03.03.2010 · Zu riskanter Handball: Der Hamburger Trainer Schwalb nimmt den Torwart vom Feld, um in Überzahl mehr Angriffsdruck zu entwickeln - doch das Experiment geht schief. Damit könnte die Meisterschaft schon verspielt sein.
Von Frank Heike, HamburgEs ist eine Variante, mit der die kroatische Nationalmannschaft zuletzt bis ins Finale der Handball-Europameisterschaft kam: man nehme den Torwart vom Parkett und ersetze ihn in Ballbesitz durch einen siebten Feldspieler. So gibt es im Angriff mehr Möglichkeiten und Lücken, sich durch die gegnerische Abwehr zu spielen. Gerade am Kreis. Womöglich ist dieses riskante taktische Spielchen die Zukunft des Handballs mit seinen Raum- und Zeiteinschränkungen. In jedem Falle müssen die Spielzüge der angreifenden Mannschaft gut einstudiert sein, wenn plötzlich ein siebter Feldspieler die bekannten eigenen Abläufe „stört“.
Am Dienstagabend konnte man im Spiel des gestürzten Bundesliga-Tabellenführers HSV Hamburg gegen den VfL Gummersbach sehen, was geschieht, wenn ein Trainer seinem Team mehr zutraut, als es umsetzen kann: weil es in der ersten Halbzeit schlecht und in der zweiten zunächst auch nur schleppend lief, versuchte der Hamburger Trainer Martin Schwalb es ab der 32. Minute mit der Überfalltaktik und nahm Nationaltorwart Johannes Bitter aus dem Tor. Doch in Überzahl verlor der HSV schnell Ball um Ball – fünfmal trafen die Gummersbacher ins leere Tor, aus dem 18:18 wurde aus Hamburger Sicht ein 21:24. Davon erholte sich das Team nicht mehr und verlor am Ende völlig überraschend 31:39.
Neun Minuten lang hatte Schwalb sehr mutig etwas ausprobiert, das seine wie üblich spät startende Mannschaft noch zum Sieg führen sollte. Hinterher musste sich Schwalb fragen lassen, ob diese mit dem Zwischenergebnis von 3:6 endende Erprobung vielleicht die Meisterschaft gekostet hat – durch die unerwartete Niederlage steht der HSV nach Minuspunkten jetzt wieder hinter dem THW Kiel.
Schwalb wollte vom verspielten Titel nach 22 von 34 Spieltagen nichts wissen. Er sprach von einem Dämpfer zur rechten Zeit; der THW muss ja noch zum HSV. Alles versucht und viel verloren – man musste Schwalb zugute halten, dass er den Schuldigen für die erste Heimniederlage nach rund einem Jahr schnell gefunden hatte: „Ich musste taktisch etwas probieren. Aber der Schuss ging nach hinten los. Es ist meine Verantwortung. Ich habe ein breites Kreuz und halte es hin.“
Ein Profi fehlt, der mit dem Kopf durch die Wand will
Eigentlich schien der HSV mit seinem starken Kader schon gar nicht mehr einzuholen zu sein im Meisterschaftsrennen. Souverän hatte Schwalbs Team zuletzt alle Pflichtaufgaben gelöst und dabei Punkte auch bei vermeintlich kleinen, unbequemen Gegnern eingesammelt, die früher gern mal liegen gelassen wurden und am Ende im Vergleich mit dem THW fehlten. Nichts davon in dieser Saison. Durch die Millioneneinkäufe Duvnjak und Vori enorm verstärkt, ließ sich der HSV von niemandem aufhalten, und in der Szene war man sich spätestens nach dem verdienten Punktgewinn in Kiel Ende 2009 einig: in dieser Serie ist der HSV mal dran – auch, weil der THW in der Phase nach Lövgren und Karabatic anfälliger erscheint als all die Jahre davor.
Selbst Verletzungen wie zuletzt bei den Nationalspielern Jansen und Schröder oder dem heimlichen Chef Bertrand Gille, der seit August fehlt und bei der EM in Österreich womöglich zu früh für Frankreich spielte, schien dieser HSV verkraften zu können. Dann kam am Dienstag der VfL Gummersbach und spielte mindestens so gut wie im Pokal-Halbfinale 2009, als die Oberbergischen den HSV beim 35:27 spektakulär aus der eigenen Halle geschossen hatten.
Es ist das alte Lied beim HSV: wenn es eng wird, wenn es ungemütlich auf dem Parkett wird und der Gegner einfach nicht nachlassen will, fehlt der Mannschaft ein Profi, der voran und zur Not mit dem Kopf durch die Wand geht. Zwar ist Nationalspieler Pascal Hens wieder gesund, doch liegen seine großen Spiele schon länger zurück. Das gleich gilt für seinen kroatischen „back up“ Blazenko Lackovic. Dem 34 Jahre alten Spielmacher Guillaume Gille fehlt die Kraft für solche Energieleistungen. Der junge Duvnjak merkt, wie anstrengend eine erste Saison mit der Belastung in drei Wettbewerben plus Nationalmannschaft ist. In Kiel ist es Filip Jicha, der Spiele zur Not im Alleingang dreht. Beim HSV gab es diesen Spieler am Dienstag nicht. Auch deswegen musste Martin Schwalb etwas ausprobieren – und sich am Ende wie der größte Verlierer vorkommen.