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Großmeister Hübner : „Schach ist kein Sport“

  • -Aktualisiert am

Deutschlands bester Schachspieler: Robert Hübner Bild: picture-alliance / dpa

Schach kann so wenig einen bleibenden Platz im Kreise der echten Sportarten erwerben wie ein Entlein dauernde Aufnahme in einer Schwanenfamilie. Es gehört in den etwas unbestimmten Bereich der Kulturgüter.

          Am 14. Oktober hat der zurzeit laufende Weltmeisterschaftskampf im Schach zwischen Anand und dem Herausforderer Kramnik begonnen. Er wird in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bonner „Museumsmeile“ ausgetragen. Es ist das erste Mal, dass man ein Museumsgebäude für den Rahmen einer solchen Veranstaltung hält. Im Museum werden Gegenstände aus der Vergangenheit aufbewahrt, die man für erhaltenswert erachtet. Gehört der Zweikampf um die Weltmeisterschaft im Schach zu diesen Dingen?

          Zweikämpfe zwischen den anerkannt stärksten Schachspielern der Zeit gibt es seit Beginn des 19. Jahrhunderts. Aber zunächst schmückte man sie nicht mit der Bezeichnung „Weltmeisterschaft“. Der Titel „Weltmeister“ wurde von Wilhelm Steinitz (1836–1900) eingeführt, der sich jahrzehntelang als der stärkste aller lebenden Schachmeister behaupten konnte. Er erblickte in Prag das Licht der Welt, lebte später lange in England und ließ sich schließlich in den Vereinigten Staaten nieder. Es wird niemanden verblüffen, dass ihm der Gedanke, diesem Wort offizielle Kraft zu verleihen, gerade im Land der unbegrenzten Möglichkeiten kam.

          Chaos ersetzte die klaren Regeln

          Der Titel war damals Privatbesitz; man konnte den Weltmeister nur vom Thron stoßen, indem man ihn zu einem Wettkampf herausforderte und ihn besiegte. Er verwaltete den Titel nach Belieben und konnte dem Herausforderer alle Wettkampfbedingungen vorschreiben; nur der Druck der öffentlichen Meinung setzte seiner Willkür Schranken. Dies empfand man als unbefriedigend; daher übernahm der 1924 gegründete Weltschachbund nach dem Zweiten Weltkrieg die Organisation der Weltmeisterschaft.

          Das Spiel ist ein Kulturgut, kein Sport, meint Robert Hübner

          Der Herausforderer wurde in einem fest geregelten, klar durchschaubaren Qualifikationszyklus ermittelt; alle drei Jahre fand ein Titelkampf statt, der über 24 Partien ging. Dieses bewährte System blieb mit kleinen Änderungen und gelegentlichen Abweichungen bis Mitte der neunziger Jahre in Kraft. Danach ersetzte der Weltschachbund die klaren Regelungen durch ein Chaos. Die Qualifikationsstrukturen wurden zerschlagen, und es wurde mit stets anderen Formen zur Ermittlung des Weltmeisters Versuche angestellt.

          Verfahren für geringe Aufmerksamkeitsspanne

          Besonders neuartig und ungewöhnlich war folgendes Verfahren. Ein vielen Spielern zugängliches Turnier wurde ausgeschrieben, in dem nach einem Ausscheidungsverfahren in ganz kurzen Zweikämpfen auf einen Gewinner hingearbeitet wurde; wer schließlich übrigblieb, durfte sich Weltmeister nennen. Viele Spitzenspieler meinten, dass diese Regelung dem Paarungszufall und einzelnen zufälligen Ausrutschern zu viel Gewicht verleihe, und hielten sich von diesen Veranstaltungen fern.

          Die Namen der Sieger haben im Gedächtnis derjenigen, die sich für Schachgeschichte interessieren, keine tiefen Wurzeln schlagen können, während früher die Person des Weltmeisters stets über längere Zeit allgemeine Bekanntheit genoss und besondere Beachtung fand.

          Geschichte ist nur als Ordnung verständlich

          Vielleicht ist diese Entwicklung kennzeichnend für eine Zeit, in der das Gedächtnis und die Aufmerksamkeitsspanne der Menschen besonders kurz geworden sind, in der jedes Bild in Blitzesschnelle von einem anderen verdrängt, keiner Erscheinung einige Dauer gewährt wird. Es ist ja keineswegs nötig, dass jeder einen festen Begriff davon hat, wer nun gerade Schachweltmeister ist.

          Dennoch sucht der Weltschachbund jetzt wieder an die Tradition der Zweikämpfe anzuknüpfen. Es fehlt jedoch an klaren Qualifikationsstrukturen zur Ermittlung des Herausforderers. Wenn auch Kramnik sicher ein würdiger Gegner für den Weltmeister ist, so weiß doch niemand genau, wieso eigentlich er und nicht ein anderer der ungefähr ebenbürtigen Spitzenspieler an diese Stelle gerückt ist.

          Der Versuch des Weltschachbundes kann nicht glücken. Geschichte ist nur als Ordnung verständlich; Geschichtsbetrachtung setzt Ordnungsbewusstsein voraus. Daran fehlt es in den Kreisen, die für die Organisation des Schachbetriebs zuständig sind; daher gehören langwierige Zweikämpfe um die Weltmeisterschaft in eine vergangene Zeit. Die Veranstaltung ist also anscheinend im Museum gut aufgehoben.

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