04.10.2008 · Olympia, Liga, Pokal, Champions League - für Handballspieler gibt es keine Chance zum Verschnaufen. Vor allem die Top-Teams wie Kiel und Hamburg, die an diesem Sonntag aufeinandertreffen, sind gebeutelt. Und Besserung ist nicht in Sicht.
Von Frank Heike, HamburgNach dem „größten Ereignis der Menschheit“ kam: Dormagen. Als die vier französischen Goldmedaillengewinner noch in den Erinnerungen an Peking schwelgten, ging es in der Bundesliga längst schon wieder um Punkte. Keine Zeit zum Freuen: So ist das im Handball, wo dieses Mal genau eine Woche zwischen dem olympischen Finale und der offiziellen Saisoneröffnung 2008/2009 durch den Supercup in München lag.
Ein paar Tage später waren die mit Gold geschmückten Kieler Nikola Karabatic und Thierry Omeyer und die dekorierten Teamkollegen vom HSV, Bertrand und Guillaume Gille, ganz unsanft auf dem Boden der Tatsachen aufgeprallt: Zunächst enttäuschte der THW Kiel in seinem ersten Heimspiel, kurz danach schrillten beim HSV Hamburg die Alarmglocken. Die Kieler hatten es fertiggebracht, zu Hause remis zu spielen, der HSV hatte auswärts sogar verloren. Beide Male hieß der Gegner: TSV Dormagen.
Guillaume Gille: „Olympia? Das nimmt mir keiner mehr“
Eben noch beim wichtigsten Sportereignis der Welt die französische Hymne gehört, dann die Blamagen gegen den Aufsteiger aus der westdeutschen Provinz – wenn an diesem Sonntag der deutsche Meister aus Kiel auf den großen Rivalen aus Hamburg trifft (14.45 Uhr / Live im FAZ.NET-Liveticker), geht es immer noch darum, die Nachwehen der Olympischen Spiele auszukurieren.
Der 32 Jahre alte Guillaume Gille war völlig übermannt von seinen Gefühlen, nachdem die Franzosen Ende August im Finale von Peking die Mannschaft aus Island besiegt hatten. Die Tränen rannen über sein Gesicht. Als er nach Hamburg zurückkam, sagte er: „Ich habe an einem der größten Ereignisse der Menschheit teilgenommen und kehre als Olympiasieger zurück. Das nimmt mir keiner mehr.“
„Alle sagen, wir haben die beste Mannschaft“
Gille ist der Kapitän des HSV, ein Vorbild an Einsatz wie sein Bruder. Nun, nach dem Fehlstart der Hamburger, sagt er zerknirscht: „Durch Olympia, die Neuzugänge und Verletzte ist es schwierig für uns. Wir hatten ja gar keine gemeinsame Vorbereitung. Es ist natürlich nicht unser Anspruch beim HSV, mit vier Minuspunkten in die Saison zu starten.“ Schon steht Trainer Martin Schwalb unter Druck, denn der mächtige Präsident und Geldgeber Andreas Rudolph fordert einen Titel.
Dabei hat der HSV am wenigsten von den Olympischen Spielen gehabt: Es kam ein Schwerverletzter zurück (Pascal Hens), ein Dauerverletzter (Torsten Jansen) und mit den Gille-Brüdern zwei glückselige Profis, die erst einmal nicht an Handball denken mochten. Eine Niederlage in Kiel, und für die Hamburger wäre der Titelkampf womöglich schon verloren. Schwalb sagt: „Alle sagen, wir haben die beste Mannschaft aller Zeiten. Da kann ich nur sagen: wo denn? Hoffentlich spielen sie auch alle mal.“ Hens kann zwar wieder ohne Krücken gehen, wird aber in diesem Jahr kaum noch fit werden.
Die Devise in Peking für die „Deutschen“: durchspielen
Während Guillaume Gille in Peking nur selten zum Einsatz kam, zählte sein 30 Jahre alter Bruder Bertrand zusammen mit Daniel Narcisse (Chambéry) und den Kielern Karabatic und Torwart Omeyer zu den Leistungsträgern der französischen Nationalmannschaft. Für die drei „Deutschen“ galt in Peking die Devise: durchspielen. Pausen erlaubte Nationaltrainer Onesta nur, wenn die Partien kurz vor Schluss schon entschieden waren.
Karabatic überragte bei seinem ersten großen Turnier als Spielmacher, und man darf gespannt sein, wann der neue Kieler Trainer Alfred Gislason den weltbesten Handballspieler dauerhaft auch beim THW auf die Mittelposition stellt. Für den 24 Jahre alten Karabatic war der Triumph von Peking ein lang ersehntes Ziel, aber auch eine schmerzhafte Angelegenheit: Wegen Problemen am Ellenbogen des Wurfarms musste er zuletzt lange pausieren. Doch auch ohne ihn gelang dem THW – abgesehen vom Remis gegen Dormagen – ein guter Start in die Saison.
Alle drei Tage wieder ein Spiel - Dormagen ist überall
Das Spiel gegen den HSV wird der erste harte Belastungstest zu Hause. Es war aber auch eine willkommene Verletzung, die Karabatic mit seinen fast 100 Einsätzen im Spieljahr 2007/2008 endlich einmal eine Auszeit beschert hat. Er hatte schon im Mai 2008 im Gespräch mit dieser Zeitung angekündigt, demnächst notfalls Einladungen der Nationalmannschaft auszuschlagen, um notwendige Ruhephasen zu bekommen (siehe auch: Nikola Karabatic: „Wir spielen in einem kranken Rhythmus“).
Jüngst bekräftigte Karabatic dies – ohne Gehör zu finden. Bei der EHF-Tagung in Wien am vergangenen Wochenende beschlossen die Verbände, erst einmal alles so zu belassen, wie es ist. Also jedes Jahr eine Großveranstaltung. Bis 2012 zumindest. Ob Goldmedaillengewinner oder nicht: Für die Spieler geht in der nun beginnenden ersten heißen Phase der Saison mit Topspielen in Bundesliga, Pokal und Champions League also alles so weiter wie bislang. Alle drei Tage ein Spiel. Dormagen ist überall.