gewissen Skepsis auch Ihren eigenen Profis gegenüberstehen.
Ich stehe mit einer gewissen Skepsis jedem gegenüber, der diesen Sport betreibt.
Das Gespräch führte Rainer Seele.
Da hat Holtzer recht...
carsten jung (cjung)
- 22.07.2007, 02:42 Uhr
Es lebe der Radsport
Peter Slater (Wales-Rhondda)
- 22.07.2007, 02:58 Uhr
Hat der Herr Holczer eigentlich was gesagt??
Jutta Hamberger (Myshkin)
- 25.07.2007, 11:52 Uhr