05.10.2008 · Der zuvor umstrittene Ulrich Strombach wurde beim Handball-Verbandstag mit großer Mehrheit wiedergewählt. Wie weggewischt war manch mutige Ankündigung, das oft selbstherrliche Gebaren des Präsidenten so richtig in Frage zu stellen.
Von Frank Heike, HamburgDas war eine Abstimmung ganz nach dem Geschmack des Ulrich Strombach: 95 der 111 Stimmberechtigten votierten am Samstagabend für den 64 Jahre alten Anwalt aus Gummersbach. Strombach, seit 1998 im Amt, wird den Deutschen Handball-Bund (DHB) drei weitere Jahre führen.
Wie weggewischt war manch mutige Ankündigung aus den Landesverbänden, das oft selbstherrliche Gebaren des Präsidenten beim DHB-Bundestag am Wochenende in Hamburg mal so richtig in Frage zu stellen. Höchstens halblaut wurde Kritik an Strombach auf den Gängen und in den Hallen des „Elysée“ am Dammtorbahnhof geäußert und schon gar nicht offiziell bekundet. Dabei hatten die vor dem Bundestag veröffentlichten Berichte über die zweifelhafte Vergabe der Weltmeisterschaft 2005 beim Kongress 2002 in St. Petersburg doch allen Strombach-Kritikern Munition geliefert.
Vorwürfe gegen Strombach „entbehrten jeder Grundlage“
Der Präsident aber verhielt sich sehr geschickt und glättete die Wogen schon am Vorabend. Am Freitag hatte das Erweiterte Präsidium des DHB sieben Stunden lang getagt, das sich aus den Präsidenten und Vertretern der Regional- und Landesverbände sowie der Ligaverbände (Männer und Frauen) zusammensetzt. Nach zum Teil erregter Diskussion einigte man sich auf eine Erklärung, die am Samstagmittag in Papierform vorgelegt wurde: Die Vorwürfe gegen Strombach „entbehrten jeder Grundlage“.
Im Verlauf der Diskussion soll Strombach daran erinnert haben, dass mancher Sponsorenvertrag ende, sollte er das Präsidentenamt verlieren. Damit war am Samstagmorgen schon klar, dass es ein geruhsamer Nachmittag für Strombach werden würde. Einen Gegenkandidaten im weltweit größten Handballverband hatte es ohnehin nicht gegeben. Wer dann später wenigstens eine bewegte Aussprache erwartet hatte, sah sich getäuscht. Niemand im Saal muckte auf. Strombach verlas eine Erklärung: Es habe zu keinem Zeitpunkt den Versuch gegeben, die Vergabe der WM 2005 zu beeinflussen (siehe auch: Bestechungsvorwurf im Handball: „Da ist der Ulrich bockig“).
„Schlimm, dass nicht offen darüber diskutiert wurde“
Damit Russland als Konkurrent des deutschen Verbandes von einer eigenen Bewerbung absehe, habe der DHB die Russen zum Verzicht überredet „mit der Maßgabe, dass wir die Kosten, die dem russischen Verband bis dahin entstanden sind, übernehmen“. Diese betrugen 50.000 Dollar und wurden in zwei Raten gezahlt. Die WM 2005 erhielt dann jedoch Tunesien. Den Delegierten genügte diese Erklärung. Äußerungen in Tagungspausen, Strombachs Wiederwahl sei ein Ausdruck von Alternativlosigkeit oder es sei „schlimm, dass nicht offen über die Geschehnisse von Petersburg diskutiert wurde“, blieben unerhörte Privatmeinung.
Der sonst so ungeduldige Präsident wirkte am Samstag, als habe er Kreide gefressen. „Ich werde mich nicht vom Saulus zum Paulus entwickeln“, sagte er, „aber wer meint, ich müsse meine Art von Kommunikation ändern, dem will ich sagen, ich werde es versuchen. Auch mit 64 Jahren bin ich noch lernfähig.“ Damit spielte er auf die Kritik mancher Landesfürsten an, er neige zu einsamen Entscheidungen, sei nicht kritikfähig und umgehe gern Diskussionen.
„Mit der Bewerbung gescheitert, aber nicht mit der Idee“
Strombach legte beeindruckende Fakten vor. Der Gewinn des einst maroden DHB lag Ende 2007 bei 543 000 Euro; der Umsatz stieg von vier Millionen Euro im Jahr 2005 auf zwölf Millionen Euro 2007. Ende dieses Jahres läuft der Vertrag mit dem Hauptsponsor CMA aus; Strombach erwartet einen „deutlich verbesserten“ Abschluss mit einem neuen Geldgeber. Er skizzierte das erfolgreiche Abschneiden der deutschen Mannschaften mit dem Höhepunkt bei der WM im eigenen Land und verwies auch auf die starken Nachwuchsteams.
Dass jüngst beim Kongress des Internationalen Handball-Bundes (IHF) in Wien der deutsche Vorschlag einer gemeinsamen Europameisterschaft 2012 in Deutschland für Frauen und Männer mit deprimierendem Ergebnis abgeschmettert wurde, nahm Strombach locker: „Wir sind mit der Bewerbung gescheitert, aber nicht mit der Idee.“ Für 2014 soll ein neuer Anlauf unternommen werden.
„Wir nehmen die Zukunft in die Hand“
Viel Zeit verwendete man darauf, das neue Leitbild des deutschen Handballs vorzustellen. Unter dem Titel „Wir nehmen die Zukunft in die Hand“ hat sich der DHB in mühevoller Kleinarbeit eine „Verfassung des deutschen Handballs“ gegeben – in dieser Form als erster deutscher Sportverband. Grundlagen, Wertvorstellungen und Ziele sind nun in einer 60-seitigen Broschüre festgeschrieben.
Dafür gab es ein ausdrückliches Lob von Thomas Bach, dem Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes. Auch der umstrittene IHF-Präsident Hassan Moustafa, ein Freund Strombachs, war nach Hamburg gekommen. Dem Ägypter war ein Satz so wichtig, dass er ihn gleich zweimal loswurde: „Wenn der Handball in Deutschland gesund ist, ist der Handball weltweit auch gesund.“