Die Torschützin hatte gut lachen: „Ich erwarte, dass der Bundestrainer jetzt Rot-Weiss als Nationalmannschaft nominiert.“ Gerade hatte Rot-Weiss Köln den Favoriten UHC Hamburg im Endspiel um die deutsche Meisterschaft 1:0 besiegt - zur Überraschung der meisten Zuschauer in Berlin zwar, doch für die Kölnerinnen war der Erfolg gegen die Hamburgerinnen die Bestätigung des phänomenalen Zusammenhalts, der sich in der Punktrunde zwischen Abstiegskampf und Qualifikation für die Endrunde entwickelt hatte.
Fast das gesamte Spiel hatten sie in der Defensive verbracht und mussten neun Ecken der Hamburgerinnen abwehren, jenes Teams, das die Punktrunde souverän und mit 79 Toren in 22 Spielen als Klassenbeste beendet hatte. Und dann stand Stefanie Schneider plötzlich mit dem Ball halbrechts vor dem gegnerischen Tor, zögerte, bis die Gegenspielerin vorbeigerutscht war, zögerte weiter, bis Torhüterin Yvonne Frank am Boden lag, und dann entschied sie, in der 47. Minute, die deutsche Meisterschaft mit einem Schlenzer.
„Das war wie Bayern gegen Chelsea“, lachte sie nach der Partie. „Man muss nicht attraktiver oder schneller spielen. Man muss nur die einzige Chance nutzen, die man hat.“ Von Kritik an seiner defensiven Spielweise wollte der Kölner Markus Trainer Lonnes nichts wissen. „Was haben Sie erwartet? Dass wir die Nationalmannschaft an die Wand spielen?“, erwiderte er entsprechenden Vorhaltungen. „Wir haben unfassbar griffig verteidigt. Wir wollten den Titel mehr.“ Auch Marion Rodewald, bei der letzten Meisterschaft der Kölnerinnen 2007 ebenso wie beim Olympiasieg der deutschen Nationalmannschaft in Athen 2004 dabei, bescheinigte ihrem jungen Team „mentale Stärke und eisernen Willen“.
Dazu hat sie viel beigetragen. Seit Anfang des Jahres ist sie Geschäftsführerin von Rot-Weiss. Seit der Rückrunde spielt sie, inzwischen 36 Jahre alt, wieder mit im Team. Mit diesem Rückhalt drehte die Mannschaft viele Spiele in der zweiten Halbzeit, manchmal sogar in den letzten Minuten noch um und ließ die Angst vor dem Abstieg weit hinter sich. „Das hat Selbstbewusstsein geschaffen“, sagte Marion Rodewald. „Und hier sind die richtigen Typen zusammen.“ Dank dieser Mischung haben sie die Chance, erstmals seit fünf Jahren wieder international zu spielen.
Keine einzige Kölnerin wird allerdings mit der deutschen Auswahl zu den Olympischen Spielen in London fliegen. Bundestrainer Michael Behrmann wird daran auch nach dieser Endrunde nichts ändern. Mit neun Hamburgerinnen im Team wird er zum Sechs-Nationen-Turnier nach London fliegen, um dort den Kader für das wichtigste Turnier zu finden. „Wir werden sehen, wie sie damit umgehen“, sagte er über die Verliererinnen, die nach der Schlusssirene in Tränen ausbrachen. „Sie haben sechzig Minuten lang Dampf gemacht und neun Ecken herausgekämpft. Wenn sie schlecht gespielt hätten, hätten sie Grund, enttäuscht zu sein; so nicht.“
Sein Kollege von den Herren, Markus Weise, klang ein wenig strenger, als er sagte, dass er bei diesem Endspiel von seinen Nationalspieler erwartet habe, dass sie nicht nur mitschwämmen, sondern Akzente setzten. Was den Kölnerinnen und ihrem Trainer Markus Lonnes gelungen war, nämlich das Double aus Hallen- und der „richtigen“, der Feld-Meisterschaft, verpassten die Kölner Herren nämlich.
Das Star-Ensemble mit sieben Spielern aus der Nationalmannschaft, die 2008 in Peking Olympiasieger wurde, unterlag dem Berliner HC trotz einer 1:0- Führung noch durch die Tore der Berliner Till Führer und Anton Ebeling. Der Ausgang des Spiels aber habe keine Auswirkung auf seinen National-Kader. „Hier haben ja nicht Sieben gegen Drei gespielt“, sagte er in Anspielung auf die Nationalspieler im Kölner und im Berliner Team, „sondern hier haben zweimal 16 erstklassige Spieler gespielt.“
„Der Flug ist gebucht“
Den ersten Titel für die Berliner Männer seit 1965 holte immerhin auch ein Kölner: Trainer Friedel Stupp kam 1996 vom Rhein an die Spree. Inzwischen ist er mit den Frauen vom BHC drei Mal Meister, zwei Mal Pokalsieger und einmal Europapokalsieger geworden. Über Nationalspieler in der gegnerischen Mannschaft und in der eigenen wollte er nicht spekulieren. „Das ist Sache des Bundestrainers, welche Kaderspieler er mitnimmt zu den Olympischen Spielen.“
Selbst ist da die Frau. Stefanie Schneider, am Sonntag von ihren Mitspielerinnen gefeiert und seit ihrer Zeit in der U21 nicht mehr in eine deutsche Auswahl berufen, fliegt auf alle Fälle nach London. Die Aussichten sind zwar nicht rosig, aber das verdrießt die Kölnerin nicht. „Tickets habe ich noch nicht“, sagt sie, „aber der Flug nach London ist gebucht.“