08.03.2009 · In Deutschland sorgt die Kieler Bestechungsaffäre für Turbulenzen im Handball. Aber auch Weltverbandspräsident Moustafa ist seit langem ins Zwielicht geraten. Nun plant ein Luxemburger die Revolte.
Von Rainer SeeleDie Spur führt nun auch nach Luxemburg, sie deutet auf eine neue, brisante Entwicklung im Handball hin. Doch daraus soll diesmal kein Nachteil für den Handball entstehen, im Gegenteil. In einen Sport, der gerade heftige Turbulenzen erlebt – im Land des Weltmeisters von 2007, auf europäischer Ebene und auf dem Gebiet des Internationalen Handballverbandes (IHF) –, soll wieder eine klare Struktur gebracht werden. Die Dinge drohten schließlich zu eskalieren, sagt Jean Kaiser. Er will deswegen aufstehen und gegen den „Pharao“ kämpfen, wie Hassan Moustafa genannt wird, der umstrittene Präsident der IHF.
Es gibt inzwischen viele Brandherde im internationalen Handball, es geht um Schiedsrichter-Affären nicht nur in Europa, um andere angebliche Mauscheleien, die nicht zuletzt den Ägypter Moustafa betreffen. Der Luxemburger Kaiser, ein ehemaliger Bankdirektor, hat sich deshalb entschlossen, beim Kongress im Juni in Kairo gegen Moustafa anzutreten, er will ihn ablösen. Kaiser fürchtet, sollte sich personell und methodisch nichts ändern, um die Zukunft des Handballs, er bangt auch um den olympischen Status dieses Sports. So massiv sind derzeit die Probleme im Handball, dass Kaiser sagt: „Wenn wir den Wagen weiter rollen lassen, fährt er gegen die Wand.“
Kaiser fordert Klartext
Tatsächlich ist der Handball – auch sein deutscher Zweig – derzeit schwer belastet. Aktuell hat dies vor allem mit dem Verdacht zu tun, dass der THW Kiel in der Champions League bei mindestens zehn Spielen die Referees auf unlautere Art beeinflusst haben soll, dass es grundsätzlich im Europapokal Betrügereien gebe (siehe: Kieler Affäre: Unregelmäßigkeiten bei mindestens zehn Spielen). Kaiser, der einst für die Europäische Handball-Föderation (EHF) als Spielbeobachter im Einsatz war, sagt zwar, dass die EHF alles dafür tue, um Unregelmäßigkeiten zu unterbinden. Aber er fordert auch, dass die jüngste Angelegenheit dringend geordnet werden müsse.
Und er nimmt dabei die Rhein-Neckar-Löwen in die Pflicht, die den Fall Kiel durch einen Vorstoß ihres Beiratsvorsitzenden Dieter Matheis ins Rollen gebracht hatten. „Sie hätten längst die Karten auf den Tisch legen müssen“, sagt Kaiser. „Sie müssten Klartext reden.“ Sollten die Löwen sich nicht dezidiert äußern, wäre dies ebenfalls schlecht für den Handball.
In Kiel wird wohl die Staatsanwaltschaft ermitteln
Ohnehin ist bereits ein beträchtlicher Schaden entstanden, obwohl vieles noch im Ungewissen ist. Während die Kieler immer wieder dementieren und wegen der „bösartigen“ Gerüchte und Spekulationen nun doch rechtliche Schritte einleiten wollen, dringen in diesem vermeintlichen Schurkenstück häppchenweise Informationen an die Öffentlichkeit. Dass für das Finale der Champions League 2007 zwischen dem THW Kiel und der SG Flensburg-Handewitt 96.000 Euro gezahlt worden sein sollen. Dass der frühere Kieler Trainer Zvonimir Serdarusic dafür Unterlagen habe, die teilweise als Casino-Belege getarnt seien.
Dass Serdarusic selbst an den vermeintlichen Machenschaften beteiligt gewesen sein soll und die Löwen deswegen den Vertrag mit ihm wieder gelöst hätten. Eine undurchsichtige und gleichzeitig explosiv anmutende Situation. Die Handball-Bundesliga (HBL) will das Thema wiederaufgreifen, sie ist aufgeschreckt. Zumindest scheint dies bei HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann so zu sein, HBL-Präsident Reiner Witte hingegen erkennt angeblich keinen neuen Sachverhalt. Die HBL könnte somit gespalten sein. Möglicherweise wird in der heiklen Sache bald die Staatsanwaltschaft Ermittlungen aufnehmen.
Moustafa soll an Schiebungen beteiligt gewesen sein
Über Schiebung im Handball wird häufig geredet, auch im Zusammenhang mit IHF-Chef Moustafa. Der Luxemburger Kaiser stellt beispielsweise eine direkte Verbindung zwischen dem Ägypter und dem Schiedsrichter-Skandal in der asiatischen Olympiaqualifikation vor den Spielen in Peking im vergangenen Jahr her. Moustafa sei selbst daran beteiligt gewesen. Auch deswegen betont Kaiser: „Es reicht, wir müssen ihn einfach stoppen.“ Er wird in Kairo vermutlich nicht der einzige Gegenkandidat für den Alleinherrscher bei der IHF sein, wegen der allgemeinen Schieflage des Handballs wollen sich auch ein Neuseeländer und ein Isländer gegen Moustafa erheben. Kaiser glaubt jedoch, bei diesem Aufstand die besten Aussichten zu haben. Er gilt als ein profilierter Handball-Funktionär: Bei der Wahl zum EHF-Präsidenten im Jahr 2004 war er dem Norweger Tor Lian nur knapp unterlegen.
Kaiser, der das stark angekratzte Image des Handballs aufpolieren möchte, hofft in Kairo auf eine breite Unterstützung. Er sieht Indizien dafür, dass mittlerweile selbst ein Teil der afrikanischen Nationen Moustafa nicht mehr hörig sei. Obwohl der Ägypter doch offensichtlich jetzt schon versucht, für den Juni um Stimmen zu werben – indem er nun just wirtschaftlich schwächer gestellten Ländern finanzielle Hilfe zukommen lassen möchte. Die IHF-Ratsmitglieder sollen das genehmigen, Kaiser sagt: „Das ist der Versuch der Korruption.“ Um Moustafa ranken sich sehr merkwürdige Geschichten, dabei soll es sich nicht zuletzt um fragwürdige Spesenabrechnungen handeln. So spricht Kaiser davon, dass der Ägypter für insgesamt 600.000 Schweizer Franken keine Quittungen besitze. „Das ist eine Katastrophe.“ Außerdem ist die Justiz in Basel, wo die IHF ihren Sitz hat, aktiv geworden. Schließlich ist unklar, was aus einem Zuschuss der IHF in Höhe von 1,6 Millionen Schweizer Franken für die Männer-Weltmeisterschaft 1999 geworden ist – das Championat hatte in Moustafas Heimat stattgefunden.
Der Handball im Jahr 2009, ein Sport im Sumpf? (siehe auch: Korruption im Handball: Niemand wird verpfiffen) In Deutschland ist wegen der Vorwürfe gegen den THW Kiel das Lamento groß, mitunter auch deshalb, weil keine Beweise für Manipulationen existieren. Für Horst Bredemeier, den Vizepräsidenten des Deutschen Handball-Bundes (DHB), stellt sich der Fall als eine „wahnwitzige Geschichte“ dar. Selbst Jean Kaiser sieht in Deutschland Klärungsbedarf – und er sorgt sich grundsätzlich um das Renommee des Handballs. Er sagt, dass sehr viel getan werden müsse, um die Dinge wieder ins Lot zu bringen. Es könnte, teilweise jedenfalls, eine Sisyphusarbeit sein für die mutmaßlichen Erneuerer.