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Handbiker Vico Merklein : Die geballte Kraft der Kurbel

  • -Aktualisiert am

Marathon in weniger als einer Stunde: Vico Merklein Bild: Ilse Van Droogenbroeck

Vico Merklein ist der beste Handbiker der Welt und auf der Jagd nach Spitzenzeiten. Der querschnittgelähmte Modellathlet hat seinen Sport auf eine professionelle Basis gestellt. Zwei Titel aber fehlen ihm noch.

          Gibt es irgendein Rennen, das Vico Merklein in den zurückliegenden Monaten nicht gewonnen hat? Bei der Antwortsuche muss man recht ausgiebig recherchieren, denn auf den ersten Blick überstrahlen seine Erfolge alles. Der Sechsunddreißigjährige aus dem südhessischen Ort Babenhausen gewann die Marathonrennen in Hamburg, Düsseldorf, Mainz, Mannheim, Duisburg und Ende September zum vierten Mal in Folge in Berlin.

          Hinzu kommen zwei deutsche Meistertitel, im Straßenrennen und im Zeitfahren. Beim Weltcup in Spanien gewann Merklein das Straßenrennen und wurde Zweiter im Zeitfahren, bei der WM in Kanada schnappte er sich zwei Silbermedaillen. Und nicht zuletzt hält er seit dem 7. Juli die Weltbestzeit über die Marathondistanz mit 58:56 Minuten, gefahren in Heidelberg.

          Man sieht es an den Resultaten und merkt es an den Formulierungen: Merklein ist kein Läufer, und deshalb ist sein Bekanntheitsgrad nicht vergleichbar mit sportlich ähnlich erfolgreichen „Fußgängern“, wie nichtquerschnittgelähmte Menschen in der Handbike-Szene genannt werden. Merklein ist, um es auf den Punkt zu bringen, schlicht und ergreifend der beste Liegend-Radfahrer der Welt.

          Die Handbiker sind verbandstechnisch dem Radsport zugeschlagen, deshalb werden keine Bestenlisten geführt wie bei den Leichtathleten, obwohl die Liegend-Radfahrer in viele Stadtmarathon-Veranstaltungen integriert sind. Es gibt lediglich Siegerlisten wie bei den Radrennfahrern. Und da fehlen Merklein noch zwei Einträge. Das ist sein Thema für die nächsten Jahre.

          „Die Fokussierung hat mir gefehlt“

          Der Mann mit dem Dreimillimeter-Haarschnitt und der coolen Brille sitzt in einem Restaurant, bestellt ein großes Bier und ein Schnitzel mit Bratkartoffeln. Es ist noch Trainingspause, mehr oder weniger, da geht das. „Eigentlich kann ich das Fahrrad immer noch nicht sehen“, sagt Merklein. Fahrrad, so nennt er sein Sportgerät, das mit den Händen über eine Kurbel am Vorderrad angetrieben wird. Materialwert: mehr als 15.000 Euro.

          Er hält die Weltbestzeit über die Marathondistanz mit 58:56 Minuten

          Nach dem letzten Saisonrennen in Köln, es war Mitte Oktober, hat der gelernte Gas- und Wasserinstallateur „mal ein bisschen gelebt“, aber bereits nach drei, vier Tagen wurde ihm langweilig. „Die Fokussierung auf den Wettkampf hat mir gefehlt. Das heißt aber nicht, dass ich etwas machen wollte.“ Dann tat er es doch, setzte sich in den Rollstuhl.

          „Krafttraining mache ich nur im Winter“

          „Ich bin dann sieben Kilometer gejoggt.“ Also langsam herumgefahren. Im Wettkampfgeschehen haben die Hightech-Handbikes die althergebrachten Sportrennstühle längst verdrängt. „Irgendwann hast du wieder Hunger zu trainieren.“ So wie gerade jetzt auf Lanzarote, wo er die ersten Kilometer für die neue Saison hinter sich bringt.

          Im Januar geht es dann richtig los. Mit einem zweiwöchigen Trainingslager auf Teneriffa, den kompletten Februar verbringt Merklein auf Lanzarote, im März sind zwei Übungswochen auf Mallorca gebucht. Merklein trägt ein eng anliegendes Long-Sleeve-Shirt, Bauch- und Oberarmmuskulatur sind gut sichtbar und definiert. „Krafttraining mache ich nur im Winter“, sagt er. Zu Hause an seinem Fitnessturm.

          Vico Merklein bereitet sich derzeit auf Lanzarote vor

          Sobald es wieder ins Handbike geht, ist Schluss damit. Dort greift die geballte Kraft der Kurbel. „Ansonsten bekomme ich Probleme mit der dynamischen Muskulatur.“ Merklein ist ein Modellathlet mit einem Wettkampfgewicht von 63,5 Kilogramm bei einer Körpergröße von 1,83 Metern.

          Was ihn etwas abhebt von anderen Tophandbikern, etwa Bernd Jeffré aus Kiel, der von 2010 bis 2012 noch auf einem Niveau gegen ihn fuhr? „Eine sehr hohe Grundlagenausdauer. Wo andere am Limit sind, baue ich schon wieder Laktat ab. Und im Sprint war ich zuletzt eigentlich nie zu schlagen.“ Was durchaus Folgen hatte. „Zu Saisonbeginn waren immer alle erfreut, mich zu sehen. Später nicht mehr.“

          „Als Hobbysportler um den Block“

          Als Merklein 2005 seinen ersten Podiumsplatz erreichte, war er noch als Ich-AG unterwegs. 10.000 Euro privates Geld hatte er als Anschubfinanzierung investiert. „Wenn es nicht geklappt hätte, wäre ich wieder als Hobbysportler um den Block gefahren.“ Acht Jahre später haben ihn alle als besten Handbiker der Welt anerkannt, bei seiner Weltbestzeit fuhr er im Schnitt 44 Kilometer pro Stunde.

          Bei den Paralympics 2012 gewann er Silber

          Zu den Gratulanten gehörte auch Walter Ablinger. Der Österreicher war über die Marathonstrecke bereits zehn Sekunden schneller - allerdings auf einem Punkt-zu-Punkt-Kurs in Padua (Italien) mit zu viel Gefälle. Merkleins vormalige Bestzeit war vier Jahre alt. 1:00,03 Stunden, gefahren in Heidelberg.

          Zwei Ziele bleiben Merklein noch

          Der Vergleich ist gewagt, jedoch nicht uninteressant, und er verdeutlicht die Dimensionen: Merklein hatte bei seinem umjubelten vierten Berlin-Sieg vor zehn Wochen einen Freistart, Hotelübernachtung und Reisekosten gingen auf seine Kappe. Die Prämie für seine Rekordfahrt von Heidelberg betrug 2000 Euro (geteilt hat er noch mit seinen „Pacemakern“ Ablinger und Jeffré). Nicht mehr als Taschengeld für die internationalen Marathonstars, die auf zwei gesunden Beinen von Wettkampf zu Wettkampf tingeln.

          Treffen mit der Kanzlerin: Merklein im Oktober 2012 in Rostock mit Angela Merkel

          Doch das Profisport-Unternehmen Merklein trägt sich dank Sponsorenunterstützung wenigstens. Auch wenn es natürlich noch mehr Förderer sein könnten, die Merklein auf dem Weg zu seinen zwei verbliebenen Zielen unterstützen. „Ich bin immer noch nicht Weltmeister und Olympiasieger.“ Was in den Jahren 2012 und 2013 jeweils an dem Polen Rafal Wilk gelegen hat, der seine Gewichtsvorteile nutzen konnte.

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