Home
http://www.faz.net/-gub-tn76
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Handball Heiner Brand – der einsame und machtlose Mahner

14.12.2006 ·  Viel verletzte Handballprofis kurz vor der WM im eigenen Land sind ein großes Problem für Bundestrainer Heiner Brand, der nach dem 33:25 über Schweden eine weitere Schwierigkeit beklagte: Zu wenig Deutsche in der Bundesliga.

Von Frank Heike, Kiel
Artikel Bilder (6) Lesermeinungen (0)

Es waren die bekannten Probleme, mit denen sich Heiner Brand am Mittwoch abend in Kiel plagte – verletzte Handballprofis. Spielmacher Michael Kraus von Frischauf Göppingen hatte sich im Training an der Hand verletzt und mußte passen, der Hamburger Linksaußen Torsten Jansen fiel wegen eines Muskelfaserrisses aus. So addierte sich die Zahl der fehlenden Stammspieler auf sieben: auch Pascal Hens, Florian Kehrmann, Oleg Velyky kämpfen noch mit den Folgen von Verletzungen, und die beiden Magdeburger Oliver Roggisch und Johannes Bitter waren nicht mit nach Kiel gereist, weil sie am Dienstag noch für den SCM im DHB-Pokal gespielt hatten.

Wieder einmal mußte Bundestrainer Brand viel ausprobieren, doch am Ende gewann die deutsche Nationalmannschaft den letzten Test im diesem Jahr 33:25 gegen Schweden. Brand sagte: „Wir haben uns nach holprigem Start gefangen, uns erheblich gesteigert und einen verdienten Sieg eingefahren. Gefreut hat mich, daß einige Spieler überzeugt haben, die sonst nicht so im Blickpunkt stehen.“

Wie so oft: mehr Deutsche in Topklubs gefordert

Es war ein wichtiger Sieg nach einer überzeugenden Leistung gegen die nicht für die Weltmeisterschaft in Deutschland qualifizierten Schweden. 36 Tage vor Beginn des erhofften Handballfestes hierzulande stand vor allem ein Spieler im Blickpunkt, der ansonsten zur zweiten Garde gehört: Lars Kaufmann. Der Rückraumspieler aus Wetzlar warf sechs Tore und vertrat Pascal Hens gut. Auch Kaufmann schloß Brand in sein Lob ein. Ein paar Tage vor dem Kieler Test hatte sich Brand in einem Interview über die Lage des deutschen Handballs und dessen Zukunft mit einigen provokanten Thesen geäußert.

Brand geht es vor allem darum, demnächst mehr deutsche Spieler in den Reihen der Bundesligaklubs zu sehen – schon jetzt ist die Auswahl an deutschen Profis für ihn sehr gering, zumal bei den Spitzenklubs SG Flensburg-Handewitt und THW Kiel. Es ist eine immer wiederkehrende Debatte: Brand wünscht sich mehr Deutsche bei den Topklubs, die weisen darauf hin, daß ihnen deutsche Spitzenkräfte im Vergleich mit Skandinaviern oder Südosteuropäern zu teuer seien.

„Mischung aus Dreistigkeit, Unwissenheit, Egoismus“

Brand sagte: „Ich habe großen Respekt vor der Leistung des THW Kiel und bis zu einem gewissen Punkt auch Verständnis für deren Argumente. Der Österreicher Szilagyi war in Dormagen und Essen ein Durchschnittsspieler. Unter dem Kieler Trainer Serdarusic wurde er dort zum Topmann.“ Brand stellte die Frage: „Was wäre, wenn ein Klassetrainer wie Serdarusic vor zwei Jahren nicht Szilagyi, sondern Lars Kaufmann in die Hände bekommen hätte?“ Dann wäre Kaufmann wohl heute Stammspieler der Nationalmannschaft.

Brand fühlt sich oft wie der einsame Mahner in Sachen Handball. Der Ligaverband HBL hatte sich zuletzt gegen den von Brand begrüßten Vorschlag entschieden, vier deutsche Spieler pro Mannschaft zu unterhalten. Man konnte sich nicht einmal auf zwei Deutsche einigen. Das Hauptargument der Klubs: es gebe dann eine regelrechte Preistreiberei um die verbleibenden deutschen Spieler. Brand sagte dazu: „Ich war erschrocken, wie die HBL in einer Mischung aus Dreistigkeit, Unwissenheit und Egoismus eine Selbstbeschränkung bei ausländischen Spielern abgeschmettert hat. Die jetzige Lösung ist mir zu halbherzig.“

Entschlackung des Terminkalenders

Brand weiß selbst, daß die Vereine immer den eigenen Erfolg im Auge behalten werden, ja müssen, und er weiß auch, daß die Klubs nie zum Ausbildungslager der Nationalmannschaft werden. Die Liga ist keine Solidargemeinschaft. Aber genau das fordert Brand im Sinne des Handballs: Solidarität. „Als Bundestrainer kann ich nur begrüßen, wenn deutsche Nachwuchsleute bei Spitzenklubs geformt und großen Herausforderungen ausgesetzt werden. Ich kann es mir aber nicht nur wünschen, ich muß es fordern“, sagt Brand.

Auch die zuletzt gegründete Vereinigung der europäischen Spitzenklubs sieht Brand kritisch. Sie fordert eine Entschlackung des internationalen Terminkalenders, vor allem auf Kosten von Länderspielen. EM und WM sollen ihrer Meinung nach nicht mehr jedes Jahr stattfinden, um die Belastung der gestreßten Spieler besser zu dosieren. Zugleich aber wird die Champions League ab der kommenden Serie um eine Gruppenphase aufgeblasen. Das kann Brand nicht gefallen.

„Verständlich, daß Klubs an ihr Personal denken“

Er sagt: „Es ist verständlich, daß die Klubs an sich und ihr Personal denken, aber der Handball muß auf elementaren Feldern wie Fernsehpräsenz, Vermarktung, Sponsoring und Zuschauerpotential wettbewerbsfähig bleiben. Wer die mediale Darstellung der Nationalmannschaft beschneidet, schadet dem Handball.“ Brand ist ein moderater Mann, er ist immer zu Gesprächen bereit. Doch zuletzt hat sich das Aushängeschild des deutschen Handballs oft ziemlich machtlos gefühlt – nicht nur, wenn es um seine verletzten Spieler ging.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Stürmer in der Defensive

Von Michael Ashelm

Die Anforderungen an Angreifer haben sich stark verändert – und damit die Auswahl des Personals. Der Stürmertyp, der vorne wartet, bis er bedient wird, stirbt aus. Mehr