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Handball-Nationalmannschaft Von Altlasten befreit

 ·  In Spanien wird Handball-Bundestrainer Martin Heuberger sechs WM-Debütanten im Kader haben. Verzicht und Ausfälle von Stammkräften haben neue Perspektiven geschaffen - es sind nicht die schlechtesten Aussichten.

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© dpa Vergrößern Bloß nicht abheben: Die Schweden halten Steffen Fäth am Boden

Als Martin Heuberger vor einem Jahr sein erstes großes Turnier als Cheftrainer vorbereitete, konnte er sich noch auf erfahrene Kräfte wie Pascal Hens, Holger Glandorf, Lars Kaufmann und Christian Sprenger verlassen. Ein Umbruch bei der deutschen Handball-Nationalmannschaft deutete sich im vergangenen Winter zwar an, aber es schien undenkbar, bei der Europameisterschaft in Serbien auf Spieler zu verzichten, die 2007 Weltmeister im eigenen Land waren.

Als Heubergers Sieben am Samstagabend Mitte der zweiten Halbzeit der schwedischen Führung hinterherlief, stand in Spielmacher Michael Haaß nur noch ein Akteur von einst auf dem Parkett. Der Umbruch ist vollzogen: Bei der am kommenden Samstag in Spanien beginnenden Weltmeisterschaft wird der Bundestrainer sechs WM-Debütanten im Kader haben.

Verzicht und Ausfälle von Stammkräften haben neue Perspektiven geschaffen - es sind nicht die schlechtesten Aussichten: In den Tests gegen Schweden zeigte die junge Mannschaft, dass sie auch ohne die zurückgetretenen Hens und Sprenger, die pausierenden Glandorf und Kaufmann und den verletzten Uwe Gensheimer zurechtkommen kann.

Dem 26:20 am Donnerstag in Växjö folgte ein 28:28 vor mehr als 11.000 Zuschauern in Hamburg. Gefallen haben Heuberger der Wille im Team und die Bereitschaft, Handball wieder als Gemeinschaftswerk zu verstehen. „Wir haben keine Superstars“, sagt Heuberger, „wir haben ein gutes Kollektiv, jeder ist für jeden da. Das zeichnet diese Mannschaft aus.“

Weil es diesem ausgeglichenen Team aber abgesehen von Torwart Silvio Heinevetter an überragenden Einzelkönnern fehlt, werden die Tage von Spanien wieder einmal eine Expedition mit ungewissem Ausgang - im Rückraum stammt kein Stammspieler von den Spitzenklubs Kiel, Rhein-Neckar Löwen oder Hamburg. Die individuelle Klasse eines Mikkel Hansen (Dänemark), Domagoj Duvnjak (Kroatien), Julen Aguinagalde (Spanien) oder Nikola Karabatic (Frankreich) fehlt.

Ein bekanntes Problem, auf dem der Bundestrainer nicht länger herumreiten will. Er sagt: „Wir wollen Handball mit Begeisterung zeigen, die Vorrunde überstehen und schauen, was ab dem Achtelfinale passiert.“ Eine vorsichtige, dem Leistungsvermögen angemessene Zielvorgabe nach der serbischen Enttäuschung. Vor einem Jahr wurden die Deutschen Siebte und verpassten die Olympischen Spiele.

Bundestrainer Martin Heuberger will nicht klagen

In einer Gruppe mit dem ersten Gegner Brasilien, mit Argentinien, Tunesien sowie Montenegro und Frankreich scheint die Qualifikation für die Runde der letzten Sechzehn machbar. Doch die Resultate bei allen jüngsten Großveranstaltungen bewiesen, was Haaß so in Worte fasste: „Wir können gegen jeden Gegner gut oder schlecht aussehen.“ Die deutsche Auswahl ist talentiert und eifrig, aber in schwierigen Situationen fehlt es an Wurfhärte und Cleverness. Da wird die Spielkontrolle zu oft aus der Hand gegeben.

Gerade für diese Schlüsselmomente hätte Heuberger natürlich Profis wie Glandorf, Zeitz oder Gensheimer dringend benötigt. Aber man merkt ihm an, dass er nicht mehr klagen will. Die volle Konzentration gilt der Weltmesse. Heuberger weiß, dass sein Team im Konzert der Großen kaum mitspielen kann, weil es im Rückraum hakt. Das bewies die zweite Halbzeit am Samstag, als die deutschen Schützen Kneer, Fäth, Pfahl und Weinhold kaum einmal vernünftig freigespielt wurden. Heuberger hofft, dass der Berliner Sven-Sören Christophersen nach seinem Außenbandriss und der sechswöchigen Pause bis zum WM-Beginn wieder fit wird.

Ansonsten hat er aus der Not eine Tugend gemacht und in Patrick Groetzki, Patrick Wiencek, Steffen Fäth und Kevin Schmidt vier Akteure nominiert, mit denen er 2009 Weltmeister der U21 in Ägypten wurde. „Wir haben genug gute junge Spieler“, sagt Heuberger, „wir müssen ihnen nur vertrauen.“

Groetzki auf Rechtsaußen und der Kieler Wiencek als Kreisläufer und Abwehrfels gelten als gesetzte Spieler - wobei der Bundestrainer dazu neigt, seinem am Samstag erkrankten Kapitän Oliver Roggisch einen Stammplatz zu garantieren. Damit verbunden sind erhebliche Temponachteile, denn Roggisch spielt nur hinten und rennt vor jedem Angriff auf die Auswechselbank. Mit dem in Kiel beweglicher gewordenen Wiencek wären die Deutschen weniger leicht auszurechnen.

„Ich habe selten so eine gute Stimmung erlebt“

Es fiel auf, wie bei deutschen Toren die gesamte Bank aufsprang, wie sich die Spieler anfeuerten und unterstützten. Haaß sagte: „Ich habe selten so eine gute Stimmung erlebt in der Nationalmannschaft. Wenn es uns gelingt, mehr Konstanz zu bekommen, werden wir in Spanien eine gute Rolle spielen.“

Dieses neue Team schleppt keine Altlasten in Form früherer Enttäuschungen mit; es wird in dieser Zusammensetzung sein erstes Turnier erleben. Heuberger meint es eben ernst mit dem Umbruch. Gezwungen wirkt er dabei nicht. Eher erwartungsvoll.

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