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Helmut Digel über Leichtathletik „Das Doping-Problem liegt in der Natur der Sportart“

 ·  Der Welt-Leichtathletikverband wird an diesem Dienstag hundert Jahre alt. Im F.A.Z.-Interview spricht Professor Helmut Digel über die Entwicklung der Sportart, ihren Platz bei Olympia und verpasste Chancen.

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© dpa Höher, schneller, weiter: Der Internationale Leichtathletik-Verband wird 100

Helmut Digel ist emeritierter Sportwissenschaftler und Ehrenpräsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes. Im Council des Welt-Leichtathletikverbandes (IAAF) ist er zuständig für das hundertjährige Jubiläum des Verbandes.

Die IAAF feiert an diesem Dienstag „100 Years of Excellence“. Das kann doch nur eine Erfolgsgeschichte sein, oder?

Die Leichtathletik hat in den hundert Jahren, in denen sie sich organisiert hat, eine Reihe von Erfolgen aufzuweisen. Allerdings sind die ersten siebzig Jahre weit weniger dynamisch gewesen als die vergangenen dreißig. Die Leichtathletik hatte sich zunächst international nur bei Olympischen Spielen präsentiert. Erst seit Helsinki 1983 hat sie eigene übernationale Wettkämpfe, die Weltmeisterschaft. Das ist eine junge Vergangenheit im Vergleich mit der hundertjährigen Geschichte.

Auch an der Leichtathletik gehen die Krisen des Sports nicht vorüber: die der Finanzen, des Ansehens, des Vertrauen. Sehen Sie das Juwel der Olympischen Spiele in Gefahr?

Die Gefahren sind nicht so groß, dass die Leichtathletik von dem Sonderstatus verdrängt werden könnte, den sie bei den Olympischen Spielen hat. Insbesondere die Ballsportarten haben erhebliche Gewinne aufzuweisen. Andere Sportarten werden aus den Olympischen Spielen ausscheiden. Insofern wird es auch für die Leichtathletik nicht einfach sein, ihren Status zu erhalten. Das zeigt sich insbesondere, wenn es um die Verteilung der Fernsehgelder geht.

Der Leichtathletikverband zahlt Rekordprämien, er richtet eine Hall of Fame allein auf der Basis von Erfolgen ein, er führt Rekordlisten, in denen Doping-Rekorde zu Maßstäben gemacht werden. Ist das nicht auch eine Verharmlosung von Doping?

Die Leichtathletik hat ein besonderes Dilemma. Man kann gute und schlechte Leistungen voneinander unterscheiden, weil sie gemessen werden. Damit ist sie dem Steigerungsimperativ unterworfen. Wenn man 6,80 Meter weit gesprungen ist, ist die nächste Herausforderung, 6,90 Meter zu springen. Das hat zur Folge, dass unerlaubte Grenzüberschreitungen mit anwachsen. Das Doping-Problem liegt in gewisser Weise in der Natur dieser Sportart.

Sie haben seinerzeit vorgeschlagen, zur Jahrtausendwende einen Schlussstrich zu ziehen und neue Rekordlisten aufzulegen, auch um die massive Doperei des Kalten Krieges ad acta zu legen. War es ein Fehler, dass der Weltverband das abgelehnt hat?

Das war ein Fehler. Es gibt nur selten so elegante Möglichkeiten, wie zur Jahrtausendwende die alten Marken zu Jahrhundertrekorden zu erklären und ruhen zu lassen. Viele bereuen es, dass wir diese Chance nicht genutzt haben. Wir hätten ein großes Problem zumindest verkleinern können. Nun müssen wir uns fragen: Wie gehen wir in Zukunft mit Rekorden um? Mir ist wichtig, sie nicht ins Zentrum unserer Kommunikation zu stellen. Ich halte das Signal für falsch, hohe Rekordprämien auszuloben. Aber die große Mehrheit in der Leichtathletik hängt dieser Rekordideologie an und ist der Überzeugung, dass man Rekorde belohnen muss.

Hat die IAAF kapituliert?

Ganz und gar nicht. Der Verband hat sich, wie keine andere olympische Sportart, des Doping-Problems angenommen. Als es noch keine nationalen oder internationalen Agenturen gab, hat er aus seinen Einnahmen ein Antidoping-Programm finanziert. Die IAAF veranlasst - in Eigenregie und selbst bezahlt - mehr Doping-Kontrollen als die Welt-Antidoping-Agentur Wada.

Kann man der IAAF die Globalisierung der Leichtathletik zugute halten?

Der Verband hat sich von 16 Gründerverbänden in Stockholm 1912 zum größten Personenverband der Welt entwickelt. Mittlerweile sind 210 Territorien Mitglied in der IAAF. Das ist ein bemerkenswertes Wachstum. IAAF-Präsident Primo Nebiolo hat zusätzlich zur WM die Jugend- und Juniorenweltmeisterschaft, die Hallen-weltmeisterschaft, die Cross-WM, den Weltcup und die Halbmarathonweltmeisterschaft ins Leben gerufen. Dieses umfassende Wettkampfsystem ermöglicht jungen Menschen, für einige Jahre Leichtathletik als Beruf zu betreiben.

Verstehen Sie die Leistungszentren in den armen Regionen der Welt als Entwicklungshilfe und Sozialpolitik?

In diesen zehn regionalen Entwicklungszentren werden Athleten beherbergt und betreut. Dort finden auch ständig Weiterbildungen statt, für Trainer und Übungsleiter. Für diese vorbildliche Hilfe zur Selbsthilfe geben wir fünfzehn bis zwanzig Millionen Euro aus, das ist beinahe die Hälfte des Etats. Sie sorgt dafür, dass in den vergangenen zwanzig Jahren immer mehr Athleten Zugang zu unseren großen Wettkämpfen finden. Bei der Junioren-WM in Barcelona waren es Athleten aus 77 Nationen, die in den Finals Punkte erreicht haben. Das ist ein Resultat dieser Entwicklungsarbeit.

Stimmt eigentlich das Datum, das Sie an diesem Dienstag begehen, oder ist die IAAF nicht in Wirklichkeit 1913 in Berlin gegründet worden?

Diese Konkurrenzfrage stellt sich schon lange. Die meisten Historiker nehmen an, dass die Gründung 1912 in Stockholm geschah. Mir steht es als Deutschem nicht zu, dieses Votum in Frage zu stellen und Berlin zum Gründungsort zu deklarieren. Was man sicher sagen kann: Die Gründung ist zu spät erfolgt. Die Leichtathletik war in Europa und Amerika längst stark und etabliert.

Der Zeitplan der Leichtathletik bei Olympia in London 2012.

Die Fragen stellte Michael Reinsch.

Quelle: F.A.Z.
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