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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Handball Kieler Wundertüteneffekt

 ·  Der THW Kiel bleibt die Nummer eins im hohen Norden. Mit dem 41:33-Sieg im schleswig-holsteinischen Prestigeduell gegen Flensburg sendet der Serienmeister einen Gruß zum Konkurrenten nach Hamburg. Flensburg droht hingegen weiterer Bedeutungsverlust.

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Das Fernsehprogramm am Dienstagabend muss interessant gewesen sein, zumindest so ansprechend, dass Alfred Gislason die Pflicht ausließ. „Ich habe mir den HSV nur ein paar Minuten angesehen und dann umgeschaltet“, sagte der Trainer des THW Kiel. Tatsächlich? So entging ihm die eindrucksvolle Vorstellung des Kieler Meisterschaftsrivalen: 34:25 hatte der HSV in Lemgo gewonnen und die Tabellenführung übernommen. Mit dem Ausdruck größter Gelassenheit sagte Gislason: „Mir war nach zehn Minuten klar, dass die Lemgo so hoch schlagen.“ Bloß keine Regung, bloß keine Schwäche zeigen im Kampf der Schwergewichte im deutschen Handball, der schon nach sieben Spieltagen auch abseits des Parketts ein Gerangel um vermeintliche und tatsächliche Vorteile ist.

So wollte kein Kieler das noch eindrucksvollere 41:33 des THW bei der SG Flensburg-Handewitt einen Tag später als Antwort auf den Hamburger Sieg verstanden wissen. Dabei war es doch ein Triumph der alten, zuletzt verschütteten Kieler Qualitäten gewesen: Tempo, Tempo, Tempo, und niemals nachlassen. „Wir sind wie die Verrückten nach vorn gerannt“, sagte Nationalspieler Dominik Klein. Doch eine Antwort auf Hamburg, eine Kampfansage gar? Klein sagte: „Siege im Derby zählen für sich. Wir schauen nur auf uns und von Spiel zu Spiel.“

Eine langweilige Replik. Sie beinhaltet aber einen Teil des Kieler Erfolgsgeheimnisses der letzten zehn Jahre. Auch Gislason, vom „beinahe perfekten Spiel“ seiner Mannschaft verzückt und bester Laune, wollte nichts von einer Reaktion auf die Leistung der anderen wissen – warum auch. Kiel steht für sich und braucht keinen Tempomacher im Titelrennen. Die Sticheleien zwischen den Nordrivalen haben trotzdem längst begonnen; so wird es auch bleiben. Gislason sagte: „Der HSV muss nur zwei Neue in eine bestehende Mannschaft einbauen, bei uns sind drei weg, und wir müssen uns erst einspielen.“

Mini-Krise plus Aussprache

Sprenger, Ilic und Narcisse für Kavticnik, Karabatic und Lövgren – das sind die Namen, die die Umbauarbeiten im Kieler Kader etikettieren. Für Gislason hat die Zeit als THW-Trainer jetzt erst richtig begonnen. Im Vorjahr erntete er noch, was Serdarusic gesät hatte. Nun ist es seine Mannschaft mit seinem System, die alle drei Titel holen soll. Der Kader ist stark wie nie. Doch ausgerechnet hier lauert eine Schwäche: Beim Heim-Remis gegen Lemgo wechselte Gislason zu viel. Danach gab es eine Sitzung, mit Klein als einem der Wortführer. Auch hier, bei der internen Kommunikation, müssen neue Hierarchien gebildet werden. Klein sagte: „Ich bin jetzt in einer Position, in der ich mir zutraue, auch mal etwas zu sagen. Aber jeder in unserer Mannschaft hat eine Stimme. Wir haben uns nach Lemgo gefragt, warum wir unsere Stärke verloren haben, das Nachsetzen, das Tempospiel.“

Eine Mini-Krise plus Aussprache genügte, um den Zug wieder in die Gleise zu setzen: Nach Lemgo folgte der Champions-League-Sieg in Barcelona, nun der Erfolg beim großen Rivalen von einst. „Ohne Lemgo wären diese Spiele nicht möglich gewesen“, sagte Gislason nach einer turbulenten Woche.

Flensburger Bedeutungsverlust

Im früher klar strukturierten Spiel des THW gibt es durch die Neuen nun den Wundertüteneffekt. Entdecke deine Möglichkeiten – das ist das Kieler Motto. Filip Jicha als treffsicherer Spielmacher, Momir Ilic (dreizehn Tore) auf der Karabatic-Position, Sprenger als rasender Rechtsaußen: Das genügte, um Flensburg zu demütigen. Sogar einen formschwachen und als Anführer überforderten Marcus Ahlm kann sich dieser THW Kiel leisten. Noch hat das Kieler Spiel eine ungewohnte Störanfälligkeit, doch die individuelle Klasse kann das übertünchen. Flensburg staunte nur. „Wenn Kiel so spielt, sind sie die beste Mannschaft der Welt“, sagte Linksaußen Anders Eggert. Am Sonnabend kann sein Urteil womöglich revidiert werden. Flensburg spielt beim HSV.

Für die SG war die hohe Niederlage nächster Beleg für den schleichenden Bedeutungsverlust des Meisters von 2004. Lars Christiansen sagte: „Es ist bitter, so eine Klatsche zu bekommen, wenn man jahrelang auf Augenhöhe mit dem THW war.“ Die SG ist nicht mehr mit dem Team der Jahre von 2000 bis 2007 zu vergleichen; das wissen auch die Fans: Sie applaudierten am Ende, wie man es als Anhänger eines Außenseiters nach ordentlicher Leistung gegen den großen Favoriten macht. FRANK HEIKE

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