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Hockey : Geschichten eines Außenseiters

Verlieren, aber auf der großen Bühne: Tschechiens Frankfurter Trainer Christopher Faust Bild: Archiv

Christopher Faust ist Trainer der tschechischen Hockey-Nationalmannschaft. Am Mittwoch (16 Uhr) trifft er bei der EM auf Deutschland. Und er geht sicher von einer Niederlage aus.

          Das Turnierziel hatten sie schon nach 16 Minuten erreicht. Vor sechs Jahren, als die tschechischen Herren schon einmal an einer Hockey-Europameisterschaft teilgenommen hatten, waren sie schließlich ohne Torerfolg wieder heimgekehrt. Diesmal dauerte es im ersten Spiel gegen Spanien nur etwas mehr als eine Viertelstunde, und Christopher Faust, der deutsche Trainer der Tschechen, durfte mit seinen Spielern jubeln. Tomas Prochazka hatte eine Strafecke zum 1:2-Anschlusstreffer genutzt. Am Ende ging die Partie zwar 1:6 verloren, weil die Spanier in der Schlussphase noch drei Tore nachlegten, aber Faust war trotzdem sehr angetan von der Leistung seines Teams. „Wenn mir vorher jemand ein 1:6 gegen Spanien angeboten hätte, wäre ich einverstanden gewesen. Aber so muss man sagen, es wäre ein viel besseres Ergebnis drin gewesen“, sagt der Frankfurter. Auch das 0:4 gegen Belgien dürfte er - auch ohne Torerfolg - so akzeptiert haben.

          Zu Hause ist Faust eigentlich beim Frankfurter Traditionsverein SC Safo. Anfang August hat er dort im Stadtteil Sachsenhausen zwischen den Trainingslehrgängen der tschechischen Nationalmannschaft noch sein zweites Sommercamp mit den Safo-Kindern geleitet. Normalerweise trifft man ihn fünf Tage in der Woche in Frankfurt an. Dreimal in der Woche trainiert er verschiedene Jugendmannschaften, am Wochenende stehen die Spiele an - zwei bis fünf, „je nachdem, ob gerade Crunchtime ist“. Doch das ist nur das halbe Leben des „Bekloppten“, wie Diplomtrainer Faust sich selbst bezeichnet. Die andere Hälfte spielt sich in Prag ab - meist von Mittwoch bis Freitag. Dort arbeitet Faust als Hockey-Nationaltrainer der Damen und Herren, als Sportdirektor, aber er ist vor allem eines: Entwicklungshelfer.

          Um den „Bekloppten“ in Chris Faust zu erkennen, reicht ein Blick in seine Tasche. Ein Wust aus Laptops, Kabeln und irgendwo dazwischen sein Handy, das er an „harten Tagen“ zweimal aufladen muss. Denn der Job in Tschechien verlangt ihm vieles ab. Neben dem Training macht er Videoanalysen, kümmert sich um das Organisatorische. Faust ist ein Workaholic, aber diese Wochen haben es in sich: „Ich bin schwer am Limit, das ist ja auch verrückt“, sagt er. Die Teilnahme an der EM ist ein Höhepunkt für das Hockey-Entwicklungsland Tschechien, die Gegner alle mindestens eine Nummer zu groß. So auch Deutschland an diesem Mittwoch (16 Uhr). „Da wird mir angst und bange“, sagt er.

          Nur 900 Spieler im Land

          Es klingt bizarr, wenn Faust darüber spekuliert, gegen wen es eine zweistellige Niederlage setzen könnte. Warum überhaupt der ganze Aufwand? „Weil es sensationell ist, international zu arbeiten. Du bist auf der Welt unterwegs, siehst tolles Hockey, lernst unheimlich viel“, sagt Faust. Dennoch stellt er klar: „Ich hasse nichts mehr, als zu verlieren. Aber in Tschechien ist Verlieren mein primärer Job.“ Um dieses Paradoxon zu verstehen, muss man die Bedeutung von Hockey in Tschechien kennen. Vielmehr die Bedeutungslosigkeit. Während Eishockey Volkssport ist, gibt es nur etwa 900 Feldhockey-Spieler im ganzen Land. Finanzielle Mittel sind knapp. Die Vorbereitung auf Großturniere können Faust und sein Team dank persönlicher Kontakte meistens auf dem Gelände des traditionsreichen Mannheimer Hockeyclubs machen. „Zwei meiner Jungs spielen dort. Das heißt, bei einem Lehrgang schlafen dann in deren Wohnungen zehn Tage lang zwanzig Mann“, berichtet Faust. „Und weil wir sparen müssen, gehen wir immer in den Supermarkt und dann gibt’s Picknick.“ Man kann Faust lange zuhören, denn was er erzählt, hat Charme. Schrullige Geschichten aus dem Dasein eines Außenseiters.

          Auch Faust muss manchmal lachen. „Da fällst du tot um“, sagt er dann, wenn es besonders skurril wird. Etwa, als sie bei der Vorbereitung in Mönchengladbach die Übernachtungskosten in der Jugendherberge in langen Gesprächen herunterhandeln konnten oder für die EM in Antwerpen lange nur ein Campingplatz finanzierbar schien, ehe es doch ein kleines Hotel wurde. Und natürlich gibt es keinen Mannschaftsbus. „Wir kommen mit unseren Privatautos gar nicht zum Stadion hin. Wir parken irgendwo, laufen zum Stadion, und wenn du ankommst, stehen da die deutschen Olympiasieger und lächeln. Und dann hauen sie uns vielleicht 20 Dinger rein.“ In Tschechien musste Faust schnell lernen, sich über die kleinen Erfolge zu freuen. Über die einzelnen Entwicklungsschritte, die er mit seinen Teams geht.

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          Die Mentalität der Truppe sei mittlerweile ganz gut, sagt Faust, auch wenn ein Siegergeist schwer zu schaffen sei: „Wir lachen immer über die deutschen Tugenden, aber hier verabredest du dich und keiner kommt pünktlich.“ Kürzlich haben sie ein Seminar zum Thema Ernährung gemacht. „Wir haben den Jungs erklärt, dass Ausdauertraining nichts bringt, wenn man danach ein paar Bier trinkt. Da machen die große Augen“, erzählt Faust. Wieder ein Grund, um tot umzufallen. „Die Deutschen sind Olympiasieger geworden, weil sie trainieren wie die Blöden und weil sie es wollten“, erklärt Faust, „meine Jungs kennen das beides nicht. Das ist ein Prozess.“ Auf einen Sieg bei der EM hofft er dennoch, auch wenn er in der Vorbereitung vier seiner Stammspieler aus Verletzungsgründen verlor und zwei Siebzehnjährige nachnominierte. Im erwarteten letzten Spiel, wenn es gegen den Schlechtesten der anderen Gruppe geht, will er gewinnen. Einige Jahre möchte Faust noch in Tschechien Entwicklungshilfe leisten. Ein paar Leben hat er sich dafür noch aufgehoben.

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