18.09.2006 · Die deutsche Hockey-Nationalmannschaft hat bei der WM in Mönchengladbach den Titel gewonnen. Im dramatischen Finale setzte sich das Team von Bundestrainer Bernhard Peters nach 1:3-Rückstand noch mit 4:3 gegen Australien durch.
Von Peter Penders, MönchengladbachAlles tanzte, niemand hielt es mehr auf seinem Platz, und nach ein paar Sekunden war aus dem vorher so geordneten deutschen Mannschaftsspiel ein einziger Knäuel geworden. Noch nie ist in Deutschland ein Hockey-Nationalteam so gefeiert worden wie dieses, das wie vor vier Jahren Weltmeister wurde. Nach einem 1:3-Rückstand zu Beginn der zweiten Halbzeit schien dabei für den Titelverteidiger in der Neuauflage des Finales von 2002 schon alles verloren, aber diesen WM-Titel wollte die deutschen Herren ihrem scheidenden Bundestrainer unbedingt mit auf dem Weg zum Fußball geben. Und der spektakuläre 4:3-Erfolg war der grandiose Schlußpunkt einer WM, in der alle deutschen Wünsche aufgegangen waren.
„Das war der mediale Urknall.“ Nur zwei Tage, nachdem sich Michael Hilgers so enthusiastisch über die phänomenale und für Hockeyspiele in Deutschland völlig ungewöhnliche Atmosphäre beim dramatischen 5:3-Sieg nach Siebenmeterschießen im Halbfinale gegen Spanien geäußert hatte, mußte sich der ehemalige Nationalspieler und jetzige Geschäftsführer des Hockeyparks schon wieder nach oben korrigieren. Daß die Ära beschaulicher Länderspiele fürs erste vorbei ist und zumindest bei der WM die Zeichen der Zeit erkannt worden sind, machte nicht nur die laute Rockmusik vor dem Anpfiff deutlich: Vor den Stadiontoren blühte der Schwarzhandel, und selbst bei ebay wurden Tickets zum sechs-bis siebenfachen Wert des ursprünglichen Preises gehandelt. Denn der Mönchengladbacher Hockeypark faßt zwar 12.000 Besucher, aber für dieses Finale hätte er auch dreimal so groß sein können.
„Mit eisernem Willen umgebogen“
„Das war einfach nur genial, wie meine Jungs dieses Spiel mit ihrem eisernen Willen noch umgebogen haben“, meinte der glückliche Bundestrainer Peters mit heiserer Stimme. „Wir haben Geschlossenheit und Mut bewiesen, der Sieg befriedigt mich zutiefst“, sagte Peters, der als erster Coach den WM-Titel verteidigen konnte. Er sei nicht traurig, daß er beim DHB aufhört, sondern „einfach nur glücklich“, betonte Peters, der eine „heftige und ausgiebige Feier“ ankündigte.
Würdiger hätte der Rahmen für das letzte Länderspiel des als Sportdirektor zum Regionalligaklub TSG Hoffenheim wechselnden Bundestrainers nicht sein können. Bernhard Peters erlebte nach 21 Jahren beim Deutschen Hockey-Bund einen Abschied, der ungewöhnlicher für diese Sportart nicht hätte sein können. „Bernie, Bernie“, schallte es durch das Stadion, auf den Tribünen wurden Transparente mit der Aufschrift „Danke Bernhard“ entrollt - zum Ende dieser WM wirkte Hockey in Deutschland völlig entrückt von der Realität, und nichts mehr paßte mit dem Image einer wenig beachteten Randsportart überein.
Christopher Zeller wieder überragend
Als es endlich losging, ließ sich deutsche Mannschaft anders als im Halbfinale gegen Spanien nicht in die eigene Hälfte zurückdrängen und übernahm zunächst die Initiative. Olympiasieger Australien hatte kurz vor dem Anpfiff noch eine schlechte Nachricht verdauen müssen. Jamie Dywer, einer der weltbesten Stürmer, hatte sich kurz vor Ende des Semifinales gegen Südkorea so schwer verletzt, daß er in diesem Finale nicht mitwirken konnte. Schon in der Vorbereitung auf diese WM hatten mit Grant Schubert und Matthew Wells zwei Olympiasieger von Athen passen müssen. Doch Rückschläge schienen die Australier gut wegstecken zu können. Denn ein solcher war der Sololauf in der 18. Minute von Christopher Zeller gewiß. Als wolle der Münchner Jura-Student nachträglich beweisen, warum er am Vortag zum weltbesten Stürmer unter 23 Jahren gewählt worden war, schloß er seinen Alleingang gegen fünf Australier im Fallen mit dem Treffer zum 1:0 ab.
Doch wie schon am Freitag gegen Spanien konnte das deutsche Team die Führung nicht lange genießen. Schon im Gegenzug erspielte sich Australien die erste Strafecke, die Knowles zum Ausgleich nutzte. Und es sollte noch heftiger kommen für die Hausherren, die in der Abwehr plötzlich von einer Verlegenheit in die nächste gerieten. Die zweite Strafecke konnte Torwart Bubolz noch abwehren, doch beim dritten Versuch traf Naylor (24.) zum 1:2. Erst kurz vor der Pause kam die Auswahl des Deutschen Hockey-Bundes wieder gefährlich in den gegnerischen Schußkreis. Aber zunächst wehrte Torwart Mowlam die Strafecke von Zeller ab, und dann rutschte Nevado knapp vor dem Tor an einem Paß von Emmerling vorbei.
Es kam noch besser
Ging es mit diesem Schwung weiter? Vorgenommen hatten es sich die Deutschen gewiß, aber Troy Elder kam ihnen mit dem 3:1 (38.) schnell dazwischen. Doch verloren war für Deutschland damit noch lange nichts. Zwei Tore sind im Hockey kein verläßliches Polster, und in diesem Finale erst recht nicht: Moritz Fürste (45.) hob die Stimmung mit seinem Anschlußtreffer wieder, Björn Emmerling brachte sie mit dem 3:3 nur fünf Minuten später zum Kochen. Und es kam noch besser, als Christopher Zeller abermals zu einem Sololauf ansetzte, den er unter dem ungläubigen Staunen aller Augenzeugen auch noch mit dem 4:3 (55.) beendete.
Es war das achte Tor des neuen deutschen Hockey-Stars - und weil die vierte australische Strafecke vier Minuten vor Spielende nur die Latte traf, war es auch das letzte Tor dieses WM-Turniers. Zehn Sekunden vor Spielende begannen die 12.000 restlos begeisterten Fans, die Sekunden herunterzuzählen. Und an seine letzten zehn Sekunden als Hockey-Bundestrainer wird sich Peters künftig sicher noch so manches Mal in Hoffenheim erinnern.