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Veröffentlicht: 06.11.2016, 13:53 Uhr

Handball-Bundestrainer Das Projekt des Eismanns Sigurdsson

Handball-Bundestrainer Sigurdsson hat alles über den Haufen geworfen, die DHB-Auswahl wieder an die Weltspitze geführt – und könnte trotzdem bald nach Japan fliehen.

von Erik Eggers
© Picture-Alliance Wohin geht die Reise? Bundestrainer Dagur Sigurdsson steht offenbar vor dem Absprung

Die Tage der Sommersonnenwende, an denen es nahe dem Polarkreis nie dunkel wird, verbrachte Dagur Sigurdsson, 43, an den isländischen Westfjorden. Der Trainer der deutschen Handball-Nationalmannschaft hatte dort, fünf Stunden Autofahrt von der Hauptstadt Reykjavík entfernt, ein schlichtes Ferienhaus mit viel Land und drei Kilometern Strand am Nordatlantik erworben. Das möbelte er nun auf. Die Hütte war noch ohne Wasser, auch ohne Stromanschluss. Gefragt war Handarbeit. Als Sigurdsson den Besuch aus Deutschland empfing, bearbeitete er gerade die Veranda mit Schleifpapier. Sigurdsson sagt, das entspanne ihn.

Diese Westfjorde sind von rauher Wildheit und Weite. Die gewaltigen Gesteinsformationen sehen aus wie das Monument Valley, nur bedeckt sie ein saftiges Grün. Und alle hundert Meter stürzt ein Wasserfall hinunter. Sigurdssons Frau Ingibjörg stammt von dort. „Diese Landschaft ist unser Ding“, sagte Sigurdsson, seine Frau nickte. Es war offensichtlich, dass die beiden dort, wo es auf Schotterpisten zehn Kilometer bis zum nächsten Dorf sind, mehr Zeit verbringen wollen.

Großer Alarm

Diese Landschaft am Fjord sollte man im Blick behalten, beobachtet man die aufgeregte Debatte um den Bundestrainer. Als in der vergangenen Woche bekannt wurde, dass Sigurdsson für den Juni 2017 (oder gar schon nach Abschluss der Weltmeisterschaft im Januar in Frankreich) seinen Vertrag beim Deutschen Handballbund (DHB) wohl aufkündigen werde, war der Alarm groß. Vor den beiden ersten Spielen der EM-Qualifikation gegen Portugal und die Schweiz, die das deutsche Team einmal deutlich und einmal nur knapp gewann, kam Unruhe auf.

Warum könnte der erfolgreichste Bundestrainer der Geschichte, unter dessen Regie die Nationalmannschaft über 75 Prozent aller Spiele gewinnt, plötzlich hinschmeißen? Warum könnte dieser Mann auf diese historische Chance, eine große Ära des Handballs zu prägen, mit einer der wichtigsten Mannschaften des Welthandballs, verzichten? Es herrschte Entsetzen allerorten. Dabei war, als Sigurdsson 2014 in Leipzig als neuer Bundestrainer vorgestellt wurde, eine beidseitige Kündigungsoption für den Sommer 2017 ganz offen kommuniziert worden.

43233266 © dpa Vergrößern Größter Triumph: Anfang des Jahres führte Sigurdsson die deutschen Handballer zum EM-Titel

Die Aufregung ist so groß, weil der Aufstieg der DHB-Auswahl ohne Sigurdsson nicht vorstellbar gewesen wäre. Als er im August 2014 übernahm, lag das Team in Trümmern. Gerade waren die WM-Play-offs gegen Polen auf abenteuerliche Weise verloren worden, das Team brauchte eine vieldiskutierte Wildcard, um an der WM in Doha teilnehmen zu können. Und dann das: Nur zwei Jahre später ist Deutschland Europameister und hat Bronze bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro gewonnen. Das Projekt war schon früh vom Erfolg gekrönt; eigentlich war dies erst für die Heim-WM 2019 und Olympia 2020 in Tokio geplant gewesen. Die fünf Gründe für den deutschen Erfolg? „Dagur, Dagur, Dagur, Dagur, Dagur“, hatte der DHB-Vizepräsident Bob Hanning, der für den Leistungssport verantwortlich ist, in Rio geantwortet.

Sigurdssons Ansagen vor seinem Amtsantritt waren von betörender Schlichtheit. Man brauche einfach mehr Siege, dann wachse das Selbstvertrauen, sagte der Isländer. Er wolle fortan jedes Länderspiel gewinnen, auch jedes Freundschaftsspiel. Gewinnen? Gute Idee, dachten viele. Aber wie soll das gehen mit solch einer Mannschaft? Als Sigurdsson seinen ersten Kader für zwei Tests gegen die Schweiz nominierte, rieben sich viele Experten die Augen. Da war ein gewisser Andreas Wolff dabei, ein junger Torwart aus Wetzlar, den kaum jemand kannte. Von Erik Schmidt, einem Kreisläufer aus Friesenheim, war lediglich zu erfahren, dass er unfassbar große Füße hat. Und auch ein gewisser Julius Kühn gab sein Debüt, ein blutjunger Rückraumspieler. Diese drei Nobodys des deutschen Handballs wurden im Januar 2016, nur siebzehn Monate später, unter der Regie Sigurdssons in Polen überraschend Europameister.

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