23.10.2008 · Schach kann so wenig einen bleibenden Platz im Kreise der echten Sportarten erwerben wie ein Entlein dauernde Aufnahme in einer Schwanenfamilie. Es gehört in den etwas unbestimmten Bereich der Kulturgüter.
Von Robert HübnerAm 14. Oktober hat der zurzeit laufende Weltmeisterschaftskampf im Schach zwischen Anand und dem Herausforderer Kramnik begonnen. Er wird in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bonner „Museumsmeile“ ausgetragen. Es ist das erste Mal, dass man ein Museumsgebäude für den Rahmen einer solchen Veranstaltung hält. Im Museum werden Gegenstände aus der Vergangenheit aufbewahrt, die man für erhaltenswert erachtet. Gehört der Zweikampf um die Weltmeisterschaft im Schach zu diesen Dingen?
Zweikämpfe zwischen den anerkannt stärksten Schachspielern der Zeit gibt es seit Beginn des 19. Jahrhunderts. Aber zunächst schmückte man sie nicht mit der Bezeichnung „Weltmeisterschaft“. Der Titel „Weltmeister“ wurde von Wilhelm Steinitz (1836–1900) eingeführt, der sich jahrzehntelang als der stärkste aller lebenden Schachmeister behaupten konnte. Er erblickte in Prag das Licht der Welt, lebte später lange in England und ließ sich schließlich in den Vereinigten Staaten nieder. Es wird niemanden verblüffen, dass ihm der Gedanke, diesem Wort offizielle Kraft zu verleihen, gerade im Land der unbegrenzten Möglichkeiten kam.
Chaos ersetzte die klaren Regeln
Der Titel war damals Privatbesitz; man konnte den Weltmeister nur vom Thron stoßen, indem man ihn zu einem Wettkampf herausforderte und ihn besiegte. Er verwaltete den Titel nach Belieben und konnte dem Herausforderer alle Wettkampfbedingungen vorschreiben; nur der Druck der öffentlichen Meinung setzte seiner Willkür Schranken. Dies empfand man als unbefriedigend; daher übernahm der 1924 gegründete Weltschachbund nach dem Zweiten Weltkrieg die Organisation der Weltmeisterschaft.
Der Herausforderer wurde in einem fest geregelten, klar durchschaubaren Qualifikationszyklus ermittelt; alle drei Jahre fand ein Titelkampf statt, der über 24 Partien ging. Dieses bewährte System blieb mit kleinen Änderungen und gelegentlichen Abweichungen bis Mitte der neunziger Jahre in Kraft. Danach ersetzte der Weltschachbund die klaren Regelungen durch ein Chaos. Die Qualifikationsstrukturen wurden zerschlagen, und es wurde mit stets anderen Formen zur Ermittlung des Weltmeisters Versuche angestellt.
Verfahren für geringe Aufmerksamkeitsspanne
Besonders neuartig und ungewöhnlich war folgendes Verfahren. Ein vielen Spielern zugängliches Turnier wurde ausgeschrieben, in dem nach einem Ausscheidungsverfahren in ganz kurzen Zweikämpfen auf einen Gewinner hingearbeitet wurde; wer schließlich übrigblieb, durfte sich Weltmeister nennen. Viele Spitzenspieler meinten, dass diese Regelung dem Paarungszufall und einzelnen zufälligen Ausrutschern zu viel Gewicht verleihe, und hielten sich von diesen Veranstaltungen fern.
Die Namen der Sieger haben im Gedächtnis derjenigen, die sich für Schachgeschichte interessieren, keine tiefen Wurzeln schlagen können, während früher die Person des Weltmeisters stets über längere Zeit allgemeine Bekanntheit genoss und besondere Beachtung fand.
Geschichte ist nur als Ordnung verständlich
Vielleicht ist diese Entwicklung kennzeichnend für eine Zeit, in der das Gedächtnis und die Aufmerksamkeitsspanne der Menschen besonders kurz geworden sind, in der jedes Bild in Blitzesschnelle von einem anderen verdrängt, keiner Erscheinung einige Dauer gewährt wird. Es ist ja keineswegs nötig, dass jeder einen festen Begriff davon hat, wer nun gerade Schachweltmeister ist.
Dennoch sucht der Weltschachbund jetzt wieder an die Tradition der Zweikämpfe anzuknüpfen. Es fehlt jedoch an klaren Qualifikationsstrukturen zur Ermittlung des Herausforderers. Wenn auch Kramnik sicher ein würdiger Gegner für den Weltmeister ist, so weiß doch niemand genau, wieso eigentlich er und nicht ein anderer der ungefähr ebenbürtigen Spitzenspieler an diese Stelle gerückt ist.
Der Versuch des Weltschachbundes kann nicht glücken. Geschichte ist nur als Ordnung verständlich; Geschichtsbetrachtung setzt Ordnungsbewusstsein voraus. Daran fehlt es in den Kreisen, die für die Organisation des Schachbetriebs zuständig sind; daher gehören langwierige Zweikämpfe um die Weltmeisterschaft in eine vergangene Zeit. Die Veranstaltung ist also anscheinend im Museum gut aufgehoben.
Das Schachbrett ist der Mittelpunkt
Die Partien werden in einem kleinen Theatersaal gespielt, der zur Einrichtung des Ausstellungsgeländes gehört. Den eintretenden Besucher empfängt stimmungsvoller Dämmer. Niederwärts steigende Sitzreihen laufen auf eine Bühne am Grunde zu, auf der die beiden Spieler einander gegenübersitzen.
Sie sind in gleißendes Licht getaucht; sie erscheinen winzig, in unwirkliche Ferne gerückt, so als hielte man sein Opernglas umgekehrt vor die Augen. Über ihren Köpfen beherrscht ein riesiges elektronisches Schaubrett die Wand. Auf ihm ist in großer Übersichtlichkeit dargestellt, wie es steht, wer am Zuge ist, wie viel Bedenkzeit jeder der beiden Spieler verbraucht hat und welche Züge bisher ausgeführt worden sind. Das Geschehen auf dem Schachbrett ist in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt.
Nicht jede Art von Aufmerksamkeit ist werthaltig
Bei dem letzten Weltspitzenturnier, das in Bilbao stattfand, verfuhr man anders. Man stellte die Spieler in einem Glaskasten auf dem am stärksten belebten Platz der Stadt zur Schau. Nicht die Züge auf dem Schachbrett wurden als das Wichtigste erachtet, sondern die Gesichtszüge der Kämpfenden. Die Verzerrungen und Verrenkungen, welche die mit dem Spielen verbundene Gedanken- und Gefühlsarbeit hervorruft, sollten den Neugierigen so weit wie möglich zur Betrachtung bloßgelegt werden. Die Begründung, welche für diese Vorgehensweise vorgebracht wird, ist diese: Man wolle das Spiel auch Regelunkundigen nahebringen. Es bleibt aber zu überlegen, ob zu diesem Zwecke alle Mittel recht sind.
Nachdem die altrömischen Gladiatorenkämpfe ihres sakralen Charakters entkleidet waren, dienten sie der Unterhaltung der Volksmengen, die sich an den Qualen der Opfer ergötzen konnten. In vielen Kulturkreisen haben zu verschiedenen Zeiten öffentliche Züchtigung und Hinrichtung von Verurteilten ähnliche Gefühlsschichten angesprochen. Sicher ist es um einiges harmloser, wenn man die Qualen der schaffenden Schachspieler der gaffenden Menge schmackhaft machen will; erstrebenswert ist es dennoch nicht. Das Ziel, auf jede mögliche Art Aufmerksamkeit zu erregen, ist zweifelhafter Natur, denn nicht jede Art von Aufmerksamkeit ist werthaltig.
Schach gehört in den etwas unbestimmten Bereich der Kulturgüter
Bei allen Sportarten ist der körperliche Einsatz wesentlicher Bestandteil der sportlichen Tätigkeit. Es mag hier anregend sein, den Bewegungen des Körpers zu folgen. Schach ist jedoch kein Sport. Das erhellt bereits daraus, dass viele glänzende Partien von schwerkranken Spielern geschaffen worden sind. Das Wesentliche des Schachspielens besteht im Erkennen von abstrakten Kräfteverhältnissen und im Auffinden von geeigneten Lösungen zu ihrer Verwaltung. Dazu braucht man einen einsatzfähigen Kopf; verhältnismäßig nebensächlich ist jedoch die Aufgabe des Gehirns, Befehle zur Ausführung von Tätigkeiten möglichst schnell an die Gliedmaßen zu übermitteln, welche bei jedem Sport eine Hauptrolle spielt.
Es sind also die Anstrengungen verfehlt, dem Schach einen Platz im Interessenbereich derjenigen sichern zu wollen, welche nur schaulustig sind. Das Spiel hat dem nichts zu bieten, der nicht über elementare Regelkenntnisse verfügt. Das Schach kann so wenig einen bleibenden Platz im Kreise der echten Sportarten erwerben wie ein Entlein dauernde Aufnahme in einer Schwanenfamilie. Es gehört in den etwas unbestimmten Bereich der Kulturgüter. Sein Wert und seine Bedeutung bestehen unter anderem darin, dass es die Möglichkeit gewährt, inhaltlichen Fragen ohne aufgeregtes Hetzen und ohne Eigenbelang in fröhlichem Forschen nachzuspüren.
Es ist sehr erfreulich, dass dieser Gesichtspunkt wieder einmal ins öffentliche Bewusstsein gerückt wurde, indem die Austragung der Weltmeisterschaft ins Museum gelegt und das Hauptaugenmerk auf die Vermittlung des Geschehens auf dem Schachbrett gerichtet wurde, nicht auf die Besprechung der Geschehnisse neben dem Brett. Es ist zu wünschen, dass dieser Ansatz Schule macht.