Home
http://www.faz.net/-ho4-75thj
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Handball-WM Der Actionheld und seine stille Reserve

 ·  Handballtorhüter sind eine spezielle Spezies: Ohne einen gewissen Spleen geht es nicht. Wenn es aber darauf ankommt, ist einer für den anderen da - so wie Silvio Heinevetter und Carsten Lichtlein auch am Freitag im Spiel gegen Frankreich (18.15 Uhr).

Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (0)
© dpa Trotz guter Leistungen erhebt Carsten Lichtlein keinen Anspruch auf den Platz im Tor

Nur nicht klein beigeben, bloß keine Blöße zeigen. Immer aufrecht bleiben, mit angewinkelten Armen wie ein Hampelmann. Dem Gegner furchtlos entgegenblicken und bereit sein, Kopf und Kragen zu riskieren. Die Hände einsetzen, die Arme, Füße oder Beine oder andere Körperteile. Einfach ganzheitlich präsent sein. Vermutlich wäre all das kaum zu bewältigen für jemanden, der nicht über einen gehörigen Schuss Verrücktheit verfügt. Handballtorhütern muss also ein gewisser Spleen eigen sein, sonst könnten sie sich nicht blindlings den gegnerischen Schützen entgegenwerfen, den Bällen, die mit großer Wucht auf ihr Tor geschleudert werden. Manchmal mit Geschwindigkeiten, die mehr als 100 Kilometer pro Stunde betragen.

Das ist im Alltag so, in der Bundesliga zum Beispiel, und noch größer ist die Belastung bei einer Weltmeisterschaft wie jetzt in Spanien, wo es manchmal zwischen zwei Spielen keinen einzigen Tag Pause gibt. Immerhin, die deutsche Mannschaft mit ihren beiden Torhütern Silvio Heinevetter und Carsten Lichtlein konnte am Donnerstag ein bisschen relaxen. Ein spielfreier Tag - und dazu das beruhigende Gefühl, sich bereits für das Achtelfinale am Sonntag qualifiziert zu haben, vor dem letzten Auftritt in der Vorrunde an diesem Freitag gegen Frankreich (18.15 Uhr in der ARD und im F.A.Z.-Liveticker).

Der Bundestrainer weiß, was er an ihnen hat

Heinevetter und Lichtlein hatten daran ihren Anteil, ohne wirklich geglänzt zu haben. Dafür jedoch gaben sie in den vergangenen Tagen ein gutes Beispiel für ein funktionierendes Miteinander in einem Team, vor allem unter Torleuten. Zwei Hände für Deutschland? Das wäre eindeutig zu wenig. Vier Hände für Deutschland! Das ist zwingend notwendig, speziell im Handball. Martin Heuberger weiß natürlich genau, was er an Heinevetter und Lichtlein hat. Nicht von ungefähr legte er vor der Reise nach Spanien eine Rangordnung fest: Heinevetter vor Lichtlein, eine klare Hierarchie. Und der Bundestrainer hält daran fest, obwohl der Berliner Heinevetter zuletzt allenfalls durchschnittliche Darbietungen gezeigt hatte und erst wieder am Mittwoch beim 29:21 gegen Montenegro einen Aufwärtstrend erkennen ließ. Obwohl Lichtlein gegen Argentinien ein überzeugendes Handwerk abgeliefert hatte, nachdem er für Heinevetter eingewechselt worden war.

Am Mittwoch setzte Lichtlein sich - typisch für den Lemgoer, bezeichnend für das generelle Verhalten unter Handballtorhütern - ohne Murren wieder auf die Bank. „Er ist eher einer von der verträglichen Sorte“, sagt der ehemalige Nationaltorwart Andreas Thiel, der sich noch in der jüngeren Vergangenheit immer wieder als Torwarttrainer im Nationalteam engagiert hat, „es ist nicht sein Naturell, auf den Putz zu hauen.“ Tatsächlich hatte Lichtlein nach seiner tadellosen Leistung gegen Argentinien keinerlei Ansprüche auf Beförderung erhoben, im Gegenteil. Er behauptete einfach, dass im Fall des Falles mit ihm zu rechnen sei. Und dass seine Paraden keineswegs als Fingerzeig an Heuberger verstanden werden sollten, Heinevetter als „Nummer eins“ ablösen zu wollen.

„Er kann ein Team mitreißen“

Thiel, der einstige „Hexer“, bezeichnet das als „branchenübliche Philosophie“. In der Tat sind Reibungen nach Kahn-Lehmann-Manier zwischen Handball-Torleuten eines Teams die Ausnahme. Stattdessen gibt man, für gewöhnlich, einander Beistand in der Hitze eines Handball-Gefechts, in dem Torhüter fast im Minutentakt „unter Beschuss“ geraten. Lobt oder spendet Trost oder reicht dem Kollegen auf dem Spielfeld eine Trinkflasche. Das hat Tradition im Handball, das war auch zu Thiels Zeiten so, beim Umgang mit dem „Konkurrenten“ Stefan Hecker zum Beispiel. „Jeder wollte zwar spielen“, sagt Thiel, „aber wir haben offen miteinander kommuniziert.“ Und akzeptiert, während eines Spiels ausgetauscht zu werden: „Wenn du 15 Minuten keinen Ball angefasst hast“, sagt Thiel, „warst du draußen.“

Er nennt Lichtlein einen „soliden Mann, der mal zu ein paar Highlights in der Lage ist“. Und bescheinigt Heinevetter, Weltklasseniveau zu besitzen - nur die Konstanz, sagt Thiel, fehle ihm noch. Der Berliner kann sich auf alle Fälle des Vertrauens Heubergers sicher sein, und so wird er vermutlich auch zu Beginn der K.o.-Runde zur deutschen Stammformation gehören. „Er kann ein Team mitreißen“, sagt Heuberger über Heinevetter, der trotz seines extrovertierten Wesens betont: „Man darf sich nicht zu wichtig nehmen.“

Der Bundestrainer münzt seine Einschätzung auf die spezielle „Gestik und Mimik“ Heinevetters, auf dessen Neigung, sich unorthodox in seinem Wirkungsraum zu bewegen. Manchmal erweckt Heinevetter dabei den Eindruck, sich als Actionheld für einen Kung-Fu-Film empfehlen zu wollen. Er sagt, dass ihn das selbst bisweilen erstaune. „Hin und wieder weiß ich auch nicht genau, was ich da tue“, sagte er in einem „Spiegel“-Interview. „Mir ist die Technik aber relativ schnuppe, ich will den Ball halten, egal wie.“ Selbst, wenn der Körper darunter leiden sollte. „Im Spiel bin ich so vollgepumpt mit Adrenalin, ich spüre die Schmerzen nicht.“ Schon gar nicht in einem Duell, in dem es um alles oder nichts geht. „Er ist da“, sagt Heuberger kurz und bündig. Soll heißen: Er verlässt sich auf Heinevetter. Notfalls kann er ja immer noch auf die stille Reserve zurückgreifen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1957, Sportredakteur.

Jüngste Beiträge