Selbst wer sich für Hockey höchstens am Rande interessiert, wird von dieser Geschichte schon gehört haben - von der Keller-Saga. Denn die großen deutschen Erfolge in dieser Sportart sind untrennbar mit der Berliner Familie verbunden. Erwin Keller gewann 1936 die olympische Silbermedaille, sein Sohn Carsten führte die deutsche Mannschaft zum sensationellen Gold bei den Sommerspielen 1972 in München, und dessen Kinder wiederum führten die unendliche Familiengeschichte fort: Andreas Keller holte nach zweimal Silber 1984 und 1988 schließlich 1992 in Barcelona Gold, dann folgte seine Schwester Natascha mit der größten Überraschung, als die deutschen Damen 2004 in Athen gegen jede Erwartung Olympiasiegerinnen wurden - und vor zwei Jahren war es Florian Keller, der sein Kurz-Comeback mit dem Gold von Peking krönte.
In all den Geschichten über die Keller-Familie nimmt Natascha Keller mittlerweile eine Sonderstellung ein. In Argentinien bestreitet sie aktuell ihre vierte Weltmeisterschaft, und ob die 33 Jahre alte Stürmerin danach ihre Karriere fortsetzt, hat sie noch offen gelassen. Das Auftaktspiel gegen Neuseeland - die Deutschen siegten 2:0 - war Kellers 364. Länderspiel. Seit Anfang August ist sie Rekord-Nationalspielerin und wird es vermutlich auf lange Sicht bleiben. Wegen der steigenden Belastung an der Universität und dem nach der Einführung der Bachelor-Studiengänge und der G8-Schulreform immer früheren Eintritt in das Berufsleben ist kaum zu erwarten, dass Spielerinnen solange dem Nationalteam treu bleiben wie die Berlinerin: Ihr erstes Länderspiel absolvierte sie 1994.
„Sie ist immer noch eine der besten Spielerinnen der Welt“
Geht es nach Michael Behrmann, dann sollen noch eine ganze Menge Einsätze hinzukommen. „Sie ist immer noch eine der besten Spielerinnen der Welt“, sagt der Bundestrainer über seine torgefährlichste Spielerin, die in 16 Jahren Nationalmannschaft 177 Treffer für den Deutschen Hockey-Bund erzielt hat. Weil in den nächsten zwei Jahren mit der Europameisterschaft 2011 im eigenen Land (Mönchengladbach) und den Olympischen Spielen 2012 in London kurzfristig zwei sehr attraktive Veranstaltungen auf dem Programm stehen, hofft Behrmann, dass seine älteste Spielerin ihre internationale Laufbahn noch einmal verlängert. „Darüber will ich mir erst nach der WM Gedanken machen“, sagt die Betriebswirtin, die bei ihrem Arbeitgeber - einer Sportmarketingagentur - optimale Bedingungen vorfindet: Ihr Chef war selbst Nationalspieler.
„Der Körper macht noch mit, und ich habe immer noch sehr viel Spaß am Hockey“, sagt Natascha Keller. Damit ihr die Lust nicht verlorengeht, will ihr Behrmann - falls gewünscht - auch größere Pausen vom Nationalteam gewähren. Ein besonderer Rekord könnte deshalb näher rücken: Sie wäre dann die erste deutsche Hockeyspielerin, die an fünf Olympischen Spielen teilgenommen hätte.