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Handballspieler Nikola Karabatic Geduldet, aber nicht geliebt

 ·  Nikola Karabatic spielt für Frankreich bei der am Freitagabend beginnenden WM. Doch die Manipulationsaffäre wirkt nach. Gemeinsam mit ihrem einstigen Vorzeigespieler hat eine ganze Sportart den Nimbus der Unantastbarkeit verloren.

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2012 war kein erfreuliches Jahr für den französischen Handball. Daran kann rückblickend nicht einmal der abermalige Olympiasieg etwas ändern. Gemeinsam mit ihrem einstigen Vorzeigespieler Nikola Karabatic hat eine ganze Sportart den Nimbus der Unantastbarkeit verloren. Das Trauma der Manipulationsaffäre um Meister Montpellier AHB wirkt noch immer nach, auch wenn alles vordergründig überstanden scheint. Tatsächlich ist es vielmehr ein Ausdruck von Pragmatismus, dass Karabatic und sein ehemaliger Teamkollege Samuel Honrubia nach der Aufhebung ihrer richterlichen Spielsperre im Verein und der Nationalmannschaft umgehend reintegriert worden sind.

Spieler dieses Kalibers sortiert niemand aus. Auch Nationaltrainer Claude Onesta, der bis auf den verletzten Bertrand Gille und seinen Bruder Guillaume alle Londoner Olympiasieger in seinen vorläufigen Kader für die Weltmeisterschaft in Spanien berufen hat, nominierte den Rückraumstrategen und den Außenspieler selbstredend. Zwischen dem 11. und 27. Januar hat der Vorrundengegner der deutschen Mannschaft schließlich mehr zu verteidigen als seinen Titel. Der Doppelweltmeister um die Kieler Daniel Narcisse und Thierry Omeyer spielt auch um den demolierten Ruf des französischen Handballs und seinen Rang als bestes Team der Welt.

Nahezu unbezwingbar

Seit dem Gewinn der olympischen Goldmedaille von Peking waren die Franzosen im Handball das, was die Spanier im Fußball sind: nahezu unbezwingbar. Mit den aufeinanderfolgenden Siegen bei Olympia, WM und EM war die Equipe die erste Mannschaft, die gleichzeitig alle großen Titel innehatte. Erst ein unerklärlicher elfter Platz bei der EM im vergangenen Jahr brach die Serie.

Doch das Ende dieser großen Handballer-Generation war zu früh ausgerufen worden. In London überzeugten „Les Experts“ mit alter Stärke, gewannen wieder Gold und glaubten, die Krise sei überwunden. Dass sie erst noch bevorstand, ahnte zu diesem Zeitpunkt niemand. Und obwohl die Szene sich inzwischen redlich müht, so zu tun, als ob nichts gewesen sei, ist dennoch nichts, wie es einmal war. Karabatic wird geduldet, aber nicht mehr uneingeschränkt geliebt. Die Wiedereingliederung des ehemaligen Welthandballers gestaltet sich in Verein und Nationalmannschaft schleppend. Etliche Mitspieler gehen auf Distanz. Linksaußen Michaël Guigou - während Karabatics Sperre in Montpellier zum Kapitän aufgestiegen - hat sogar offen Position gegen ihn bezogen.

Betrugsprozess vorübergehend ausgesetzt

Um den Zusammenhalt der einstmals verschworenen Gemeinschaft wieder zu stärken, hat sich das Team während der WM-Vorbereitung in die Abgeschiedenheit des atlantischen Küstenörtchens Capbreton zurückgezogen, wo statt Taktik und Technik Teambuilding auf dem Trainingsprogramm stand. Doch selbst wenn das mannschaftliche Stimmungstief überwunden worden sein sollte, der Makel bleibt. Zwar wurde das Gerichtsverfahren im Betrugsprozess vorübergehend aus nicht näher benannten Gründen ausgesetzt, und insgesamt mag überraschen, wie folgenlos der Wettskandal rechtlich bislang geblieben ist - unbeschadet hat die Ikone ihn jedoch nicht überstanden.

Die Vorwürfe, Verhöre, Verdächtigungen und Verbote haben Spuren hinterlassen, der Vereinsarzt bestätigte Karabatic und seinem jüngeren Bruder Luka eine Depression. Dieser hat Montpellier bereits verlassen müssen, weil er im Gegensatz zu Karabatic, der seine aktive Verwicklung in den Wettskandal bestreitet und lediglich seine Mitwisserschaft einräumte, zugegeben hat, im vergangenen Mai Geld auf eine Niederlage seiner Mannschaft gesetzt zu haben. Inzwischen scheint auch der Abgang des 28-Jährigen beschlossene Sache.

Finanziell und menschlich schwierig

Sportlich hat sich Montpellier, das während Karabatics Abwesenheit kein Spiel gewinnen konnte, wieder stabilisiert. Finanziell und menschlich ist die Situation seit der Rückkehr seines besten Spielers allerdings schwierig. Die Fans scheinen bereit zu verzeihen, aber die Meinungsverschiedenheiten innerhalb des Teams und mit Trainer Patrice Canayer, der bis heute eine öffentliche Entschuldigung reklamiert, dauern an.

Zudem scheint der Serienmeister das Gehalt seines Großverdieners nicht mehr stemmen zu können, weil im Zuge der Betrugsaffäre viele Sponsoren abgesprungen sind. Zahlungsschwierigkeiten gibt es in der Nationalmannschaft zwar nicht, doch auch ihr künftiger Erfolg dürfte entscheidend davon abhängen, ob es gelingt, den Riss zu kitten und zurück zur früheren Leichtigkeit zu finden. In der nächsten Woche muss Onesta entscheiden, welche Spieler er noch aus dem vorläufigen Kader streicht. Dass es Karabatic sein wird, ist ausgeschlossen.

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05.01.2013, 19:20 Uhr

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