Dass eine Weltrekordhalterin vom Publikum erkannt wird, wenn sie den Sportplatz betritt, ist nicht weiter ungewöhnlich. Dass diese Weltrekordhalterin aber selbst praktisch jeden kennt, der ihr beim Wettkampf zuguckt, schon eher. Beim Hammerwurf-Meeting in Fränkisch-Crumbach ist Betty Heidler nicht nur der Star zum Anfassen, sondern auch die erfolgreiche gute alte Bekannte aus der großen Stadt, die alle Jahre wieder zum Jahreshöhepunkt vorbeischaut. Wobei es der Höhepunkt aus Sicht der Gemeinde ist - nicht aus Sicht der Sportlerin.
Doch Betty Heidler genießt das alles. Obwohl die Berlinerin schon Frankfurt als Wohnort eigentlich zu klein findet - sie trainiert dort nur, weil Bundestrainer Michael Deyhle hier seine Wurfschule betreibt -, fühlt sie sich in der Odenwald-Idylle äußerst wohl. Schon vor dem Meeting am Wochenende grüßt sie fröhlich in die Runde, plaudert hier mit einem Platzordner, umarmt da eine alte Bekannte. Nach dem gut besetzten Wettbewerb, den die Athletin von Eintracht Frankfurt zum achten Mal in Serie gewinnt - diesmal mit 75,78 Metern vor der Chinesin Wenxiu Zhang (74,91 Meter) und ihrer Vereinskameradin Kathrin Klaas (71,36) - geht sie von Tisch zu Tisch, schüttelt Hände, posiert für Fotos, schreibt Autogramme, setzt sich überall mal kurz dazu.
Fränkisch-Crumbach ist zwar außerhalb des Odenwaldes nur wegen des Hammerwurf-Meetings überhaupt ein Begriff, dennoch kommt Betty Heidler im Alltag auch dann hierher, wenn sie mal nicht über ihren Sport nachdenken will. Der Ort ist eines ihrer Rückzugsgebiete. Sogar zu Fastnachtssitzungen besucht sie „FC“, wie sie die 3000-Einwohner-Gemeinde der Einfachheit halber nennt. Und nicht nur dann: „Ich fahre auch ab und zu einfach zum Kaffeetrinken her.“ Dann redet sie zwei Stunden mit ihren Leuten, fühlt sich besser und fährt wieder zurück nach Frankfurt. Ist ja nicht weit.
Da hat die 28-Jährige schon ganz andere Strecken bewältigt in dieser Saison. Im Frühjahr war sie zweimal für vier Wochen im Trainingslager in Südafrika. Mitte Mai flog sie zur Weltmeisterschaftsrevanche nach Daegu in Südkorea - die die WM-Zweite von 2011 gewann. Und an diesem Freitag steht das Diamond-League-Meeting in der amerikanischen Stadt Eugene auf ihrem Wettkampfplan, wo die Hammerwerferinnen ausnahmsweise im Rahmenprogramm auftreten. Einmal um die Welt in 14 Tagen. Zwischendurch hat sie im tschechischen Ostrau mit 78,07 Metern mal eben den zweitbesten Wurf ihrer Karriere hingelegt. Fünf der zehn größten Weiten, die jemals erzielt wurden, hat Betty Heidler zu verantworten, und das alles seit Mai 2011.
„Die 80 Meter schwirren in meinem Kopf herum“
„Sie erntet die Früchte von zehn Jahren Arbeit“, sagt Trainer Deyhle über die jüngste Erfolgsbilanz seiner Schülerin. Hammerwerfen ist eine Frage der Biomechanik. Und der Körper braucht Zeit, um die Abläufe zu verinnerlichen. Es geht um exakte Drehungen, Winkelverhältnisse und Schnellkraft - weniger um die pure Kraft.
Betty Heidler ist eine auffällige Erscheinung, groß, mit offenem Blick und wallender roter Mähne. Wenn sie im Wurfkäfig Position einnimmt, erstarren ihre Gesichtszüge, sie lehnt sich leicht zurück, schwingt an - und lässt dann das Programm ablaufen: viereinhalb Drehungen, möglichst zentral im Ring, langsam beginnend, immer schneller werdend bis zum Abwurf. Es ist ein Tanz mit dem Hammer, und wenn es sich leicht anfühlt, wird der Wurf normalerweise gut. Ein wichtiger Schlüssel dazu sind die „langen Arme“: Früher hielt sie bei der letzten Drehung die Ellenbogen leicht gebeugt und hat dadurch den Beschleunigungsweg verkürzt. Jetzt lässt sie die Arme auch in der schnellsten Rotation lang, und die Resultate sind prompt besser.
„Magische Weiten“ stand auf den T-Shirts der Helfer in Fränkisch-Crumbach. Dazu kommt es beim Pfingstmeeting nicht, weil die Athletin nach den Strapazen der vergangenen Wochen dann doch zu müde war. Organisator Karl Vogel ist dennoch zufrieden: „Richtig weit soll die Betty werfen, wenn es wirklich drauf ankommt.“ Ihr Weltrekord liegt seit Mai 2011 bei 79,42 Metern. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann die Traumgrenze fällt. „Die 80 Meter schwirren immer in meinem Kopf herum“, sagt sie, „vor allem, weil ich weiß, dass ich es kann.“
„Ich will immer gewinnen“
Der Fokus liegt 2012 ganz klar auf den Olympischen Spielen in London, dort will sie eine Medaille gewinnen. Auf eine Goldprognose lässt sie sich aber nicht ein, denn drei weitere Frauen werfen auf ihrem Niveau: die Russin Tatjana Lysenko, Weltmeisterin von 2011, Peking-Olympiasiegerin Aksana Miankowa aus Weißrussland, die mit 78,19 Metern die Weltrangliste dieses Jahres anführt, und die Chinesin Wenxiu Zhang.
Dass die Leichtathleten in diesem Jahr noch eine zweite Medaillenchance haben, bei der erstmals in einem Olympiajahr ausgerichteten Europameisterschaft Ende Juni in Helsinki, nimmt Betty Heidler ohne große Begeisterung zur Kenntnis. Europameisterin war sie schon 2010, damals war es das Saisonhighlight. In diesem Jahr geht sie die Zusatz-EM eher wie ein weiteres Meeting an. Wobei sie an ihrer Motivation, wenn es denn so weit ist, keinen Zweifel lässt: „Ich will immer gewinnen.“