Home
http://www.faz.net/-gub-12nec
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Großes Tennis Spiel, Kuss und Dach für Wimbledon

18.05.2009 ·  Wimbledon hat sich regenfest gemacht. Die Eröffnungs-Gala auf dem geschlossenen Centre Court mit Steffi Graf und Andre Agassi weckt Erinnerungen und gewährt einen Blick in die Zukunft.

Von Wolfgang Scheffler, London
Artikel Bilder (1) Bildergalerie Lesermeinungen (0)

Man kann sicherlich nicht behaupten, das Wetter habe es immer gut gemeint mit Wimbledon. Auch an diesem Sonntag im Wonnemonat Mai war im Südwesten von London von Frühling oder gar von Frühsommer nichts zu spüren: 14 Grad, immer wieder peitschender Regen und ein starker, kalter Wind. Aber die äußeren Bedingungen waren wie geschaffen, um zu demonstrieren, was in dieser Konsequenz vielleicht nur das wichtigste Tennisturnier der Welt schafft: die Tradition zu bewahren und sich doch nicht, wenn auch nach langem Drängen vor allem der Fernsehanstalten, dem Fortschritt zu verschließen.

Der Regen pausierte lange genug, damit das neue Schiebedach gegen Mittag geöffnet werden konnte, und er wartete, bis sich um 14:50 Uhr Ortszeit die beiden Hälften unter dem Jubel der 15,000 Fans auf dem ausverkauften Centre Court wieder geschlossen hatten. Drei Minuten später setzte der Niederschlag ein - aber keiner der Gala-Gäste bekam davon etwas mit. Das Dach schluckt den Regen, der über Abflüsse in die Kanalisation geleitet wird, fast lautlos.

Kim Clijsters kehrt zurück auf die Tour

Die große Eröffnungsgala unter dem Motto „A Centre Court Celebration“ demonstrierte trefflich, warum sich Wimbledon gegen die Unbill der Witterung wappnen muss. Und sie lieferte mit den sportlichen Hauptakteuren Steffi Graf und ihrem amerikanischen Ehemann Andre Agassi sowie der Belgierin Kim Clijsters und dem Engländer Tim Henman nicht nur Erinnerungen an glorreiche Tennistage der Altmeister. Sie bot mit dem neuen Schmuckstück auch einen Blick in die Zukunft des Turniers.

Großes Tennis: Spiel, Kuss und Dach für Wimbledon

Und schließlich hatte das Fest auch dafür gesorgt, dass die ehemalige Weltranglistenerste Kim Clijsters, mit knapp 26 Jahren mit Abstand die Jüngste im Bund, im Sommer in Amerika wieder auf die WTA Tour zurückkehren wird und die Fans einen ihrer Lieblinge wiedersehen. Denn der jungen Mutter hatte das Training für diesen Anlass nach zweijähriger Pause so viel Spaß gemacht, dass sie beschloss, ihren sportlichen Ruhestand aufzugeben.

Rank und schlank dank Radfahren, Laufen und Pilates

Auch Steffi Graf, die am 14. Juni 40 Jahre alt wird, fragte nach ihrer knappen 4:6-Niederlage gegen die Flämin, ob sie nicht eine Wildcard für das diesjährige Wimbledon-Turnier haben könne. Das war natürlich ein Scherz einer Frau, die sich knapp zehn Jahre nach ihrem letzten Match auf dem „heiligen Rasen“, einer Finalniederlage gegen die Amerikanerin Lindsay Davenport, so locker, so gelöst gab wie nie in ihrer aktiven Zeit.

Rank und schlank, vielleicht sogar dünner als in ihren aktiven Tagen, bot sie nach nur zweimonatigem sporadischem Training mit ihrem Mann der Belgierin Kim Clijsters, die seit Monaten intensiv an ihrem Comeback arbeitet, erbitterten Widerstand. Steffi Grafs Vorhand kommt noch immer knallhart - und die Beine sind, wie ihre Gegnerin befand, „immer noch da“. Die Schnelligkeit und Beweglichkeit verdankt Steffi Graf ihrem Fitnessprogramm: „Radfahren, Laufen auf dem Laufband und Pilates.“

Im Gegensatz zu Steffi Graf hat Andre Agassi deutlich zugelegt

Ihr Ehemann dagegen ließ es nach seinem Abschied von Wimbledon vor drei Jahren - mit einer Niederlage gegen den Spanier Rafael Nadal - sportlich viel ruhiger angehen. Man sieht es ihm an. Er hat deutlich zugelegt, aber es reichte, um den englischen Liebling Tim Henman, der mittlerweile fast nur noch Golf spielt und an diesem Mittwoch beim ProAm der BMW PGA Championship in Wentworth mit John Daly antritt, 6:4 zu besiegen.

Agassi kann immer noch gewaltig auf den Ball dreschen, aber mittlerweile ist er vor allem als Entertainer eine Klasse für sich. Mit Aussagen, wie: „Als ich zusagte, hier anzutreten, habe ich mit dem Training begonnen. Aber als ich hörte, dass ich gegen Tim Henman spiele werde, habe ich damit wieder aufgehört“, traf er die Stimmung dieses Tages, an dem die Matches über einen Satz nicht mit tierischem Ernst ausgetragen wurden.

Das Dach wurde allgemein gelobt

Agassi ist der geläuterte Wimbledonhasser, ein Mann, der dem Turnier drei Jahre fernblieb, ehe er 1992 nach der freiwilligen Pause seinen ersten großen Triumph feierte - im Finale gegen den Kroaten Goran Ivanisevic. Er versteht sich auf die große Show wie kein anderer Tennisstar. Vor dem Mixed mit seiner deutschen Ehefrau gegen das Duo Clijster/Henman gab er „Steff“, wie er sie nennt, einen schmatzenden Kuss auf die Lippen und wiederholte das nach gelungenen Schlägen seiner Angetrauten: ein richtiges „Liebes-Mixed“ also, bei dem nicht einmal störte, dass die Gegner am Ende im TieBreak mit 8:6 das bessere Ende für sich hatten.

Aber der Sport spielte an diesem Tag ohnehin die zweite Geige. Es ging vor allem darum, den Centre Court und das Belüftungssystem bei geschlossenem Dach und vollem Haus zu testen. Im Urteil waren sich alle vier Spieler einig. Das Dach habe keinerlei Einfluss auf die Spielbedingungen, es verändere nichts. Ja, alle vier gingen noch einen Schritt weiter: Das Dach steigere die ohnehin schon grandiose Atmosphäre dieses einmaligen Ortes. Der Beifall der Fans, der zu den Spielern nach unten dringt, werde in der zeitweiligen Tennishalle von Wimbledon noch verstärkt. „Dieses Dach wird dafür sorgen, dass hier noch spektakuläreres Tennis geboten wird“, behauptete Agassi. Vom 22. Juni an folgt die Probe aufs Exempel.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1948, Sportredakteur.

Jüngste Beiträge

Ein Renner

Von Michael Wittershagen, Monte Carlo

Mit 43 Jahren beschleunigt Michael Schumacher noch einmal - sich und andere. Doch die Maschine zeigt ihm immer wieder Grenzen auf. Die Führung des Teams steht nun in der Verantwortung. Mehr