Es ist im Sommer vor drei Jahren beinahe untergegangen, welch enorme Summe der THW Kiel ausgab, um die Lücke zu schließen, die der damals weltbeste Handballer hinterließ: Nikola Karabatic. Der Verein war damals in heller Aufregung, der Skandal um vermeintlich manipulierte Champions-League-Spiele erschütterte die Kieler. Karabatic und zwei weitere Schlüsselspieler gingen, Trainer Zvonimir Serdarusic hörte auf, die Aussichten des Vorzeigevereins schienen düster. Doch der THW handelte: Der ehemalige Manager Uwe Schwenker mobilisierte alle Sponsoren und bekam das Geld, um Trainer Alfred Gislason für eine dreiviertel Million Euro vom VfL Gummersbach loszueisen. Um Karabatic vergessen zu machen, musste man noch tiefer in die Tasche greifen: 1,2 Millionen Euro überwies Kiel nach Chambéry, um den Wunschspieler zu bekommen - Daniel Narcisse.
Der Franzose war kein Unbekannter. Er hatte die Bundesliga schon von 2004 bis 2007 als Profi des VfL Gummersbach mit seiner Sprungkraft, Gewandtheit und Wurfstärke verzückt. Doch erst jetzt rückt der Zweiunddreißigjährige in den Mittelpunkt des Interesses: Narcisse ist der beste Feldspieler der Bundesliga. Beim nationalen Pokalturnier wurde er zum wertvollsten Akteur gewählt. Und am Ende einer anstrengenden Saison, in der Kiel Meister und Pokalsieger wurde und zudem an diesem Wochenende im Finalturnier der Champions League steht, kann der Mann mit dem Spitznamen „Air France“ auf Ressourcen zurückgreifen, die kein anderer Kieler mehr hat.
Narcisse spielt zwar schon das dritte Jahr in Kiel, doch im Grunde ist es sein erstes in voller Stärke. „Im ersten Jahr hatte ich immer wieder kleinere Verletzungen und kam nicht in Fahrt. Im zweiten Jahr habe ich mir in der Vorbereitung das Kreuzband gerissen und fiel fast komplett aus. Nun bin ich endlich fit.“ Seine Geschichte erzählt also auch von Geduld. Und von Heimatliebe.
Reise in die Vergangenheit
Wer sich in der Mannschaft umhört, um das Geheimnis des außergewöhnlichen Erfolges zu ergründen, erfährt immer wieder von einer Mannschaftsfahrt. „Wir hatten das perfekte Umfeld, um Kraft für eine ganze Saison zu tanken“, sagt Torwart Thierry Omeyer. Im Juli 2011 besuchte der THW Kiel auf Einladung des dortigen Tourismusverbandes Narcisses’ Heimatinsel La Réunion im Indischen Ozean. „Es machte mich stolz, meinen Mitspielern zu zeigen, woher ich komme und wie schön es dort ist.“
Für Narcisse war es eine Reise in die Vergangenheit. Zusammen mit vier Geschwistern wuchs er in einer kleinen Wohnung in den Hochhäusern einer Armensiedlung der Inselhauptstadt St. Denis auf. Sein Vater arbeitete als Hausmeister. Auf einem umzäunten Bolzplatz spielte er Basketball und Fußball, und wenn keiner mehr konnte, machte Narcisse allein mit Handball weiter. „Es war für uns alle spannend und ungewöhnlich, die Orte seiner Kindheit und Jugend zu sehen“, sagt Filip Jicha.
Europameister, Weltmeister und Olympiasieger
Handball in der Halle erlebte Narcisse erst mit 15 Jahren, einem Alter, in dem sein Sportlehrer ihn am liebsten längst in einer Sportschule in Frankreich gesehen hätte. Doch seine Mutter setzte sich durch, und Narcisse beendete die Schule in St. Denis. Mit 18 Jahren entdeckte ihn Chambéry, als Narcisse mit seiner Inselmannschaft bei den Meisterschaften der dritten Ligen in Frankreich mitspielte. In Savoyen sollte 1998 eine Weltkarriere ähnlich der von Jackson Richardson beginnen, dem ebenfalls von La Réunion stammenden Handballer, der Ende des vergangenen Jahrtausends im Trikot des TV Großwallstadt spielte und Rastalocken in die Bundesliga einführte.
Dank Richardson ist Handball auf La Réunion ein sehr beliebter Sport. „Ich habe meiner Familie und dem Handball alles zu verdanken“, sagt Narcisse, der in Europa zum Millionär geworden ist. Seine Familie hat die Hochhaussiedlung längst verlassen. Gern würde Narcisse etwas zurückgeben und Inselweit soziale Projekte für Kinder gründen, die aus schwierigen Familien stammen. Erste Gespräche mit den Bürgermeistern hat er geführt.
Inzwischen ist Narcisse mit seiner Frau und den beiden Kindern heimisch im Haus nahe Kiel. Wie lange das gilt, darüber schweigt er sich allerdings aus. Die Familien Omeyer und Narcisse sind gut befreundet; Omeyer verlässt den THW im Sommer 2013 und geht zum französischen Vorzeigeklub Montpellier. Dann endet auch der Vertrag von Narcisse in Kiel.
Dank Gislason dem Mittelmaß entwachsen
Was aus der Perspektive des Erfolges dieser Wochen leicht und spielerisch wirkt, startete 2004 im Oberbergischen holprig. Narcisse hatte sich das Kreuzband im rechten Knie gerissen, sprach kein Deutsch, fühlte sich unwohl beim neuen Klub in Gummersbach: „Ich war sehr bedrückt, still, konnte keine Witze reißen. Das ist aber nicht mein Naturell.“
Doch in seinem letzten Jahr beim VfL, als Trainer Gislason den Klub übernahm und den inzwischen bestens integrierten Narcisse auf die Spielmacherposition stellte, machte er den größten Schritt seiner Karriere und entwuchs dem Gummersbacher Mittelmaß. Noch einmal gab es einen Rückschritt, weil Narcisse zurück nach Frankreich wollte und den Versprechungen Chambérys glaubte, dort solle ein internationaler Spitzenklub entstehen, 2007 wechselte und frustriert erlebte, dass es falsche Versprechungen waren.
Narcisse war inzwischen Europameister, Weltmeister und Olympiasieger mit Frankreich. Da war der Wechsel zum stärksten Klub der stärksten Liga der Welt der logische Schritt, auch wenn es drei Jahre dauern sollte, ehe „Air France“ seine Fähigkeiten in voller Ausprägung im Trikot der Kieler würde zeigen können. Allergrößte Hoffnungen ruhen nun auf ihm, dass er mit seinen Toren an diesem Wochenende in der Champions-League-Endrunde in Köln mithilft, aus dem „Double“ das „Triple“ zu machen.