01.07.2009 · Tommy Haas hat erstmals in seiner Karriere das Halbfinale in Wimbledon erreicht. Nach seinem Viersatz-Sieg gegen Novak Djokovic fordert er nun am Freitag beim bedeutendsten Tennisturnier der Welt den besten Spieler aller Zeiten heraus.
Von Peter Penders, LondonHat er schon jemals besser gespielt, besser aufgeschlagen? Und hat man ihn vor allem schon jemals mutiger spielen sehen? Wohl kaum, sonst hätte Tommy Haas vermutlich mehr als nur dreimal ein Grand-Slam-Halbfinale erreicht. Am Mittwoch kam Nummer vier nach einer absoluten Weltklasseleistung hinzu, die Haas in dieser Art kaum jemand zu getraut hat.
Beim 7:5, 7:6 (8:6), 4:6 und 6:3-Sieg über den Weltranglistenvierten Novak Djokovic demonstrierte der 31 Jahre alte Deutsche Rasentennis vom Allerfeinsten, ließ sich nicht einmal vom Verlust des dritten Satzes irritieren und wurde nach seinem Matchball mit Ovationen gefeiert. „Ich habe kaum Worte dafür, das ist wundervoll“, sagte Haas, „ich habe heute mein besten Tennis gespielt. Das ist ein großartiges Gefühl.“ Er trifft nun am Freitag im Halbfinale auf den großen Titelfavoriten Roger Federer. „Vielleicht kann ich ihn auch ein bisschen ärgern“, sagte Haas - und wenn er so spielt wie gegen Djokovic, muss das keine Utopie bleiben.
Mutig beim Satzball
Auch der Serbe, der ihm trotz der Niederlage mit einem Lächeln im Gesicht zum Sieg gratulierte, sieht Haas trotz der Dominanz von Federer auf Rasen nicht zwangsläufig als chancenlos an - ganz im Gegenteil. „Er ist ein perfekter Spieler für Rasentennis, und wenn er so konstant spielt wie heute, dann wird es für jeden schwer, auch für Federer“, sagte Djokovic. Das war es ja schon zuletzt in Paris, als ausgerechnet Haas dem Schweizer beinahe in die Quere gekommen wäre. Denn da führte der Deutsche im Achtelfinale mit 2:0-Sätzen, hatte sich gerade einen Breakball zum 5:3 erspielt, ehe Federer die Partie noch in fünf Sätzen drehte und sich schließlich mit dem Sieg in Paris den letzten Grand-Slam-Titel holte, der ihm bis dato noch gefehlt hatte. (siehe: Federer gewinnt French Open: Der große Moment, von dem er lange nur träumte) „Ich weiß, was es ihm bedeutet, und deshalb bin ich fast froh, dass ich den Breakball damals nicht nutzen konnte“, sagte Haas, der seit Jahren eng mit Federer befreundet ist.
Ruhig, total fokussiert, nach Rückschlägen nicht mit sich hadernd - so wie Haas in diesem Viertelfinale auftrumpfte, hätten ihn sich viele im Verlauf seiner Karriere öfter gewünscht. Gegen Djokovic spielte der Deutsche, der nie besonders gut in Wimbledon zurechtgekommen war, zudem auf, als sei Rasen schon immer sein Lieblingsuntergrund gewesen. „Er hat in Halle gewonnen, er steht hier im Halbfinale, er hat noch kein Spiel auf Rasen in diesem Jahr verloren. Natürlich kann er auf Rasen spielen“, sagte Djokovic. Ständig war der gebürtige Hamburger, bislang nur als Grundlinienspieler bekannt, ans Netz vorgerückt und hatte mit Volleys brilliert. Doch auch in den Grundlinienduellen ließ Haas keine Präzision vermissen und überraschte mit seiner Konstanz.
Der gereifte Haas
Vor allem beim Aufschlag des Deutschen konnte Djokovic über weite Strecken wenig ausrichten. „Der Return ist eigentlich meine größte Stärke, aber er hat mir kaum Chancen gegeben“, sagte der Serbe. Im ersten Satz gab Haas ganze fünf Punkte beim eigenen Service ab, schaffte aber selber das entscheidende Break beim Stand von 5:5, als ihm Djokovic mit einem Doppelfehler die Chance bot. Nach dem gleichen Muster war auch der zweite Durchgang lange verlaufen. Bis zum 5:5 hatten beide keine Mühe, ihre Aufschlagspiele durchzubringen, dann aber gelang Haas das Break. Das aber sollte zum Satzgewinn nicht reichen, im Gegenteil: Der Serbe glich zum 6:6 aus und erspielte sich im Tiebreak beim Stand von 6:3 drei Satzbälle. Haas konterte, glich nach zwei guten Aufschlägen mit einem fulminanten Rückhandschuss zum 6:6 aus und durfte sich kurz danach feiern lassen. Mutig war er bei seinem Satzball wieder ans Netz gerückt und ballte nach seinem gelungenen Volley die Faust. „Dieser Tiebreak war vielleicht der Schlüssel zum Sieg. Als ich 3:6 zurücklag, habe ich mir selber gesagt: Wach jetzt auf!“
Der Weckruf hatte gewirkt, aber geschlagen war Djokovic noch lange nicht. Der Weltranglistenvierte nutzte eine kleine Unachtsamkeit seines Gegners im dritten Satz, als er ihm dem Aufschlag zum 3:4 abnahm und dieses Break dann zum 4:6 durch den Satz transportierte. Vielleicht hätte der Haas früherer Jahre in diesem Moment den Rhythmus oder das Selbstvertrauen verloren, der nach vielen Rückschlägen und einigen Verletzungen aber gereifte Haas wollte sich diese Chance auf das Halbfinale offenbar nicht mehr entgehen lassen. „Tief in mir habe ich nach all den merkwürdigen Geschichten hier immer darauf gehofft, dass Wimbledon noch irgendetwas Gutes für mich parat hält. Es musste nur bald kommen, mit 31 Jahren läuft mir ja die Zeit davon“, sagte Haas.
Die Steigerung ist möglich
Diesmal kam alles zu dem, der warten konnte oder musste. Haas hatte in Wimbledon in der Vergangenheit einige unglückliche Niederlagen erlitten, er hatte mehrfach wegen Verletzung oder Erkrankung aufgeben müssen, und als er 2003 an Nummer drei gesetzt worden wäre, verzichtete er wegen eines schweren Motorradunfalls seiner Eltern auf die Teilnahme. Wimbledon 2009 aber hielt plötzlich alles für ihn parat: Haas gelang das Break zum 3:1, und ohne jede Spur von Nervosität blieb er danach weiterhin stabil in seinen Aufschlagspielen und rückte selbst nach zweiten Aufschlägen vor ans Netz.
Nach 2:43 Stunden Spielzeit war es dann soweit. Die Vorhand von Djokovic flog beim Matchball des Deutschen ins Netz - Haas reckte ganz ruhig den Arm in die Luft. Und nur die funkelnden Augen verrieten zunächst den Stolz, es erstmals auch in Wimbledon bis ins Halbfinale geschafft zu haben. „Das ist einer der schönsten Momente meiner Karriere“, sagte Haas später. Und das Schöne ist: Die Steigerung könnte ganz rasch kommen.(siehe auch: FAZ.NET-Sonderseite: Wimbledon 2009)
Super, Tommy!
Anna Schuster (Anna_Schuster)
- 02.07.2009, 14:34 Uhr