17.03.2006 · Jason McElwain ist 17, er ist Autist. Für die Basketball-Schulmannschaft holt er Wasser. Einmal wechselte ihn der Trainer ein. Und Jason McElwain gelingen in vier Minuten sechs Dreier. Danach tragen sie ihn auf den Schultern vom Feld.
Von Bernd Steinle, FrankfurtGeorge W. Bush ist nicht nah am Wasser gebaut. Wenn George W. Bush die Tränen kommen, muß schon was passiert sein.
Vor wenigen Tagen nun stand George W. Bush auf der Rollbahn des Flughafens von Rochester im amerikanischen Bundesstaat New York, einen schüchtern wirkenden, blassen Jungen neben sich, und sagte schwer ergriffen den Satz: "Ich habe es im Fernsehen gesehen, und ich habe geweint." Angeblich zu Tränen gerührt hatte ihn der Junge neben ihm, der es in vier Minuten zum amerikanischen Basketballhelden gebracht hatte. Sein Name: Jason McElwain.
Eingewechselt als Dankeschön
Jason McElwain ist 17, und er ist Autist. Er besucht die Athena High School in dem 95000-Einwohner-Ort Greece und betreut seit geraumer Zeit als Teammanager die Basketball-Schulmannschaft. Wasser holen, Spieler aufmuntern, Statistiken führen, solche Sachen. Jason ist beliebt, er macht seine Sache gut, und so sagte ihm sein Trainer Jim Johnson vor dem letzten Heimspiel des Teams, er könne sich ja mal mit dem Trikot auf die Bank setzen.
Vier Minuten vor Schluß führten sie gegen den Lokalrivalen Spencerport zweistellig, und so kam Johnson auf die Idee, Jason einfach einzuwechseln. Zum erstenmal überhaupt. Als Dankeschön, gewissermaßen. "Ich dachte, das sei eine nette Sache für den Jungen", sagte er.
Sechs Dreier in vier Minuten
Jason lief also auf, vor 900 Zuschauern in der Turnhalle der Athena High School. Die Fans standen auf, reckten Täfelchen hoch, auf die Jasons Gesicht gedruckt war. Dann sein erster Wurf. Ein Dreierversuch. Er segelt meilenweit an Korb und Brett vorbei. Kurz darauf vergibt er einen Korbleger. Trainer Johnson schlägt die Hände vors Gesicht. "Ich dachte nur, gebt ihm einen Korb!" Der dritte Versuch ist wieder ein Dreierwurf. Drin! 900 Zuschauer brüllen. Jubel und auch ein wenig Erleichterung. "Da hab ich angefangen, Feuer zu fangen", erzählte Jason McElwain.
J-Mac, so sein Spitzname, wirft in der Folge einen Dreier nach dem anderen. Mit jedem Treffer steigt bei Zuschauern und Ersatzspielern die Fassungslosigkeit, längst zappeln sie auf Tribüne und am Spielfeldrand nur noch wie irrwitzig hin und her. Jason McElwain gelingen in vier Minuten sechs Dreier und noch ein Treffer, zwanzig Punkte insgesamt. Sein Team gewinnt das Spiel 79:43. Danach tragen sie ihn im Triumphmarsch vom Feld.
Das Land liebt solche Szenarien
Durch die Videoaufnahme eines Schülers sieht das Ereignis bald ganz Amerika. Und Amerika ist begeistert, das Land liebt solche Szenarien. Es liebt die Außenseiter, die alle Widrigkeiten und Rückschläge überwinden, die sich aus eigener Kraft durchsetzen, sich in der Stunde der Entscheidung bewähren und für ihr Team zu Helden werden. J-Mac hat eine uramerikanische Erfolgsgeschichte geschrieben.
Darum wundert es niemanden, daß es schon T-Shirts und Masken und Kaffeetassen mit Jasons Abbild gibt und daß sich halb Hollywood um die Verfilmung seiner Geschichte reißt. Von 35 Filmangeboten berichtete Jasons Mutter Debbie McElwain zuletzt. Und das, obwohl der eigentliche Film ja schon im wahren Leben gelaufen ist. Im Kino glaubte solch eine Geschichte wohl kein Mensch.
„Du kannst mich George W. nennen“
Die Bewunderung, die Jason McElwain entgegenschlug, führte dazu, daß sich für ihn am vergangenen Dienstag ein weiterer Traum erfüllte. In Rochester durfte er den vormaligen Eigner eines Baseballteams, unerschrockenen Mountainbikefahrer und öffentlichkeitsbewußten Sportfan George W. Bush in die Arme schließen. Wer ein Kunststück schafft wie Jason, so dürfte dessen Kalkül gewesen sein, dem ist alles zuzutrauen, und sei es, die abgestürzten Popularitätswerte des Präsidenten wiederaufzurichten. Also begrüßte George W. Bush, die Präsidentenmaschine im Hintergrund, den jugendlichen Hoffnungsträger sportlich-herzlich-kumpelhaft: "Was dagegen, wenn ich Dich J-Mac nenne? Du kannst mich George W. nennen." Dann sprach er noch ein paar ehrfürchtige Sätze, wünschte "Good luck, buddy!" und zog von dannen.
Jason McElwain saß beim nächsten Spiel der Athena High School Basketball-Mannschaft wieder auf der Bank. Als Team Manager, in weißem Hemd und gelber Krawatte. Holte Wasser, munterte Spieler auf, führte Statistik. Das Wichtigste für ihn, sagt er, sei nun erst mal sein High-School-Abschluß.