Drinnen, im Pressezelt, sitzt Markus Weise vor den Mikrophonen und soll erklären, was schwer zu erklären ist: Platz acht nach dem 1:2 gegen England, das schlechteste Abschneiden bei einer Weltmeisterschaft seit 1990, gekommen waren sie mit berechtigten Halbfinalambitionen. "Keiner weiß, woran es liegt. Ich sollte es vielleicht wissen als Bundestrainer, aber ich weiß es auch nicht", sagt Weise. Viel hätten sie trainiert, vielleicht zuviel, vielleicht doch zuwenig. Aber von dem, was sie sich vorgenommen hatten, habe in Madrid wenig bis gar nichts geklappt, bilanziert der Mannheimer. "Das ist alles schon sehr frustrierend", sagt Weise, und die Augen funkeln sehr angriffslustig.
Draußen, vor dem Pressezelt, steht Kapitänin Marion Rodewald und kann nicht erklären, was schwer zu erklären ist. Vor ein paar Wochen noch erstmals Sieger bei der Champions Trophy, dem Turnier der sechs weltbesten Mannschaften, und nun der Absturz auf Platz acht. Der Anfang vom Ende habe schon mit dem 0:1 zum Auftakt gegen Spanien begonnen, mutmaßt die Kölnerin, danach sei die Verunsicherung dagewesen. "Merkwürdigerweise sind wir keine Mannschaft, die danach voller Trotz rausgeht und sagt, jetzt hauen wir eben die anderen weg", sagt sie. Für eine, die ihr ganzes Leben dem Sport unterordnet, sind solche Tage wie diese schwer zu verkraften. "Das ist alles eine Kopfsache", glaubt die Mannschaftsführerin, und dabei kommen die Tränen. Und vielleicht seien sie nach der Niederlage gegen Spanien auch nicht so aufgebaut worden vom Umfeld, wie es möglicherweise hilfreich gewesen wäre. "Aber das ist immer die Art von Markus gewesen."
Deutschland eine Anpasser-Mannschaft
Drinnen, im Pressezelt, hinterläßt Markus Weise den Eindruck, als sei er die ganze Sache leid. Er wirkt müde "vom Kampf gegen Windmühlen", davon, daß so wenig bleibt von dem, was man sich im Training eigentlich erarbeitet habe. "Ich habe immer eine Mannschaft haben wollen, die ein Spiel dominieren will, egal, gegen wen man gerade spielt", sagt er. Statt dessen aber sei Deutschland eine Anpasser-Mannschaft, die sich immer nach dem Niveau des Gegners richte. Das Niveau aber, so die Einschätzung vieler Beobachter, war bei dieser WM nicht einmal sonderlich hoch. "Aber unsere Zuspielqualität war unglaublich schlecht. Und diese fehlende Präzision haben wir nicht kompensiert, sondern mit einer mangelhaften Ballverarbeitung noch verstärkt", sagt Weise.
Draußen, vor dem Pressezelt, hinterläßt Marion Rodewald einen schwer deprimierten Eindruck. Wochenlang habe man sich vorbereitet, mit dem Sieg bei der Champions Trophy auch die Ahnung bekommen, daß man mit den anderen auch bei dieser WM mithalten könne, wenn "wir uns hier noch steigern könnten". Konnten sie aber nicht, weil sie vor allem keine Tore schossen, und auch der Alltag in der Bundesliga sei keine Hilfe. "Das wird jede Kleinigkeit abgepfiffen, hier läuft alles weiter."
Die Trainerdiskussion hat genervt
Drinnen, im Pressezelt, erklärt Markus Weise, warum die deutsche Mannschaft im Gegensatz zu den meisten Konkurrenten keine Juniorin im Aufgebot habe. "Wenn eine darunter gewesen wäre, die das Tor trifft, dann wäre sie unter Garantie hier", versichert der Bundestrainer und erzählt, daß er die beste Spielerin der Junioren-Europameisterschaft in der Vorbereitung hier in Madrid getestet habe. "Nach 20 Minuten war sie körperlich platt", sagt Weise und zuckt mit Schultern. "Wir haben in Deutschland keine besondere Konkurrenzsituation", urteilt der Mannheimer, aber nun müsse man mit Blick auf die Olympischen Spiele in Peking 2008 dringend eine schaffen. Künftig werde auch mehr auf Charakter und Willen der Spielerinnen geschaut, nicht nur auf ihre technischen Fähigkeiten.
Draußen, vor dem Pressezelt, sagt Marion Rodewald, daß Nadine Ernsting-Krienke nach ihrem Fingerbruch im Auftaktspiel gegen Spanien natürlich sehr gefehlt habe. Das paßt ins Bild, denn die 32 Jahre alte Braunschweigerin ist die deutsche Rekord-Nationalspielerin. Sie ist seit 1990 dabei, aber so hoch wie derzeit war die Wertschätzung für die linke Außenstürmerin noch nie. Ein wenig habe auch die Trainerdiskussion genervt, findet die Kapitänin, weil sie den Stellenwert des Damenhockeys in Deutschland zeige. "Der Herrentrainer wandert zum Fußball ab, und plötzlich ist der Damentrainer ein Kandidat. Wir waren drei Jahre sehr erfolgreich, warum sollte man bei uns was ändern", fragt sich Marion Rodewald.
Drinnen, im Pressezelt, fühlt sich Weise wieder am Nullpunkt angekommen. Dort waren sie auch vor drei Jahren schon, als er nach dem siebten Platz bei der WM 2002 kurz vor der EM 2003 Bundestrainer wurde. Nur der große Einsatz aller in der langen Vorbereitung auf Athen hatte danach den wundersamen und völlig unerwarteten Weg zur olympischen Goldmedaille möglich gemacht. "Aber wir haben leider nichts abgespeichert, was uns erfolgreich gemacht", sagt Weise. Selbst die verbliebenen Olympiasiegerinnen nicht, von denen einige vor Madrid sehr viel weniger als vor Athen gemacht hätten. Nun sitzen sie auf den Trümmern der eigenen Erinnerung an goldene Tage, die erhoffte Initialzündung für das deutsche Damenhockey ist verpufft. Ob diese WM und dieser achte Platz ein lehrsamer Schock waren? Weise, vor seiner Beförderung zu den Damen Juniorinnen-Trainer, ist lange genug dabei, um mißtrauisch zu bleiben. "Es kann", sagt er, "es muß aber nicht." Athen aber bleibt ihnen immer.