Noch immer hat er Schmerzen. Er kann mit seinem linken Fuß ohne Keil im Schuh nicht auftreten. An Belastung unter Wettkampfbedingungen ist nicht zu denken, an die schnellen Drehungen im Zweikampf, an den festen Stand in der Abwehr, an die Dynamik, die er für seine gefürchteten Sprungwürfe braucht. „Immerhin kann ich wieder ohne Schiene laufen“, sagt Holger Glandorf, „doch abends merke ich die Belastung in der Ferse.“
Der deutsche Handball-Nationalspieler wirkt gefestigt. Nicht selbstverständlich für einen Profi, den die deutschen Fans seit seinen Toren bei der Heim-WM 2007 bejubeln, der jedoch nicht weiß, ob er seine Karriere fortsetzen kann. „Ich muss abwarten, wie die Ferse auf Belastung reagiert, bin jedoch optimistisch“, sagt Glandorf. Gründe für Melancholie hätte er nach seiner schweren Verletzung genügend. „Aber es war ein Unfall“, sagt der 29 Jahre alte Profi.
„Sie hätten nur zum Hörer greifen müssen“
Der „Unfall“ hatte sich am 3. April auf dem Sofa eines Hotelzimmers ereignet. Glandorf war mit Schmerzen zu einem Lehrgang der Nationalmannschaft gereist: Eine Schleimbeutel-Entzündung an der linken Achillessehne plagte ihn. Sie tritt als Folge einer Überbeanspruchung häufig auf bei Handballspielern am Ende einer Saison. Obwohl zwei bedeutungslose Testspiele gegen den WM-Zweiten Dänemark anstanden, entschied sich der deutsche Mannschaftsarzt, Detlev Brandecker, Glandorf Kortison zu spritzen. Die Entzündung sollte gehemmt und die Schmerzen gelindert werden. Aber wenige Tage später klagte der Handballprofi über Schüttelfrost und hohes Fieber. In einer Flensburger Klinik stellten die Ärzte erhöhte Entzündungswerte fest. Ein Keim hatte sich - vermutlich durch die Injektion - in der linken Ferse eingenistet. Glandorf musste stationär behandelt werden. Bei drei Operationen wurde entzündetes Gewebe und Knochensubstanz entfernt - großflächig.
Zwei Monate nach den Eingriffen geht es Glandorf besser. Die Schiene muss er nicht mehr tragen, der erste Belastungstest im Urlaub steht an. Glandorf will Ruhe, nichts mehr hören von der Diskussion über seinen Gesundheitszustand, er braucht Abstand und will nicht zuschauen müssen, während die Kollegen in der Nationalmannschaft den von ihm „geliebten und gelebten“ Handball spielen. Er wäre so gerne dabei, an diesem Sonntag beim Rückspiel der Nationalmannschaft in der WM-Qualifikation in Bosnien-Hercegovina.
Aber der Deutsche Handball-Bund (DHB) muss nicht nur auf Glandorf verzichten. Ihm droht nach dem Imageschaden weiteres Ungemach. Denn Glandorfs Anwalt verfasst in diesen Tagen eine Klageschrift, die an das Landgericht (LG) in Flensburg gehen wird und sich gegen den Haftpflichtversicherer Brandeckers richtet. „Zum einen wurde mein Mandant vor der Spritze nicht über mögliche Nebenwirkungen aufgeklärt“, sagt der Hannoveraner Jurist Olaf Matlach, spezialisiert auf Medizinrecht. Zum anderen, so ein weiteres Argument des Anwalts, sei ein Hotelzimmer für eine Kortison-Injektion hygienisch alles andere als geeignet. Matlach kritisiert, dass es keine Rücksprache (der DHB-Verantwortlichen) mit dem Verein Glandorfs, der SG Flensburg-Handewitt, und deren Mannschaftsarzt, Hauke Mommsen, gegeben habe: „Sie hätten nur zum Hörer greifen müssen.“
„Menschen machen Fehler“
Zu den Vorwürfen wollen sich die Beschuldigten öffentlich zurzeit nicht äußern. Der DHB verteidigt das Handeln seines Ärzteteams. Er streitet in einer Mitteilung auf der Homepage ab, der DHB-Arzt habe „grob behandlungsfehlerhaft und ohne vorherige Aufklärung“ gehandelt. „Nein, ich wurde nicht aufgeklärt“, sagt dagegen Glandorf. Er verzichte dennoch auf eine Klage gegen den DHB. Vielleicht ist das ein Glück für den Verband, denn laut Glandorfs Anwalt hat der DHB eine Fürsorgepflicht gegenüber seinen Spielern. Und die Handball-Bundesligaklubs seien gemäß der Liga-Statuten dazu angehalten, Spieler abzustellen. „Ansprüche der SG und Glandorfs ließen sich begründen“, sagt Matlach. Doch Glandorf lehnt angesichts seiner emotionalen Bindung zum Team einen Streit mit dem DHB ab. „Es ist eine Ehre“, sagt er, „für das Vaterland zu spielen“.
Der Verband ist dennoch nicht fein raus. „Der DHB könnte gesamtschuldnerisch haftbar gemacht werden“, sagt Matlach. Folglich könnte der Haftpflichtversicherer, der alle Ansprüche als ungerechtfertigt zurückweist, bei einem Urteil pro Glandorf nach Durchlauf sämtlicher Gerichtsinstanzen die Verantwortung auf den DHB schieben. Dabei wird um eine nicht geringfügige Summe gestritten: um Schadensersatz in einem hohen fünfstelligen Bereich, um Ansprüche der Flensburger in Höhe der Entgeltfortzahlungen an den verletzt fehlenden Spieler von sechs Wochen (bis zur Zahlung von Krankengeld), finanzielle Einbußen Glandorfs, nachdem das Krankengeld wirksam wurde. Das Verfahren kann mehr als zwei Jahren dauern. Würde Glandorf zum Sportinvaliden, könnte er Hunderttausende Euro fordern.
Aufzugeben, das entspreche aber nicht seinem Naturell, sagt der Rückraumspieler. „Ich verfalle nicht in Selbstmitleid. Es gibt Ziele, die ich noch erreichen will. Einmal in der Champions League spielen.“ Bei all dem Optimismus, den er im Urlaub mit der Familie schöpft, spüre er keine Wut auf Brandecker. „Menschen machen Fehler.“ Er wolle nur wieder Handball spielen können. Darauf hofft auch der Bundestrainer. Martin Heuberger fehlt auf unbestimmte Zeit der beste deutsche Linkshänder im rechten Rückraum. Einer auf der „Königsposition“, wie es ihn auf diesem Niveau in Deutschland kein zweites Mal gibt.
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f f (PYTISMA)
- 16.06.2012, 12:41 Uhr