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Hochspringen Unheimliche Leichtigkeit

04.07.2009 ·  „Je leichter, desto besser“ - Ariane Friedrich ist beileibe nicht die Einzige in der Hochsprung-Weltspitze, die „abgespeckt“ hat. Und der Trend erfasst auch den Nachwuchs, wie bei den Deutschen Meisterschaften am Wochenende zu sehen sein wird.

Von Claus Dieterle, Ulm
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Wann es genau angefangen hat mit dieser manchmal unheimlichen Leichtigkeit, weiß auch Günter Eisinger nicht. Aber aufgefallen ist sie dem Trainer-Manager der Hochspringerin Ariane Friedrich schon 2004 bei den Olympischen Spielen. Da schwebte die Russin Jelena Slesarenko in Athen federleicht (54 Kilogramm bei 1,79 Meter) über 2,06 Meter zum Gold. Von Ariane Friedrich sprach damals noch niemand.

Mittlerweile ist die 25 Jahre alte Frankfurterin auch bei 2,06 Metern angekommen und hat sich figürlich der russischen Trendsetterin angeglichen. 57 Kilo bei gleicher Körpergröße. Vor zwei Jahren waren es noch vier, fünf Kilo mehr. „Je leichter, desto besser“, sagt Ariane Friedrich, „nur darf man seine Kraft nicht einbüßen. Sie ist beileibe nicht die Einzige, die „abgespeckt“ hat. „Die Weltspitze sieht aus wie Ariane“, sagt Eisinger, der eine Statistik der zehn weltbesten Hochspringerinnen in der Schublade liegen hat: „Die wiegen mittlerweile alle unter 60 Kilo.“ Von der Weltmeisterin Blanka Vlasic abgesehen, aber die ist auch 1,93 Meter groß. Dennoch hat auch die Kroatin sichtbar an Masse verloren. Der Trend zum Leichtgewicht in der Model-Disziplin der Leichtathletik ist unverkennbar, und das Signal wirkt bis in den Nachwuchs hinein.

Das ist es, was Brigitte Kurschilgen, Disziplintrainerin Hochsprung im Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV), am meisten Sorgen bereitet. „Dass der Nachwuchs jetzt denkt: Ich muss da auch hin – und es auf eigene Faust versucht.“ Abnehmen in diesem Alter ist ein sensibles Thema, entwickelt manchmal eine unheilvolle Eigendynamik, und die Spirale dreht sich schnell bis hin zur Magersucht.

„Man hat es bei den Skispringern gesehen“, sagt Brigitte Kurschilgen, die noch unter dem Mädchennamen Holzapfel Ende der siebziger Jahre 1,95 Meter hoch sprang. „Wenn man abnimmt, dann nur unter Kontrolle am besten eines Ernährungsberaters. Bei ihren Kaderathleten sieht sie derzeit keinen konkreten Anlass zur Sorge, aber sie hat ein waches Auge auf die Branche und versucht, früh ein Bewusstsein für gesunde Ernährung zu schaffen. Andererseits sagt sie aber auch unmissverständlich: „Die Gewichtsreduzierung ist eine wichtige Leistungsreserve im Hochsprung.“

„Immer ein bisschen Angst“

Wer in die Weltspitze will, der muss bereit sein, auch diese Reserve zu erschließen. Selbst wenn der Schlankheitswahn ästhetisch nicht unbedingt ein Gewinn ist, selbst wenn ein Stück Lebensqualität verloren geht. Mit dem Verzicht auf Fastfood und Süßigkeiten ist es ja nicht getan. Man muss die Ernährung umstellen, was mit viel Aufwand und Disziplin verbunden ist. Die Leichtigkeit hat aber auch gesundheitliche Vorteile. Wenn man bedenkt, dass beim Absprung das Siebenfache des Körpergewichts auf dem Sprungfuß lastet, dann schont jedes Kilo weniger den Bewegungsapparat.

Aber energetisch betrachtet, ist es ein Drahtseilakt. Günter Eisinger nennt es „Experiment“ und gibt zu, dass „immer ein bisschen Angst“ im Spiel sei. Angst vor der Grenzüberschreitung, vor dem Punkt, an dem alles umkippt. Aber Ariane Friedrich arbeitet gleich mit zwei Ernährungsberatern zusammen, ihre Kraftwerte sind besser denn je, und sie sagt, sie fühle sich wohl. Ihr Erfolgsmuster eins zu eins auf andere zu übertragen würde nicht funktionieren.

„Ich will ja auch Spaß haben“

„Das ist doch typbedingt, da muss jeder seinen eigenen Weg finden“, sagt die Leverkusenerin Julia Hartmann. Sie gehört wie Julia Wanner und Meike Kröger zur hoffnungsvollen zweiten Reihe im Hochsprung. Sie haben sich auf einem Niveau um die 1,90 Meter eingependelt, und vom Potential her könnte bei der einen oder anderen irgendwann sogar die „Zwei“ vorne stehen. Und natürlich reden auch sie über das Gewicht. Aber sie sind zwiespältig und betreiben ihr Metier noch nicht mit der eisernen Disziplin und Konsequenz wie Ariane Friedrich. „Ich ernähre mich sowieso gesund, aber eine Diät würde die Lebensqualität einschränken, und ich will ja auch Spaß haben“, sagt Meike Kröger. Andererseits gibt sie zu: „Wenn ich wüsste: mit zwei Kilo weniger schaffe ich jetzt die 1,95 Meter, würde ich es vielleicht machen.“

Jörn Elberding, der Trainer von Julia Hartmann, weiß um den Spagat im Hochsprung und um seine Verantwortung: „Wir sind nicht für Leistung um jeden Preis. Die Gesundheit muss immer im Vordergrund stehen.“ Auch Ariane Friedrich weiß ganz genau, dass sie hierzulande kritisch beäugt wird. Zum Thema Magersucht sagt sie nur: „Dafür esse ich viel zu gerne.“ Und jedem, der glaubt, sie als Hungerleiderin bemitleiden zu müssen, empfiehlt sie einen Blick auf ihre Website. Dort habe sie fein säuberlich aufgelistet, was sie am Tag so alles zu sich nehme. Aber man sieht schon: Die Leichtigkeit ist schwer erkämpft.

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Jahrgang 1956, Sportredakteur.

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