11.03.2010 · „Ich bin begeistert, wie souverän wir durch die Vorrunde gegangen sind“, sagt der deutsche Kapitän Max Müller vor dem Halbfinale der Hockey-WM gegen Europameister England und verspricht: „Wir hauen alles raus, was wir noch an Kraft haben.“
Von Peter PendersGehofft hatten sie natürlich schon darauf, damit gerechnet allerdings eher nicht: Aufmerksam hatten die deutschen Spieler nach ihrem 5:2-Erfolg über Neuseeland und dem damit verbundenen Halbfinaleinzug bei der Hockey-Weltmeisterschaft das nächste Spiel verfolgt – bei einer Niederlage der Niederländer in ihrer letzten Partie gegen Südkorea wäre Deutschland tatsächlich noch Gruppenerster geworden und hätte so ein Semifinale gegen den großen Turnierfavoriten Australien vermieden.
Doch als es genauso gekommen war, musste sich der ein oder andere tatsächlich mal kneifen: Holland verlor wirklich 1:2 und hätte bei einem weiteren Gegentreffer sogar das Weiterkommen komplett verpasst. Die Auswahl des Deutschen Hockey-Bundes trifft nun im Halbfinale an diesem Donnerstag (15.35 Uhr) auf England und könnte zum dritten Mal nacheinander in ein WM-Endspiel einziehen. Es ist lange her, dass die Deutschen bei einer Weltmeisterschaft ein Spiel verloren haben – vor acht Jahren war die Niederlage gegen Spanien in der Vorrunde der richtige Wachmacher auf dem Weg zum Titel. Seitdem sind 18 WM-Spiele vergangen, aber als Verlierer mussten sich die Deutschen nie fühlen.
Ob England der leichtere Gegner ist? Natürlich würde ein Trainer so etwas nie sagen, und natürlich verwies Markus Weise deshalb gleich darauf, dass es in einem Halbfinale ja ohnehin keine leichten Gegner mehr gebe. Einen Europameister als leichten Gegner zu bezeichnen, wäre vielleicht auch etwas vermessen, schließlich besiegten ja genau diese Engländer im vergangenen Jahr die deutsche Mannschaft im EM-Finale mit 5:3 Toren.
Mit viel Geld aus einer Lotterie unterstützte Arbeit zeigt Wirkung
Seit London das Rennen um die Austragung der Olympischen Spiele 2012 gewonnen hat, wird in England mit viel Aufwand an einer Hockey-Mannschaft mit Medaillenchancen gearbeitet, nachdem seit dem überraschenden Olympiasieg 1988 – damals im übrigen mit einem Endspielsieg über Deutschland – vordere Plazierungen ausgeblieben sind. Die mit viel Geld aus einer Lotterie unterstützte Arbeit hat Wirkung gezeigt.
England gehörte immer zur erweiterten Weltspitze, und England war immer wegen seiner Kampfkraft und – freundlich ausgedrückt – robusten Spielweise ein unangenehmer Gegner, doch mittlerweile haben die Briten zu den großen vier Hockey-Nationen Australien, Niederlande, Spanien und Deutschland aufgeschlossen. Nach dem EM-Titel im vergangenen Jahr haben sie das in Neu-Delhi nachdrücklich bestätigt. Der Auftaktsieg über Australien war eine Riesenüberraschung, und auf der Strecke blieb im Kampf um den Halbfinaleinzug schließlich Spanien, der Silbermedaillengewinner von Peking.
„Wir hauen alles raus, was wir noch an Kraft haben“
Ärgerlich war diese Endspiel-Niederlage vor einem Jahr bei der EM für die deutschen Spieler, aber im Nachhinein ist sie für diese WM vielleicht noch von hilfreicher Wirkung. „Wir haben da noch eine Rechnung offen“, sagt Kapitän Max Müller, bei dem man deutlich die Spuren sieht, die diese WM hinterlassen hat. Einer alten Tradition folgend, rasieren sich die Deutschen erst nach der ersten Niederlage, aber der ein oder andere ist noch so jung, dass man darauf nicht so ohne weiteres kommen würde.
Sieht man sich den bisherigen Verlauf dieser WM an, dann könnte das noch bei allen was werden mit einem kleinen Vollbart. Die DHB-Auswahl geht als leichter Favorit in das Halbfinale, denn während die mit der jüngsten Mannschaft aller Teilnehmer angetretenen Deutschen von Spiel zu Spiel stärker und sicherer wurden, haben die Engländer nicht nur ihre letzte Gruppenpartie gegen Spanien – als sie allerdings schon als Halbfinalteilnehmer feststanden – 0:2 verloren. Sie müssen vor allem ihren Eckenspezialisten und Abwehrchef Richard Mantell ersetzen, der sich gegen Pakistan ein Bein auskugelte.
„Wir hauen alles raus, was wir noch an Kraft haben“, verspricht Müller. Die WM kommt schließlich jetzt in die Phase, in der sie allen weh tut – das Halbfinale wird das sechste Spiel in elf Tagen sein, und das Ganze bei stickig-heißen klimatischen Bedingungen und Temperaturen jenseits der Marke von 30 Grad Celsius. „Ich bin begeistert, wie souverän wir mit dieser jungen Mannschaft durch die Vorrunde gegangen sind“, sagt Müller. Und wer weiß schon, vielleicht schrauben sie die WM-Serie ja noch auf 20 Spiele. „Denn jetzt“, sagt Müller, „jetzt ist eigentlich alles möglich.“