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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Handball-Schiedsrichter im Zwielicht Niemand wird verpfiffen

06.03.2009 ·  Die Bestechungsvorwürfe gegen den THW Kiel sind zwar zumindest vorläufig „ad acta“ gelegt. In der Szene rumort es aber weiter. Geschichten von Bestechungsversuchen machen die Runde. Als Kronzeuge bietet sich aber bislang niemand an.

Von Rainer Seele
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Ein Hotel in einer Stadt irgendwo in Europa, ein Haus, das gerne von Handelsreisenden benutzt wird. Niemandem fällt der Mann auf, der mit energischem Schritt das Foyer durchquert, der an der Rezeption nicht nach einem Zimmerschlüssel fragt oder nach einer Zimmernummer, der in den Aufzug steigt, ein Stockwerk wählt und weiß, an welcher Tür er klopfen muss. Er gibt dem Mann, der ihm öffnet, eine Tasche, es wird kein Wort gesprochen. Das war so vereinbart. Die beiden Männer gehen schnell wieder auseinander. Der Hotelgast wirft nur einen flüchtigen Blick auf das, was der Unbekannte ihm gebracht hat. Geldnoten, bündelweise. Er kennt den Betrag, er ist sich sicher, dass er ihn nicht überprüfen muss: 50.000 Euro. Am Abend ist er im Einsatz, er ist Schiedsrichter. Er leitet mit seinem Partner ein wichtiges Spiel. Die beiden machen einen guten Job: Die Heimmannschaft gewinnt. Sie feiert einen großen Triumph.

Das ist eine fiktive Geschichte, frei erfunden. Überzogen? Fahrlässig, ein solches Geschehen mit dem Sport zu verbinden, mit dem Handball beispielsweise? Solche Treffen könnten zustande kommen, zweifelsohne. Sie dürften nicht alltäglich sein, das gewiss nicht. Aber 50.000 Euro können in diesem Zusammenhang schon mal den Besitzer wechseln, das ist nicht aus der Luft gegriffen. Über solche Summen wird im Handball geredet, sie gelten, wie es heißt, für ein Finale im Europapokal. Damit ließe sich, so ist zu hören, das Wohlwollen jener Männer erwerben, die eine bedeutende Wächterfunktion ausüben.

Keine Kronzeugen, keine Quittungen

Heikle Hinweise, für die niemand mit seinem Namen steht. Diese Dinge können schließlich nicht belegt werden, es gibt keine Kronzeugen, keine Quittungen. Und doch: Der Verdacht der Bestechung im Handball-Europacup, der gerade in Deutschland für Schlagzeilen gesorgt hat, taucht immer wieder auf, der Handball muss sich mit diesem Sujet auseinandersetzen wie andere Sportarten auch. Gerade machte ein spanischer Klub, Ademar Leon, darauf aufmerksam, er legte deswegen sogar Beschwerde beim Europäischen Handballverband (EHF) ein. Die Spanier hatten in der Champions League 30:32 gegen das Team aus Veszprem verloren, sie klagten über ein merkwürdiges Verhalten der Referees. Dahinter steckte Methode, das behauptete jedenfalls der Präsident von Ademar Leon, Juan Arias. Und er scheint ernüchtert zu sein. Er hege kaum Hoffnung, dass sich irgendetwas ändern werde, sagte Arias. „Wir haben nicht die Absicht, in das Spiel der Vergünstigungen und Geschenke einzusteigen, denn unser Verhalten war immer sehr gut.“

Also doch: Mögliche Manipulationen in einem Sport, der in den zurückliegenden Jahren eine rasante Entwicklung genommen hat, dessen Popularität stetig stieg, auch in Deutschland. Dort ist der Handball, ein Sport voller faszinierender Handgreiflichkeiten, ohnehin fest verwurzelt. Aber den unlauteren Wettbewerb, der auch auf dem Gebiet des Internationalen Handballverbandes Unruhe hervorruft, soll es ja auch schon früher gegeben haben. Im Zuge der schweren Turbulenzen um den deutschen Meister THW Kiel (siehe: Handball: Düsteres Szenario und Bestechungsvorwürfe: Weiterhin Aufregung in der Handball-Bundesliga), der alle Vorwürfe zurückwies und inzwischen auch vom Ligaverband der Handball-Bundesliga (HBL) entlastet wurde, offenbarte sich ein ehemaliger deutscher Schiedsrichter.

Es war keine Selbstanzeige, der Lübecker Manfred Bülow erzählte von allgemeinen internationalen „Gepflogenheiten“. Von Versuchen von Vereinen, die Unparteiischen gnädig zu stimmen. Mit teuren Uhren, die auf das Hotelbett gelegt worden waren. Mit dem Angebot, den Abend in weiblicher Begleitung zu verbringen. „All das war keine Seltenheit“, sagte Bülow den „Lübecker Nachrichten“. Auch Geldofferten spielten eine Rolle, Briefumschläge, in denen ein „Zusatzhonorar“ überreicht wurde. Das soll internationaler Standard gewesen sein, und Bülow sagte: „Leider waren einige Kollegen von uns, gerade aus den osteuropäischen Ländern, da auch empfänglich.“

Die Szene will weitere Schäden vom Handball abwenden - durch Schweigen

Es ist erstaunlich, dass jemand aus der Zunft sich so äußert, schließlich herrscht auf diesem brisanten Terrain prinzipiell das Gesetz des Schweigens: Niemand wird verpfiffen. So gab sich jetzt auch Hans Werner, der Vorsitzende des Aufsichtsrates der HBL, sehr erstaunt über die Aussagen von Bülow. „Die Kommentare haben mich fast umgehauen.“ Dass sich solche Unregelmäßigkeiten auch im deutschen Handball ereignen könnten, betrachtet Werner als unvorstellbar: „Das schließe ich kategorisch aus.“ Ein anderer deutscher Schiedsrichter, der ebenfalls nicht mehr aktiv ist, hatte einst schlechte Erfahrungen gemacht, als er – ähnlich wie nun Bülow – auf Missstände in der Szene hinwies. Er sei dafür bitter bestraft worden, man habe ihn aus allen Verbänden entfernt, „ich werde nie wieder etwas dazu sagen, sonst habe ich wieder ein Verfahren am Hals“. Der Mann hatte sich angeblich sogar schriftlich verpflichten müssen, keine Anschuldigungen mehr zu erheben.

Natürlich geht es immer wieder auch darum, die Dinge möglichst nicht eskalieren zu lassen, Schaden vom Handball abzuwenden oder ihn wenigstens zu begrenzen. In der hitzigen Diskussion um den THW Kiel war das nicht anders. Der Däne Jesper Nielsen, der mit seinem Unternehmen Sponsor der Rhein-Neckar-Löwen und außerdem persönlicher Gesellschafter bei dem Kieler Bundesliga-Konkurrenten ist, sagte unlängst, dass man eigentlich Ruhe und Frieden haben wolle. „Der Seegang ist für den deutschen Handball im Moment ein bisschen zu heftig.“ Daran hätten auch die Löwen „mit Blick auf unsere eigenen geschäftlichen Aktivitäten“ kein Interesse. Durch einen Vorstoß aus Mannheim waren die Kieler erst an den Pranger gestellt worden. Allerdings wurde die Quelle für die Gerüchte um einen vermeintlich sittenwidrigen Handel bis heute nicht genannt.

Vielleicht interessiert sich die EHF für den Fall

Die Angelegenheit ist zwar für die HBL beendet (siehe: Bestechungsvorwürfe: Handball-Bundesliga stellt Ermittlungen ein), trotzdem sorgt sie weiter für Gesprächsstoff. Die Kieler Staatsanwaltschaft schaltete sich ein, sie ersuchte um Informationen. Vielleicht wird die Sache auch am Montag in Wien behandelt, wenn sich die EHF mit Champions-League-Teilnehmern, also auch mit dem THW Kiel, zu einem Workshop trifft. Dort soll vor allem über die Zukunft, über die Weiterentwicklung der Champions League gesprochen werden.

Aber auch der Fall Leon könnte in Österreich zu einem Thema werden. „Er gibt Anlass zur Sorge“, sagt der Schweizer Markus Glaser, der sich bei der EHF um die Sparte Spieltechnik kümmert. Eine große Brisanz scheint die europäische Handball-Föderation jedoch selbst in der harschen Kritik der Spanier nicht zu sehen, sie hält ihre Schiedsrichter grundsätzlich für integer. Eine Tendenz zu Bestechlichkeit sei nicht zu erkennen, behauptet der österreichische EHF-Generalsekretär Michael Wiederer.

Vor kurzem wurde zwar ein Paar, das ein Spiel in der Champions League gelenkt hatte, mit einer vorübergehenden Auszeit bestraft. Man habe es damit, sagt Glaser, „ein bisschen aus der Schusslinie“ nehmen wollen. Den beiden Herren, die eigentlich auf die Einhaltung der Regeln zu achten hatten, war aber „nur“ ein Fehler unterlaufen – sie hatten eine Mannschaft kurzzeitig mit sieben statt sechs Feldspielern agieren lassen. Einen Fall, in dem ein Referee wegen verbotener Praktiken angeklagt worden wäre, kann Glaser nicht nennen.

Der Schiedsrichter hat zu viel Macht

Immerhin, aus der aktuellen Debatte um angebliche Verfehlungen in kleinerem und größerem Stil könnte sogar eine Hilfe, auch finanziell, für die Schiedsrichter im Handball erwachsen, die sich in einem besonderen Spannungsfeld bewegen. Sie werden einerseits in einem Sport, in dem mittlerweile mit beträchtlichen Etats hantiert wird, in dem dazu ein Millionenpoker um Stars entstanden ist, nur mäßig für ihre Dienste entlohnt. Sie genießen andererseits zwar erhebliche Machtbefugnisse, die Richtlinien im Handball gewähren ihrer Spezies einen erheblichen Ermessensspielraum. Und doch gestaltet sich ihre Aufgabe immer schwieriger, da im Handball, einem Sport auf engem Raum, das Tempo in der jüngeren Vergangenheit deutlich gestiegen ist. Die Anforderungen, sagt Hans Thomas, Schiedsrichter-Lehrwart beim Deutschen Handball-Bund, seien wesentlich intensiver als etwa beim Fußball. Nach neuesten Statistiken treffen Handball-Schiedsrichter in einem einzigen Spiel bis zu 350 Entscheidungen – Pfiffe fast im Sekundentakt (siehe auch: Weltmeistertrainer Vlado Stenzel: „Dem Schiedsrichter die Macht übers Spiel nehmen“).

Der rasante Fortschritt fordert das Wachpersonal, das noch dazu häufig von wütenden Zuschauern und wild gestikulierenden Trainern stark bedrängt wird, aufs äußerste. „Wir versuchen ja mitzuhalten“, sagt Bernd Ullrich, einer der besten deutschen Schiedsrichter, „aber wir sind die Amateure in diesem Sport.“ Für manchen sind er und seine Mitstreiter schlichtweg auch „arme Schlucker“. In der Bundesliga erhalten sie pro Auftritt 500 Euro für ihre sportive Nebenbeschäftigung, in der Champions League werden 400 Euro gezahlt. Dass die Zuwendungen erhöht werden sollen, dass das Schiedsrichterwesen grundsätzlich reformiert werden muss, ist auch für den Spielermanager Wolfgang Gütschow ein Gebot der Stunde. „Die Leute fliegen durch die halbe Welt für ein paar Euro Spesen.“

Einst soll beispielsweise der frühere russische Nationaltrainer Wladimir Maximow so sehr Mitleid mit den Unparteiischen gehabt haben, dass er bei Olympischen Spielen zumindest russischen Landsleuten Essen aus dem Olympischen Dorf zukommen ließ, unter anderem Hamburger. Vorschläge, was geändert werden könnte, kommen auch aus Düsseldorf, von Gerd Butzeck, der die Interessen führender europäischer Handballteams vertritt. Er plädiert dafür, Regeln zu vereinfachen, um so auch Druck von deren Hütern zu nehmen. Er regt an, die Namen der Schiedsrichter bei Europapokalspielen erst kurzfristig bekanntzugeben, um so mögliche Mauscheleien einzudämmen. Butzeck hält außerdem ein höheres Schiedsrichter-Salär für sinnvoll. Die EHF sagt, sie wolle sich damit beschäftigen. Sie erweckt aber nicht den Eindruck, in Eile zu sein. Dabei herrscht doch Alarmstimmung. Und Handlungsbedarf. Der Preis könnte sonst sehr hoch sein für den Handball.

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Jahrgang 1957, Sportredakteur.

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