28.07.2010 · Er war einst der beste bundesdeutsche Stabhochspringer. Nun ist er als Vizepräsident für den Leistungssport zur Leichtathletik zurückgekehrt. Günther Lohre im Gespräch über damals und heute, genetische Nachteile und den Wert von Kontrollen.
Die Leichtathletik kehrt nach Barcelona zurück. Seit 1992 hat sich der Blick auf die Leichtathletik verändert . . .
Sie steht stellvertretend für die Missstände im Spitzensport. Stichwort Doping. Damals war das kein Thema, heute ist es eins. Wir müssen diesen Teufelskreis durchbrechen, um der Sportart wieder eine Perspektive zu geben. Der Deutsche Leichtathletik-Verband bezieht Stellung. Aber wir werden nicht aus dieser Falle herauskommen, wenn wir weiter nur auf Dopingkontrollen setzen.
Ist der Sport heute sauberer als 1992?
Ich glaub's nicht. Es gibt sicher ein paar Länder, in denen man diese verdeckten Manipulationen zurückgedrängt hat. Ich will den DLV dazu zählen, obwohl ich nicht sagen kann: Wir sind zu hundert Prozent dopingfrei. Aber ich habe auch keine Anzeichen dafür, dass bei uns manipuliert wird. Ich würde mir wünschen, dass alle sauber sind.
Wie sollen deutsche Athleten mit Athleten konkurrieren, die wahrscheinlich manipulieren? Wie hält sich Nadine Kleinert, wenn sie sich mit drei Weißrussinnen messen muss?
Sie hat ihre eigene Strategie. Sie würde es nicht als Niederlage sehen, von ihnen geschlagen zu werden. Manche Athleten sagen sogar: Wenn ich das Gefühl habe, dass jemand manipuliert, dann schüttele ich ihm nicht die Hand auf dem Siegertreppchen.
Ist es nicht zynisch, seine Athleten in den Wettkampf mit Dopern zu schicken und zugleich saubere Medaillen von ihnen zu verlangen?
Wenn wir davon überzeugt wären, dass man Medaillen nur gewinnen kann, wenn man dopt, müssten wir konsequenterweise aus diesem Sport aussteigen. Aber wir sehen unglaublich viel Potential. Wenn wir das alles erschließen, sind wir wettbewerbsfähig.
In allen Disziplinen?
Es gibt natürlich Disziplingruppen, in denen es ethnische Vorteile gibt. Ein Langläufer aus Ostafrika entstammt üblicherweise einer Volksgruppe, die seit Jahrtausenden in der Höhe lebt und sich völlig anders ernährt und völlig anders lebt. Da ist die Konkurrenz sehr schwer. Gleiches gilt für den Sprint. Bei den Athleten aus der Karibik haben wir es ja, von der Abstammung her, mit Athleten aus Westafrika zu tun. Sie haben genetische Vorteile. Vor wenigen Wochen ist zum ersten Mal ein Weißer unter zehn Sekunden gelaufen. Das ist ein Zeichen für genetische Nachteile.
Für Christophe Lemaitre, der die 9,98 Sekunden gelaufen ist, gelten diese Nachteile nicht?
Doch. Aber er hat sie wettgemacht. Ebenso wie die Amerikaner mit ihrem Oregon-Projekt ihre genetischen Nachteile im Langstreckenlauf auszugleichen versuchen. Chris Solinsky ist der erste Läufer unter 27 Minuten auf den 10 000 Metern, der nicht aus Afrika stammt.
Wie sehen Sie den Sprint an diesem Mittwoch zwischen dem einstigen Doping-Sünder Dwain Chambers und Christophe Lemaitre: Ist das Schwarz gegen Weiß, Böse gegen Gut?
Das ist eine sehr große Projektionsfläche. Ich finde, wenn Chambers seine zwei Jahre Strafe für Doping verbüßt hat, müssen wir ihn wieder aufnehmen. Ich halte es für falsch, dass die Veranstalter der Diamond League ihn nicht verpflichten und dass der britische Verband ihn von den Olympischen Spielen ausschließt.
Er sieht aus wie früher, er rennt so schnell wie früher. Glauben Sie, dass er sauber ist?
Auf Kontrollen, das ist ja der Punkt, können wir uns nicht verlassen. Die Versuche, das Problem technisch zu lösen, versagen. Wir wissen, dass nicht alles gefunden wird. Die einzige Chance, die wir haben, ist, Athleten Einstellungen und Werte zu vermitteln. Wir müssen ihnen deutlich machen, was das für eine Leistung ist, eine Karriere im Spitzensport sauber hinter sich zu bringen: Man kann sein Leben lang stolz darauf sein.
Sie waren vor dreißig Jahren, in der Zeit des Kalten Krieges, Leistungssportler. Sie haben in Amerika studiert. Sind Sie mit Dopingmitteln in Berührung gekommen?
Es wurde so über Trainer herangetragen. Da fragte einer: Hast du schon mal überlegt, ob du was nehmen willst? Die anderen nehmen es auch. Gesundheitlich ist das kein Problem, und bei den Kontrollen passiert nichts. Überleg's dir!
Und?
Ich habe Nein gesagt. Die Folge war, dass es eine Zwei-Klassen-Gesellschaft gab: die Harten, die richtig wollten, die Medaillengewinner. Und die Weicheier. Bei mir wusste man nicht, ob ich nicht darüber sprechen würde. Es gab damals einen inneren Zirkel derjenigen, die das Zeug mit Löffeln gefressen haben.
Sie hätten Ihre Bestleistung von 5,65 Meter mit Steroiden um zehn Zentimeter verbessern können!
Ich war damals so gnadenlos selbstbewusst, dass ich gedacht habe: Ich werde auch so der Beste. Ich habe mich mehrmals am damaligen Weltrekord von 5,71 Meter versucht. 5,85 Meter habe ich mir am Ende meiner Karriere zugetraut, sauber. Aber ich habe Achillessehnenprobleme bekommen.
Sind Sie bestraft worden für die Weigerung mitzumachen?
Für Los Angeles 1984 bin ich nicht nominiert worden. Ich war in der Form meines Lebens. Und die sagen mir: Du bist zu alt für eine Endkampfchance. Das war völliger Blödsinn. Die Bronzemedaille ging mit 5,45 Meter weg. Ich bin reihenweise 5,50 Meter gesprungen. Die haben damals den Stabhochsprung einfach nicht besetzt.
Das war die Zeit des Bundesausschuss Leistungssport unter Leitung von Helmut Meyer . . .
Meyer ist tot. Man sollte nicht schlecht von ihm reden. Aber man kann wohl sagen, dass er einer von denen war, die von Verbandsseite her Doping geduldet haben. Später, nach seiner Zeit als DLV-Präsident, hat er seine Position revidiert.
Sie sind mit einer Sprinterin verheiratet, Ihr Sohn ist Stabhochspringer, Sie waren nie ganz weg von der Leichtathletik. Begegnet Ihnen im Verband der Geist von damals?
Ich kenne nur den alten Westen. Wir beschäftigen nun auch Trainer und Angestellte, die im Osten groß geworden sind. Ich habe den Eindruck, wir sind von Grund auf erneuert. Der Verband hat ein Interesse daran, dass der Sport sauber bleibt. Alle wissen: Wenn wir Doping nicht zurückdrängen, gibt es noch zwanzig Jahre Leichtathletik. Und dann ist Schluss.