Ist Balingen-Weilstetten für den deutschen Handball wichtiger als der THW Kiel? Ansichten von Rolf Brack, der als „Handball-Professor“ gilt. Er ist Trainer des Bundesliga-Zwölften HBW Balingen-Weilstetten, dessen Spieler als „Gallier von der Alb“ bezeichnet werden - und dazu Trainingswissenschaftler an der Universität Stuttgart. Bei dem 58 Jahre alten Brack studierte einst auch der „Fußball-Professor“ Ralf Rangnick. An diesem Samstag (20.15 Uhr) spielt Balingen-Weilstetten bei der TuS N-Lübbecke.
Trainieren Sie in der Bundesliga die falsche Mannschaft?
Für mich ist das Ganze regional begrenzt, weil ich durch die Uni gebunden bin. Und ich bin ein Trainer, der von der Kontinuität und von der langjährigen, trainingsmethodisch fundierten Arbeit lebt. Es hat sich auch nie einer der drei jeweiligen Topklubs bei mir gemeldet.
Immerhin sind Sie schon mal als Bundestrainer-Kandidat ins Gespräch gebracht worden. Da müssten Sie doch fähig sein, ein Team mit Titelambitionen zu betreuen.
Ich messe meinen Erfolg daran, dass meine Spieler von Jahr zu Jahr besser werden. Für die Topvereine gilt ein Trainer nur dann als erfolgreich, wenn er auch Titel gesammelt hat. Andere Kriterien finden wenig Berücksichtigung, weder im Verband noch in den Vereinen. Es gibt dort kaum den Mut wie beispielsweise im Fußball, wo ein Jürgen Klopp auch ohne Titel zu einem Topklub wie Borussia Dortmund gekommen ist und bewiesen hat, dass er anderen Kollegen ein bisschen überlegen ist in Bezug auf Training- und Wettkampfsteuerung und in der Mannschaftsführung.
Das klingt ein bisschen verbittert.
Klar, wer wäre nicht gerne Bundestrainer? Aber die Tätigkeit an der Uni und dazu der adrenalinorientierte, von Glück und Zufall abhängige Job im Handball ist für mich ein sehr zufriedenstellendes, glücklich machendes Dasein. Und ich muss im Verein nicht so geradlinig sein, ich kann dort auch mal ein bisschen gegen den Strom schwimmen, mit einer innovativen Strategie. Wir wechseln in Balingen zum Beispiel die Feldspieler im Block, wie im Eishockey. Und wir riskieren sehr viel im Sinne von Kamikaze-Situationen, weil wir die Spiele nicht so leicht und souverän bestreiten können wie der THW Kiel.
Mal bei einem Team wie dem THW Kiel und mit einem Etat von schätzungsweise zehn Millionen Euro zu arbeiten, das wäre aber doch was.
Das ist richtig. Der Kieler Trainer Alfred Gislason hat ja auch bei mir die Trainerausbildung gemacht. Es macht mich stolz, dass er mich mal als einen der besten Trainer der Welt im Handball charakterisiert hat. Einmal im Spitzenbereich tätig zu sein ist immer noch ein Traum von mir. Ich würde für die Zukunft nichts ausschließen. Ich habe schon einen Hang zum Abenteuer.
Beeindruckt Sie die makellose Kieler Bilanz in der Bundesliga, oder sehen Sie darin eher eine Gefahr für die Liga?
Bei Kiel ist in diesem Jahr alles top gelaufen. Und es ist zu befürchten, dass der THW weiter einsam die Kreise zieht. Aber man muss schon aufpassen, dass eine Spannung in der Liga erhalten bleibt und nicht das Problem eines Serienmeisters entsteht wie im Wasserball durch Spandau Berlin.
Worin besteht für Sie der Reiz an Balingen-Weilstetten, an einem Team, mit dem Sie das letzte Tabellendrittel vermutlich in absehbarer Zeit nicht verlassen können?
Das ist wie in Freiburg im Fußball, dass ein Klassenverbleib als großartiges Resultat gefeiert wird. Immerhin haben wir auch ein Wachstum zu verzeichnen. Wir haben mittlerweile einen Etat von 2,5 Millionen Euro. Er hat sich in den acht Jahren, in denen ich dabei bin, mindestens versechsfacht. Wir haben jetzt 20 Punkte in der Liga, bei uns kostet ein Punkt also nur 125.000 Euro. Das ist schon eine beachtlich höhere Effizienz als bei allen anderen Teams. Das Ganze geht über ein Konzept mit einer unglaublich hohen Identifikation von mittelständischen Firmen mit dem Handball. Und über ein Konzept mit einer jungen, bodenständigen Mannschaft. Es gibt im nächsten Jahr nur einen Spieler, der aus Österreich kommt, und der zweite Torwart stammt aus der Slowakei. Wir werden 16 deutsche Spieler haben, die Hälfte davon ist unter 23 Jahre alt. Wir haben in der Liga neben dem TV Hüttenberg mit 88 Prozent den höchsten Anteil an deutschen Spielern.
Eine Frage des knappen Geldes vor allem?
Talentierte Spieler aus dem Ausland wären sogar günstiger als deutsche Spieler, etwa Junioren-Nationalspieler, die sehr begehrt sind. Um die muss man wirtschaftlich ganz schön kämpfen. Wir haben als Ausbildungsverein über die Jahre sehr viele Spieler entwickelt und wieder verloren, beispielsweise Martin Strobel oder Adrian Pfahl, der kurz bei uns war und dann schnell weggekauft wurde.
Ist Balingen-Weilstetten für den deutschen Handball, für das Nationalteam, mit seinem „deutschen Modell“ sogar wichtiger als der THW Kiel oder der HSV Hamburg?
Es ist auf alle Fälle ein absolutes Vorzeigemodell. Wir setzen in die Tat um, was im deutschen Handball gefordert wird. Andere reden darüber, und wir tun es. Die Probleme des deutschen Handballs immer wieder auf die vielen Ausländer in der Liga zu schieben, finde ich sehr oberflächlich. Und es ist auch unglaublich kurz gedacht, über eine Quotenregelung zu diskutieren. Da wäre zu befürchten, dass die deutschen Quotenspieler die Kaderplätze 13 bis 16 besetzen würden anstatt in der zweiten Liga Schlüsselstellen einzunehmen. Es gibt genügend deutsche Spieler, die auf den tragenden Positionen eingesetzt werden können. Aber es gibt zu viele Trainer, die auf den kurzfristigen Erfolg achten müssen und deswegen lieber auf vermeintlich bessere Ausländer zurückgreifen.
Vom Erfolgsdruck kann sich natürlich, auf anderer Stufe, auch der neue Bundestrainer Martin Heuberger nicht lösen. Trauen Sie ihm ein neues Denken und nach der verpassten Olympia-Qualifikation einen Aufschwung mit dem Nationalteam zu?
Ich habe schon den Eindruck, dass er einen sehr guten Job macht, allein was die Kommunikation angeht. Er hat mit mir im letzten halben Jahr knapp zehnmal telefoniert, zehnmal mehr als sein Vorgänger. Aber ich will mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen mit Schuldbehauptungen, weil sachlich geäußerte Kritik sehr schnell persönlich genommen wird und man dann als Nestbeschmutzer bezeichnet wird.
Was sollte denn noch umgekrempelt werden im Deutschen Handball-Bund?
Ich würde mir wünschen, dass man auf der obersten Ebene im DHB nicht immer Leute wegen ihrer potentiellen Konsensfähigkeit um sich schart, sondern auch Querdenker in die Entscheidungsprozesse einbezieht und man mit fruchtbaren, dissensorientierten Diskussionen etwas voranbringt. Man sollte alles dem Erfolg unterordnen und nicht persönlichen Annehmlichkeiten. Es gibt schließlich in Deutschland genug Leute, die vom Handball sehr viel verstehen, aber dem Verband vielleicht nicht stromlinienförmig genug sind.
Woran erkennen Sie im Alltag, dass das Image des deutschen Handballs in den vergangenen Jahren zumindest durch das enttäuschende Abschneiden des Nationalteams bei großen Turnieren gelitten hat?
Ich sehe an der Uni, dass Sportarten wie Basketball inzwischen deutlich stärker gefragt sind. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass im Handball nach dem WM-Gewinn 2007 eine gewisse Selbstgefälligkeit an den Tag gelegt wurde. Ich sage immer: Vor allem Sieger müssen lernen. Das hat man im Handball ein bisschen vernachlässigt.