13.09.2008 · Vor dem Spitzenspiel zwischen den Rhein-Neckar-Löwen und dem THW Kiel rumort es im Weltmeister-Land. Die finanzielle Schieflage der HSG Nordhorn bereitet der Handball-Branche Sorgen. Und mit Bundestrainer Brand liegt die Liga im Dauerclinch.
Von Rainer SeeleNeulich meldete sich Thorsten Storm zu Wort, er war ein bisschen aufgebracht, er glaubte, einiges gerade rücken zu müssen. Storm ist Manager der Rhein-Neckar-Löwen, eines ambitionierten Handballteams, das sehr gut aufgestellt ist - und den bisherigen Platzhirsch, den Serienmeister THW Kiel, bald überflügeln möchte. An diesem Samstag treffen die beiden Mannschaften in der Mannheimer SAP-Arena aufeinander, ein reizvolles Duell, angereichert mit gewissen Spitzen (siehe: Live-Ticker Handball-Bundesliga).
Storm nämlich konterte nun Äußerungen aus Kiel, die ihm missfallen haben, er sieht die Löwen durch sie in ein falsches Licht gerückt. Neureich! Lizenz zum Gelddrucken! Abhängig von den Hopps, der Milliardärsfamilie! Solche Begriffe schlagen den Löwen - generell - immer wieder entgegen. Zu Unrecht, sagt Storm. Es sei doch keineswegs so, „dass wir an unseren Geldkoffer gehen und immer wieder neue Scheine herausholen“.
Löwen schnappen Kiel den Sponsor weg
Ihn störe „diese Politik“, sagt er, diese ständigen Hinweise darauf, dass die Löwen, die personell tatsächlich mächtig aufgerüstet haben, sich angeblich jeden Spieler leisten könnten. „Die jammern ja nur“, behauptet Storm, auf die Kieler gemünzt. Und: „Jetzt hat man Angst, dass andere schneller arbeiten.“ Wie die Löwen vorgehen, zeigte sich unlängst sehr deutlich: Sie gewannen die dänische Kasi-Group, mit der auch die Kieler verhandelt hatten, als neuen Hauptsponsor.
Der Konzern vertreibt Modeschmuck, auf den Löwen-Trikots prangt jetzt der Schriftzug „Pandora“. Und überhaupt die Hopps: „Der arbeitet mit Leidenschaft für das Thema Handball“, erzählt Storm und meint Daniel Hopp, einen der Gesellschafter der Löwen und Sohn des SAP-Mitbegründers Dietmar Hopp.
Finanzielle Schieflage der HSG Nordhorn
So rumort es derzeit ein wenig im deutschen Handball, im Land des Weltmeisters, wobei die Scharmützel zwischen Norddeutschen und Nordbadenern eher auf einem Nebenschauplatz stattfinden. Im Vordergrund steht die finanzielle Schieflage der HSG Nordhorn, die der Branche einen beträchtlichen Imageschaden beschert hat.
Die Handball-Bundesliga (HBL) fordert eine Lösung der größten Nordhorner Probleme noch im September - „sonst fährt man gegen die Wand“, sagt HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann. Bei der HSG, die ins Visier der Steuerfahnder geraten ist, soll es einen Fehlbetrag in Höhe von etwa 700.000 Euro geben. Bohmann betont, dass die HSG, die auch in den vergangenen Jahren negativ aufgefallen war, über ihre Verhältnisse gelebt habe. Angeblich stehen bei den Nordhornern, deren Galionsfigur Weltmeister Holger Glandorf ist, drei Monatsgehälter aus.
Lizenzentzug als äußerste Konsequenz
Die HSG hatte bereits in der ersten Jahreshälfte Auflagen von der HBL bekommen, sie sollte in bestimmten Zeiträumen Unterlagen zur Überprüfung vorlegen - und wurde, weil dies nicht geschah, mit einer Geldbuße von 5000 Euro belegt. Jetzt könnte es, sollte kein stimmiges Sanierungskonzept vorgelegt werden, zu einem Punktabzug kommen. Sollten der HBL falsche Zahlen genannt worden sein, wäre ein Lizenzentzug, so Bohmann, „die äußerste Konsequenz“. Er geht allerdings davon aus, dass die HSG sich aus der Bredouille befreien kann. „Da muss jemand sein Portemonnaie aufmachen.“
Bohmann findet nicht, dass durch eine Reform des Lizenzierungsverfahrens solche Schwierigkeiten vermieden werden könnten. „Es kann nicht in beliebiger Weise verschärft werden.“ Er ist auch der Überzeugung, dass in der Liga, deren Gesamtetat auf 80 Millionen Euro gestiegen ist, grundsätzlich solide gewirtschaftet wird - auch wenn ihre Protagonisten von der Hand in den Mund lebten.
Dissonanzen zwischen Brand und der Liga
Bohmann spricht von einer dynamischen Entwicklung im deutschen Handball, damit seien auch die Risiken größer „als auf einem stagnierenden Markt“. Einen zweiten Fall Nordhorn befürchtet er derzeit jedoch nicht: „Momentan wackelt kein anderer Klub.“ Bohmann wünschte sich indes, dass die Vereine nicht nur in „Beine und Arme“ investierten, sondern auch ihre Infrastruktur verbesserten - und beispielsweise versuchen sollten, das Merchandising voranzutreiben. „Da stecken die meisten noch tief in den Kinderschuhen.“
Zu den Aufgeregtheiten im deutschen Handball tragen auch die frisch entflammten Dissonanzen zwischen Bundestrainer Heiner Brand und der Liga bei - und die immer wiederkehrenden Forderungen Brands, dass die Liga das deutsche Element stärken müsse. Der Gummersbacher hat dies nach dem frühen Scheitern des Weltmeisters bei Olympia noch einmal bekräftigt. Die Fronten zwischen den Parteien scheinen verhärtet zu sein. Dennoch ist die HBL nach einer Unterredung zwischen Brand und dem neuen HBL-Präsidenten Reiner Witte zuversichtlich, dass sich die Lage bald entspannen könnte. „Brand ist jetzt gesprächsbereit“, sagt Bohmann. Allerdings müsse man darauf achten, „dass es kein Frühstücksdirektoren-Treffen wird“.
Reizklima in der Handwerkerzunft
Ein Zukunftsmodell könnte eine eingleisige zweite Liga sein; nach Bohmanns Ansicht wäre dies eine geeignete Plattform, um deutsche Talente an höhere Aufgaben heranzuführen. Immerhin, sagt er, gebe es schon Bewegung in der Förderung des nationalen Nachwuchses, durch Handball-Internate etwa. Da fallen Bohmann auch gleich die Rhein-Neckar-Löwen ein, die er in dieser Hinsicht gar als Musterknaben bezeichnet. Ohnehin ist er angetan von der Mannheimer Strategie: „Dieses Unternehmertum tut dem Handball sehr gut.“
Und der THW, das Aushängeschild des deutschen Handballs? Im aktuellen Reizklima in der Handwerkerzunft bleiben die Kieler scheinbar gelassen. Uwe Schwenker, ihr Macher, kennt seinen Kollegen Storm ja genau, und deswegen beurteilt er dessen jüngste Aussagen so: „Mir ringt das ein Schmunzeln ab. Er weiß schon, wie er was zu verkaufen hat.“ Die HBL kann in dieser Angelegenheit wenigstens in aller Ruhe in der Beobachterrolle bleiben.