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Hamburg Schaulaufen im Schwimmbecken Rothenbaum

13.08.2006 ·  Bei der Schwimm-Elite kommt die Rekordshow im umgebauten Tennis-Stadion am Hamburger Rothenbaum gut an, aber für manchen Zuschauer werden die „Aquatics“ zum Blindflug. Franziska van Almsick präsentierte die bunte Zirkusrevue.

Von Gerd Schneider, Hamburg
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Nein, der ältere Herr im sandfarbenen Anzug fand es nicht besonders amüsant. Mit versteinerter Miene saß Mustafa Larfaoui, der Präsident des Internationalen Schwimm-Verbandes (Fina), in der ersten Reihe des Rothenbaum-Stadions. Offenbar konnte nicht einmal Christa Thiel, die ihm gut bekannte Chefin des nationalen Verbandes, seine Laune noch retten. Direkt vor ihm stolzierten gerade zwei leichtbekleidete Frauen vorüber, die mit schwingenden Hüften die Schwimmer zu ihren Startblöcken führten. Dabei hätte dem Algerier, rein sportlich betrachtet, gefallen müssen, was sich in der umfunktionierten Hamburger Tennisarena am Wochenende abspielte.

Gut zwei Dutzend der weltbesten Schwimmer waren da, und sie boten dem Publikum eine gute Show, mit hochklassigen Wettkämpfen und Rekorden. Doch Larfaoui war dieses Mal nur Gast, nicht Veranstalter. So mußte er machtlos mitansehen, wie aus einem knochentrockenen, überorganisierten Schwimmwettkampf, wie ihn die Fina aufzuziehen pflegt, plötzlich eine bunte Zirkusrevue wurde. Und dann wagte es auch noch ein Journalist, ihn zu fragen, wie ihm das Ganze gefalle. Seine Antwort fiel so reduziert aus, wie es sein Gesichtsausdruck war: „Kein Kommentar.“ Es könnte sein, daß die Herrschaften von der Fina mit ihrem monopolistischen Gehabe ein bißchen ins Schwimmen geraten.

Nur die Schwimmer aus Australien und Amerika fehlten

In Athletenkreisen geht ein neuer Geist um. Man will sich nicht mehr alles vorschreiben lassen von der Fina, etwa die restriktive Reglementierung der Werbeflächen für persönliche Sponsoren. Sogar von der Gründung einer Athleten-Organisation ist die Rede. Und nun auch noch dieses obskure Schwimm-Festival „Aquatics“ unter der Rothenbaum-Kuppel, privat organisiert, mit einem Etat (1,2 Millionen Euro) und Preisgeldern (400 000 Euro), die manche ganz schwindelig machten. Bei solchen Argumenten ließ sich die Schwimm-Elite nicht lange bitten. Alles, was in Europa Rang und Namen hat, trat in Hamburg an, dazu die Freistilstars aus Südafrika, die seit ihrem Staffel-Olympiasieg 2002 über die Amerikaner in ihrer Heimat Helden sind. Nur die Schwimmer aus Australien und den Vereinigten Staaten fehlten. Dort fanden gerade die nationalen Meisterschaften statt.

Die Athleten hielten, was die Veranstalter - die Hamburger Agentur Upsolut - versprochen hatten. „Weltrekorde am Rothenbaum“, stand auf den Plakaten zu lesen. Die Zuschauer mußten am Samstag nicht lange warten, bis der Werbeslogan in dem eigens installierten 25-Meter-Becken Realität wurde. Schon im Halbfinale über 50 Meter Freistil drückte der Südafrikaner Ronald Schoeman den Kurzbahn-Weltrekord auf 20,98 Sekunden. Auch die Deutschen trugen zur Rekordshow bei. Über 50 Meter Schmetterling unterbot Antje Buschschulte in zwei Etappen ihre eigene nationale Bestzeit gleich um über eine Sekunde: im Halbfinale von 26,80 auf 25,99 Sekunden, ehe sie im Finale nach 25,73 Sekunden anschlug. „Wie ein Hexenkessel“, so beschrieb sie hinterher die Atmosphäre am Rothenbaum.

Ein Anfang ist gemacht

Auch Britta Steffen, nach ihrer fabulösen EM-Vorstellung der neue deutsche Schwimmstar, genoß das Schaulaufen auf der Hamburger Bühne in vollen Zügen. Obschon noch sichtlich mitgenommen von den Ereignissen der vergangenen Wochen, gewann sie das Rennen über 100 Meter Freistil. Sie verbesserte den deutschen Rekord der Hamburgerin Sandra Völker auf 52,82 Sekunden. Allerdings blieb der 22 Jahre alten Berlinerin nicht viel Zeit, sich feiern zu lassen. Ihre neue Managerin Regine Eichhorn, die seit vielen Jahren auch das Leben und die Geschäfte von Franziska van Almsick organisiert, zog sie förmlich aus der Arena. Sie mußte eiligst zum Flughafen, am Abend stand ihr noch der Auftritt im ZDF-Sportstudio bevor. Sie sei sehr müde, sagte sie atemlos, „aber das hier ist bombastisch“.

Bombastisch? Aus Sicht der Schwimmer mag das zutreffen. Das Kuppeldach wirkte wie ein Verstärker, und so wuchs sich die Geräuschkulisse zu einer Art Klangwolke aus, welche die Schwimmer trug. Doch die spezielle Akustik der Arena hatte auch zur Folge, daß die Moderation von Franziska van Almsick und dem Fernsehmann Lou Richter bei Teilen des Publikums gar nicht ankam, so schlecht waren sie zu verstehen. Bei mancher Belanglosigkeit, die prominente Gäste wie Boris Becker von sich gaben, mag das kein großer Schaden gewesen sein. Doch ohne die nötigen Informationen zum sportlichen Geschehen wurde der Wettkampf so für viele Zuschauer zu einer Art Blindflug. Zumal ihnen auch die Anzeigentafel nicht weiterhalf. Anders als bei offiziellen Wettbewerben waren dort während des Rennens keine Zeiten und keine vergleichenden Angaben wie Welt- oder Europarekorde zu sehen. So fehlte gerade den fachunkundigen Besuchern die nötige Orientierung.

Es waren ohnehin nicht so viele Zuschauer da, wie man erwartet hatte. Auch Einlagen wie der Wasserball-Versuch der Klitschko-Brüder hatten nur begrenzte Anziehungskraft. Nach eigenen Angaben hatte der Veranstalter zwar 13.000 Tickets für beide Tage verkauft. Doch am Samstag waren gerade drei- bis viertausend Leute in der 10.000 Zuschauer fassenden Halle. Am Sonntag kamen etwas mehr. Insofern war es schwer, von einem rundum geglückten Experiment zu sprechen. Immerhin, ein Anfang ist gemacht.

Quelle: F.A.Z. vom 14. August 2006
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