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„Höllentour“-Regisseur Pepe Danquart : „Eine tiefe Bewunderung für diese Männer“

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Ein großes Dokument über den Radsport: Rolf Aldag in Pepe Danquarts Film „Höllentour“ Bild: ddp images

Für Pepe Danquart ist Scheinheiligkeit ein Grundproblem des Spitzensports. Der Filmemacher spricht über Radsport, Doping und das System der Überforderung, in dem die Fahrer stecken.

          Vor zehn Jahren ist „Höllentour“ erschienen, Ihr fulminanter Film über die Tour de France. An keiner Stelle geht es um Doping, ein zentrales Radsport-Thema. Warum nicht?

          Das war nicht mein Thema. Ich wollte nicht unter investigativen Voraussetzungen filmen, sondern ein großes Dokument über diesen Sport drehen. Man kann an eine literarische Erzählung keine journalistischen Kategorien anlegen. Ich wollte zeigen, was es bedeutet, Rad zu fahren, all die großen philosophischen Fragen stellen, die Fragen von Freundschaft und Leiden, und das einbinden in die hundertjährige Tradition der Tour mit ihrem kommerziellen Hintergrund. Ich wollte all das einbinden in die Geschichte von zwei Protagonisten, Rolf Aldag, einem treuen Helfer, und Erik Zabel, einem Sprinter, der sechsmal das grüne Trikot gewonnen hatte und es nun ein siebtes Mal versuchte und es, wie sich herausstellte, nicht schaffte. Ich wollte diese ungeheuren Anstrengungen zeigen, ich wollte zeigen, wie sie auf die Fresse fliegen und abends unter der Dusche mit der Stahlbürste die Steinchen aus den offenen Wunden bürsten. Wie sie die völlige Erschöpfung im Körper spüren. Und trotzdem wieder aufs Rad steigen und für den anderen da sind am nächsten Tag. Das sind Dinge, die gehen weit über den Sport hinaus.

          Man kann vom Radsport erzählen, ohne von Doping zu erzählen?

          „Höllentour“ ist eine filmische Erzählung, keine journalistische Arbeit. Es reicht auch nicht, nur zu dopen, um in der Spitze zu fahren. Man braucht wahnsinnig viel mehr. Für mich gab es andere Themen, die mich tiefer interessierten als der reine Sport: Leiden und Freundschaft. Wäre 2003 während der Tour ein Doping-Fall aufgetaucht, wäre er in meinem Film ein Thema geworden. Ist er aber nicht. Ich habe damals von Doping auch nichts mitbekommen. Später, 2007, haben Zabel und Aldag gebeichtet. Ich glaube, man stellt sich das alles zu leicht vor. Ich glaube, dass es eine große Last ist, ständig dem Doping-Vorwurf ausgesetzt zu sein und zu wissen, dass man lügt, es ist eine Ungeheuerlichkeit für jeden Fahrer, damit fertig zu werden neben der riesigen Anstrengung des Rennfahrens. Die sind nicht alle so abgebrüht wie Armstrong. Die Tränen von Zabel bei seinem Geständnis waren echt.

          Besonderer Blick auf den Radsport: Filmemacher und Oscar-Preisträger Pepe Danquart

          Fühlten Sie sich durch das Geständnis der Fahrer im Nachhinein betrogen?

          Nein, ich habe noch immer eine tiefe Bewunderung für diese Männer, daran hat sich nichts geändert. Ich verstehe jeden, der sich betrogen fühlt, ich selbst sehe die Fahrer aber nicht allein in der Schuld. Ich sehe eine viel größere Mitschuld in der Erwartungshaltung der Gesellschaft und der Medien als bei einzelnen Fahrern. Sie sind Figuren in einem großen Spiel, bei dem es um immense wirtschaftliche Interessen geht. Die Tour de France ist erfunden worden, um die Auflage einer Zeitung zu steigern. Die Fahrer sind die Berge hochgefahren und haben „Mörder“ geschrien zu den Veranstaltern. Was verlangt wurde, ging immer über die normale Leistungsfähigkeit des Menschen hinaus, und das wurde ganz bewusst so konzipiert. Natürlich kann man sich da fragen: Wie sollen die Fahrer das schaffen? Die Formel 1 fährt auch nicht mit Normalbenzin.

          Die Inszenierung eines Spektakels durch die bewusste Überforderung der Fahrer?

          Scheinheiligkeit ist ein Grundproblem des Spitzensports. Ich finde, das gesamte Radsport-System muss sich fragen lassen, warum ändert ihr nicht die Anforderungen an die Fahrer? Die Unvereinbarkeit des Abforderns von Höchstleistungen und der gleichzeitigen Proklamation von sauberem Sport führt die Sportler in eine Zwangslage. Sie haben die Chance, mitzuspielen, Geld zu verdienen, aber sie sind nicht die Initiatoren dieses Systems, und ich halte es für falsch, den Betrugsvorwurf immer nur Einzelnen anzulasten. Der Sport soll eine gute Welt repräsentieren, einen gesellschaftlichen Gegenentwurf, aber gleichzeitig soll er nur Sieger produzieren, und Verlierer zählen nichts. Das Dilemma des Spitzensports ist die Unvereinbarkeit zwischen Gewinnzwang und moralischer Überhöhung. Ich will niemandem eine Rechtfertigung liefern, aber für mich sind Doper keine Schwerverbrecher. Es gibt den Vorsatz, aber es gibt auch anderes. Einmal nicht auf den Beipackzettel geguckt - und schon ist man dabei. Ich weiß nicht, ob man Frau Pechstein glauben darf oder nicht, aber schon diese unglaubliche Vehemenz der Diskussion in Deutschland über ihren Fall ist mir zuwider.

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