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Hawaii vor dem Ironman : Beispielloses Happening des Körperkults

In Kailua-Kona gibt es derzeit eine Zurschaustellung der Körperwelten. Bild: Michael Eder

Kailua-Kona ist ein verschlafenes Örtchen auf Hawaii. Zum Ironman aber kommen 2500 der fittesten Menschen des Planeten. Vor dem Start gibt es einigen Klamauk – wie den Unterhosen-Lauf.

          Die Spannung steigt. Jeden Tag ein bisschen mehr. An diesem Samstag geht es auf Hawaii wieder um den ultimativen Sieg im Triathlon, um die Ironman-Weltmeisterschaft. 92 Profis (53 Männer und 39 Frauen) und rund 2400 Amateure gehen auf Big Island in einen atemraubenden Wettkampf: 3,8 Kilometer Schwimmen im offenen Meer, 180 Kilometer Radfahren durch die Lavawüste, 42,195 Kilometer Laufen in glühender Hitze und extremer Luftfeuchtigkeit. Die beiden Wochen vor dem Ironman machen aus dem verschlafenen Küsten- und Touristenörtchen Kailua-Kona ein beispielloses Happening des Körperkults. Zweieinhalbtausend der fittesten Menschen des Planeten bevölkern nach und nach die Stadt, sie bringen Freunde, Verwandte, Trainer mit, eine Woche vor dem Start sind sie alle da.

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Und die meisten stellen gerne zur Schau, wie sie ihre Körper geformt haben in den vergangenen Monaten und Jahren. Zum Stadtbild gehören schweißglänzende Athleten mit freiem Oberkörper und knappen Laufhosen, die Damen präsentieren der guten Sitten wegen zusätzlich knappe Oberteile. Morgens um sieben trifft man sich am Pier von Kona zum Schwimmtraining. Danach werden die sündhaft teuren Zeitfahrmaschinen auf dem Queen Ka'ahumanu Highway ausgefahren, schließlich gern noch ein Läufchen auf dem Alii Drive am Meer entlang – so verbringt man die Tage.

          Wenn es dann nur noch eine Woche ist bis zum Start, dann kommen die Sponsoren mit großen Lastwagen und bauen Kona zu mit Zelten und Märkten, Shops und Messen. Die Stimmung im Ort wird immer flirrender und irrer, dienstags ist die Nationenparade, in der die Teilnehmer nach Ländern sortiert durch Kona marschieren. Die Deutschen stellen mit 215 Startern nach den Vereinigten Staaten (640) die zweitstärkste Fraktion. An diesem Donnerstag erreicht die Karnevalstimmung ihren Höhepunkt. Beim Underpant Run, dem Unterhosen-Lauf, rennen Tausende leicht bekleidet durch die Stadt, sie zahlen 25 Dollar Startgebühr, die für soziale Zwecke gespendet werden. Der skurrile Lauf ist die lustig-selbstironische Antwort des Triathlonvolkes auf das Unverständnis, mit die Hawaiianer anfangs auf die Zurschaustellung der Körperwelten in der Ironman-Woche reagiert hatten.

          Animation: FAZ.NET-Multimedia

          Abseits des Triathlon-Klamauks ist die Vorbereitung auf der Rennen des Jahres für die Profi-Athleten eine ernste Sache. Sie halten sich aus dem Karneval heraus. Sie tragen Shirts. Der Schwabe Sebastian Kienle, der als einer der Favoriten ins Rennen geht, ist bereits fünf Wochen vor dem entscheidenden Startschuss in Kona eingetroffen. Er hat sich mit seiner Ehefrau Christine in einem schicken Hotel am Rande des Trubels eingerichtet. Besucht man ihn zehn Tage vor dem Rennen, so kommt man in ein Appartement, das eine Mischung aus Büro, Radwerkstatt und Paketannahmestelle ist.

          Zwei Rennmaschinen stehen im Wohnzimmer, sündhaft teure Laufräder daneben, und gerade kommt wieder ein Päckchen an, darin Laufschuhe von Kienles Ausrüster. Es sind die Rennschuhe für die Weltmeisterschaft. Kienle wird noch zweimal mit ihnen im Training laufen, dann haben sie ihren großen Auftritt am Samstag. Es sind keine gewöhnlichen Schuhe. Sie sind maßgeschneidert, und das darf man wörtlich nehmen. Zwei Wochen zuvor ist ein Spezialist des Ausrüsters aus Boston eingeflogen und hat Kienles Füße dreimal gescannt: Einmal am Morgen ohne vorherige Belastung, einmal gegen Mittag, dann noch einmal nach einem 20-Kilometer-Lauf. Die Ergebnisse bestimmten die Konstruktion der Schuh-Innereien.

          Kienle hat seine Ausrüstung jetzt soweit zusammen. Nur ein Paket fehlt noch. Es soll ein neues Tretlager für Kienles Rennmaschine liefern. Er wird es wahrscheinlich selbst einbauen, obwohl sein Radkomponenten-Ausrüster in der Rennwoche einen Mechaniker schickt. Kienle macht den Einbau lieber selbst. Er gibt die Verantwortung, dass alles perfekt funktioniert, nicht gern an andere ab. Und er kennt sich aus. „Ich habe früher in den Ferien oft genug im Radladen gejobbt“, sagt der ehemalige Physikstudent.

          Vorsicht, trainierende Athleten! Einmal im Jahr herrscht besonderer Betrieb in Kailua-Kona. Bilderstrecke

          Zu seinem Team in Kona gehören Trainer Lubos Bilek und ein tschechischer Physiotherapeut, der selbst beim Ironman startet und gute Chancen hat, die Overall-Wertung der Amateure zu gewinnen. Hinzu kommen zwei Trainingspartner, der Schweizer Routinier Ronnie Schildknecht und der Freiburger Maurice Clavel, der seinen Einstand auf Hawaii gibt. Noch zehn Tage vor dem Start sah man Kienle und seine Trainingsgruppe morgens im Freibad von Kona ihre Bahnen ziehen, danach wurde zwei Stunden Rad gefahren und ebenso lang gelaufen.

          In der Woche vor dem Rennen geht es dann nur noch darum, Körper und Geist bei Laune zu halten. Etwa acht Stunden Training stehen dann noch auf dem Programm. Wenn nun die Spannung von Tag steigt und mit ihr die Nervosität, kommen die Medien- und Sponsorentermine, die jetzt auf dem Programm stehen, nicht einmal ungelegen. Sie bringen Ablenkung, dürfen aber auch nicht zu viel Konzentration kosten. „Man kann sich mental kaputtmachen, wenn man jeden Tag fünf Stunden über das Rennen redet“, sagt Kienle. „Und man kann auch nicht die ganze Woche vor lauter Anspannung mit einem Ruhepuls von 120 rumlaufen. Man muss eine Balance finden.“

          Titelverteidiger Patrick Lange aus Darmstadt sieht das ähnlich. „Was du in der Rennwoche machst, muss von der Intensität her passen. Du darfst nicht durchdrehen.“ Lange ist aus seinem Trainingslager in Texas zehn Tage vor dem Rennen angereist, mit der relativ kurzen Akklimatisierung an die extremen klimatischen Bedingungen auf Hawaii hat er gute Erfahrungen gemacht.

          Sein Trainer Faris Al-Sultan, der 2005 selbst auf Hawaii gewann, ist erst dienstags eingeflogen, auch er hält nichts davon, sich dem Trubel von Kailua-Kona länger als nötig auszusetzen. Seine Aufgabe so kurz vor dem Saisonhöhepunkt liegt vor allem im mentalen Bereich. „Er wird mich noch mal ein bisschen runterdrosseln.“ Wie ist das mit der Anspannung? „Das läuft wellenmäßig“, sagt Lange. „Manchmal denkt man, alles ist cool und easy going, und dann hat man wieder eine Trainingseinheit, die nicht gut läuft, und dann denkt man, was mache ich hier überhaupt, ich werde nichts reißen können.“ Zweifel kommen und gehen. Die Nervosität bleibt. Und sie ist wichtig, findet Lange. „Nur mit ihr kann man an seine Maximalleistung herankommen.“

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