Die Lage ist immer noch ernst, auch wenn die Tabelle ein anderes Bild zu vermitteln scheint. Es sei ein täglicher Kampf, sagt Thorsten Storm, ein Kampf um die Existenz, mit hohem Engagement von allen. Er spricht von einem sehr großen Schaden, den man nun reparieren müsse, Storm meint damit die Fehler der Vergangenheit. Immer wieder hatten sich die Rhein-Neckar Löwen als Titelverein im deutschen Handball positioniert, diesem Anspruch konnten sie allerdings nicht gerecht werden. Der angestrebte Angriff auf den Serienmeister THW Kiel scheiterte, obwohl die Nordbadener über eine Mannschaft verfügt hatten, die mit exzellenten Kräften gespickt war.
Ein wirkliches Team, eine Einheit aber entstand daraus nicht. Erst jetzt, in Zeiten des Sparens und Abspeckens, scheinen die Löwen ihren Weg gefunden zu haben. Sie sind schlanker geworden und auch hungriger, sie stehen mit 14:0 Punkten an der Tabellenspitze. Sieben Spiele und sieben Siege also, eine beeindruckende Bilanz, die jedoch - zumindest in der Öffentlichkeit - nicht zum Träumen verleitet. Man wolle, sagt Löwen-Geschäftsführer Storm, die Spieler „nach Jahren der großen Töne erst mal in Ruhe lassen“. Das heißt: nicht gleich wieder Druck erzeugen durch forsche Vorgaben, lieber von Augenblick zu Augenblick planen. Das soll befreiend auf die Spieler wirken. Storm nennt es einen Paradigmenwechsel.
Schluss mit Nielsen, zum Wohl der Löwen
Der Wandel der Löwen hängt eng mit dem Rückzug des Dänen Jesper Nielsen zusammen, der bei den Mannheimern nicht nur als Sponsor aktiv war, sondern gleich auch noch als Aufsichtsratsvorsitzender. Er mischte sich in sportliche Belange ein, was häufig für Unruhe sorgte. Damit ist nun aber Schluss, zum Wohl der Löwen. Sie schlossen mit Nielsen einen Vergleich, er hat mit ihnen nichts mehr zu tun. Der Däne hatte zuletzt mit AG Kopenhagen den europäischen Handball erobern wollen, doch er erlebte mit diesem Projekt einen Absturz; die Kopenhagener schlitterten in die Zahlungsunfähigkeit.
Die Rhein-Neckar Löwen wirtschaften derzeit mit einem Etat von angeblich 5,5 Millionen Euro. Über solche Summen redet Storm nicht gerne, nur so viel: Das Budget sei vor dieser Saison um knapp zwei Millionen Euro reduziert worden. Und Storm sagt auch, dass in den vergangenen Jahren mancher Vertrag „zu teuer“ gestaltet worden sei. „Wir haben eine Menge Dinge nicht ganz richtig gemacht.“ Wie es heißt, habe es bei den Löwen auch bei den Gehältern Abstriche gegeben. Der Abwehrrecke Oliver Roggisch zum Beispiel hat einen neuen Kontrakt zu reduzierten Konditionen akzeptiert; er soll 30 Prozent weniger verdienen als in der zurückliegenden Saison. Er habe früher gutes Geld bekommen, sagt Roggisch, deshalb sei er dem Klub jetzt entgegenkommen.
Der Funktionär Storm weiß zwar die Phase der Konsolidierung zu schätzen, er betont aber auch: „Wir können uns nicht totsparen.“ Tatsächlich gibt es immer noch eine Reihe von Stars bei den Löwen, etwa den Schweden Kim Ekdahl du Rietz, Torhüter Niklas Landin aus Dänemark oder den Isländer Alexander Petersson. Und natürlich den deutschen Nationalspieler Uwe Gensheimer, der seit längerem schon „das Gesicht“ der Löwen ist, neuerdings eines mit Schnauzbart. Der Linksaußen zählt zu den verlässlichsten Schützen seines Teams.
Beim 30:27 am Dienstag gegen die SG Flensburg-Handewitt wurde er jedoch deutlich übertroffen von den Neuzugängen Petersson und du Rietz, die jeweils sieben Tore erzielten. „Wir wussten“, sagt Storm, „dass wir gute Jungs verpflichtet haben.“ Er spricht von „schlauen Schachzügen“, von sportlichen und auch menschlichen Qualitäten - zum frischen Profil der Nordbadener gehört auch eine verbesserte Arbeitsatmosphäre. Hinter der Stammbesetzung, auch das ist neu bei den Mannheimern, rangeln aber kaum noch etablierte Spieler um Einsatzzeiten; stattdessen setzen die Löwen inzwischen auf diesen Positionen vorwiegend auf Talente. Storm möchte so ein „Grundgerüst“ schaffen, das über mehrere Jahre Bestand hat.
Dass ungeachtet des sportlichen Hochs immer noch große Herausforderungen vor den Löwen stehen, machte auch die Kulisse am Dienstag deutlich. Zwar waren 6360 Besucher gekommen, was Storm zufrieden stimmte, bezogen auf „die Handball-Verhältnisse in Deutschland“. Für die SAP-Arena in Mannheim aber, betont er, „reicht es nicht ganz“. Dort sollten sich, zumindest bei Duellen wie gegen die Flensburger, mindestens 8000 Zuschauer einfinden. „Dieser Aufgabe“, sagt Storm, „müssen wir uns stellen.“ Die Anfänge scheinen ja gemacht. Sie stellen sich sogar, trotz harter Einschnitte, als sehr vielversprechend dar.
Die Löwen, Teil 1
Klaus-Dieter Berger (kinnas)
- 11.10.2012, 11:01 Uhr